Excerpt for Tarhuna by Detlev Crusius, available in its entirety at Smashwords

Tarhuna


Detlev Crusius


ein autobiografischer Roman


Published by Detlev Crusius at Smashwords

Copyright Detlev Crusius 2011


Cover: Quelle: GlobalSecurity.Org http://www.globalsecurity.org/


Homepage Detlev Crusius


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Chapter 0

Prolog


Am 20. August 1996 berichteten die Medien über Lieferungen brisanter deutscher Technologien nach Libyen. Die Bild-Zeitung titelte in großen Buchstaben: »Auschwitz im Wüstensand«. Dem war eine Pressekonferenz der Staatsanwaltschaft Mönchengladbach nach der Verhaftung von Detlev Crusius vorausgegangen. Anklagepunkte: Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz, gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und gegen das UN-Embargo.

Das Wochenmagazin Der Spiegel schrieb einen detaillierten Bericht mit der Überschrift »Computer für die Giftküche: Deutsche Technologie für eine neue Giftgasfabrik im libyschen Tarhuna hat die Bundesrepublik wieder einmal in Verruf gebracht. Trotz in den letzten Jahren verschärfter Gesetze und Kontrollen ist es noch immer einfach, Zollbestimmungen zu unterlaufen. Versagt hat im Fall Tarhuna auch der Bundesnachrichtendienst.«

Der Bundestag beschäftigte sich im Dezember 1996 (Drucksache 13/6613 vom 19.12.1996) mit dem Skandal: »Drei deutsche Staatsbürger sollen in den Jahren 1990 bis 1993 mehrere Steuerungsanlagen des Typs Teleperm M AS 235 und OS 265 von der Firma Siemens über ein Geflecht von Firmen bezogen und nach Libyen geliefert haben, wo diese Anlagen zur Produktion von Giftgas in einem Tunnelsystem bei Tarhuna 65 Kilometer südlich von Tripolis eingesetzt werden könnten.«

In Beantwortung einer kleinen Anfrage von Abgeordneten der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN*, die Libyen Geschäfte seien unter Mitwirkung des BND abgewickelt worden, entgegnete der Vorsitzende der Parlamentarischen Kontrollkommission [PKK]: »Zu den jüngst bekanntgewordenen Versuchen deutscher Firmen, illegal Anlagenteile, die zur Herstellung von Chemiewaffen geeignet sind, von Deutschland über Belgien nach Libyen zu verbringen, stelle ich nach einem einstimmigen Votum der PKK fest: Es gibt für eine Beteiligung, eine Beihilfe oder eine unterstützende Mittäterschaft des BND, wie vereinzelt behauptet, keine tatsächlichen Anhaltspunkte. Anderslautende Behauptungen entbehren jeder Grundlage.«

Die deutsche Öffentlichkeit erinnerte sich noch gut an den Skandal um die Giftgasfabrik in Rabta, die von dem deutschen Anlagenbauer Imhausen nach Libyen geliefert wurde. 1990 brannte sie ab. Wie es zu dem Brand kam, ist bis heute nicht geklärt. Steckten westliche Geheimdienste dahinter, wie der libysche Staatspräsident Gaddafi es behauptet, oder waren es technische Pannen, nachdem das Fachpersonal aus den ehemaligen Ostblockstaaten aus Libyen abgezogen wurde?

Tarhuna sollte, so vermuteten nicht nur einige Bundestagsabgeordnete, Rabta ersetzen. Im deutschen Parlament musste die Bundesregierung Rechenschaft darüber ablegen, was man seit dem Imhausenskandal unternommen hatte, um solche Fälle zu unterbinden.

Einer der drei Angeklagten im Tarhunaskandal, der Drahtzieher und Mittelsmann Berge Balanian, konnte sich seiner Verhaftung entziehen. Vermutet wurde, dass der BND ihn rechtzeitig warnte, so dass er sich in den Libanon absetzen konnte.

Die beiden anderen Angeklagten wurden wegen Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz und das UN-Embargo verurteilt. Der Anklagepunkt Verstoß gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz, der mit einer Haftstrafe von 15 Jahren geahndet werden kann, wurde fallengelassen. Und das, obwohl es sich um Dual-Use-Güter handelte, die sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden können. Hätte man den Anklagepunkt aufrechterhalten, wären Regierungsvertreter und Mitarbeiter des BND in den Zeugenstand geladen worden. Daran schien niemand Interesse zu haben.

In diesem wie auch in späteren ähnlich gelagerten Prozessen zeigte sich, dass die Querverbindungen zwischen befreundeten wie gegnerischen Geheimdiensten und den sogenannten Terrorstaaten die Grenzen des Rechtsstaates häufig genug überschreiten.

Das Urteil im Prozess vor dem Landgericht Mönchengladbach anderthalb Jahre später gegen Detlev Crusius lautete: vier Jahre und drei Monate Haft. Sein Geschäftspartner kam mit dreieinhalb Jahren Haft davon.

Gemessen am ursprünglichen Tatvorwurf und der Maximalstrafe von 15 Jahren schien das Urteil milde. Zu erklären ist das damit, dass eine konsequente Aufdeckung aller Hintergründe des Vorfalls zu unkalkulierbaren Turbulenzen in weiten Bereichen der Politik und Wirtschaft geführt hätten.




* Die kleine Anfrage der Fraktion BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN

ist einzusehen unter:

http://dipbt.bundestag.de/dip21/btd/13/059/1305908.asc


Die Antwort der Bundesregierung auf die Kleine Anfrage:

http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/066/1306613.asc

Chapter 1


Er fuhr langsam. Die lange Fahrt von seiner Firma in Dresden bis zum Niederrhein steckte René Clausen in den Knochen. Es war der 8. August 1996, kurz vor Mitternacht.

Am letzten Autobahnkreuz waren ihm die Scheinwerfer eines Pkw aufgefallen, der ihm in mal längeren, mal kürzeren Abständen folgte. Das Kennzeichen konnte er in der Dunkelheit nicht erkennen. Er trat aufs Gaspedal, der Abstand zum Verfolger wurde größer, verringerte sich wieder, als der Fahrer hinter ihm ebenfalls beschleunigte. Er nahm das Gas etwas weg, wurde langsamer. Sein Verfolger rückte auf, drosselte dann aber auch die Geschwindigkeit. Der Abstand blieb immer gleich. Ein kleines Spiel in der Nacht.

Er erreichte die Ausfahrt zu seinem Heimatort. Der Wagen folgte ihm, bog ebenfalls ab. Jetzt musste René langsamer fahren, denn der Weg war schmal und kurvig, ging steil den Berg hinauf. Oben auf der Kuppe stand eine historische Mühle. Hinter der Mühle führte der Weg wieder hinunter, mündete in die Dorfstraße. Die Seitenränder waren nicht befestigt und häufig saßen Kaninchen oder Katzen auf der Straße.

Der fremde Wagen fuhr weiter hinter ihm, war jetzt dicht aufgerückt. René war müde, hatte neun Stunden Nachtfahrt hinter sich. Jetzt im Hochsommer fuhr er lieber am späten Abend, da war es kühler. Er wollte nur noch nach Hause und ins Bett.

Das letzte Stück führte über landwirtschaftliche Wege, durch Felder, vorbei an einem kleinen Wäldchen. Er erreichte die Straße, die zu seinem Haus führte. Der andere Wagen war dicht hinter ihm geblieben. René bog links in die Einfahrt. Die Scheinwerfer folgten ihm weiter. Er parkte vor der Garage und schaltete den Motor aus. Der fremde Wagen stellte sich quer hinter seinen.

Mit schweren Beinen stieg René aus, er wusste, was jetzt folgen würde. Seine Frau hatte das Hoflicht angelassen, und in dem schwachen Licht sah er drei Personen auf sich zukommen, zwei Männer und eine Frau. In seiner Erinnerung läuft alles wie in Zeitlupe ab. Einer der Männer war groß, bestimmt ein Meter neunzig, Vollbart. Der zweite war jünger, kleiner, etwa seine Größe, glatt rasiert. Die Frau war von kräftiger Statur. Sie stand ein paar Meter weiter, blickte die Straße rauf und runter.

Der Große hielt ihm einen Ausweis und ein rotes Stück Papier direkt vors Gesicht. Lesen konnte er im spärlichen Licht der Hofbeleuchtung nichts. Der Große nannte auch seinen Namen, den er aber nicht verstand.

»René Clausen?«

»Ja, was wollen Sie von mir?«

»Sie sind vorläufig festgenommen. Treten Sie an Ihren Wagen. Legen Sie die Hände auf das Dach, machen Sie die Beine breit.«

Es folgte ein kurzer Vortrag, den Clausen aber nur bruchstückhaft verstand. Kriegswaffenkontrollgesetz, Libyen, Verstoß gegen das UN-Embargo, das waren die Kernbegriffe, die bei ihm hängen blieben, als der mit dem Vollbart sprach.

René Clausen stand neben der Fahrertür seines Autos, die Hände auf dem Wagendach, vornübergebeugt mit gespreizten Beinen. Hände tasteten ihn ab. Befühlten die Nähte an seinem Hemdkragen, befingerten den Gürtel, die Säume seiner Jeans, fassten ihm zwischen die Beine, rauf und runter, innen wie außen. Routiniert.

Panik? Nein, er war nicht in Panik, er war vorbereitet, und jetzt war es so weit. Auch wenn er es sich so nicht vorgestellt hatte. Ein Schock? Ja, ein unbehagliches Gefühl stieg in ihm hoch. Nur ein Satz ging ihm immer wieder durch den Kopf: Nicht umkippen. Ruhe bewahren.

»Er ist sauber«, sagte der Jüngere.

»Nehmen Sie die Hände auf den Rücken«, befahl der mit dem Bart. Er hatte plötzlich Handschellen in der Hand. Handschellen klickten. Bevor er sich’s versah, stand er mit auf dem Rücken gefesselten Händen neben seinem Auto. Er hatte nun doch weiche Knie. Nur nicht umfallen, dachte er. Nerven behalten, das regelt sich alles.

»Gehen Sie zum Auto rüber und steigen Sie ein.«, sagte der mit dem Bart. Er hatte offenbar das Kommando.

»Meine Frau erwartet mich. Ich muss ihr Bescheid sagen.«

»Ihre Frau wird schon merken, dass Sie nicht kommen.«

»Sie wird sehr lange warten müssen«, ergänzte der Jüngere.

Die beiden fassten ihn rechts und links am Ellbogen und führten ihn die paar Meter zu ihrem quer stehenden Wagen. In diesem Moment fing Bessie, ihre Zwergschnauzerhündin, an zu bellen. Die Haustür öffnete sich, und seine Frau Svetlana kam auf den Hof. Selbst im kümmerlichen Licht der Hofbeleuchtung sah er ihren Schrecken.

»Svetlana, ruf bitte unseren Anwalt an, du weißt doch, den Grübner. Sag ihm, ich bin festgenommen worden. Und gib mir bitte den Pullover aus dem Kofferraum.« Er konnte plötzlich wieder denken und wusste, dass ihm eine lange Nacht bevorstand. Er fror in seinem dünnen Hemd.

Svetlana sagte kein Wort. Sie kam zum Wagen und holte ihm aus dem Kofferraum seinen Pullover. Die Frau, die bisher die Straße gesichert hatte, ließ sich den Pullover geben. Sie befingerte ihn und legte ihn auf den Rücksitz des Polizeiwagens. Plötzlich hatte er Angst, dass Svetlana keinen Schlüssel bei sich trug. Sie hatte die Tür zugeschlagen, damit der Hund nicht auf die Straße laufen konnte. Er wusste, wie oft sie sich bereits ausgesperrt hatte.

»Hast du den Haustürschlüssel?«, fragte er sie.

»Ja, habe ich.« Sie blickte ihn mit weit aufgerissenen Augen an.

Beruhigend sagte er: »Mach dir keine Sorgen, das klärt sich bestimmt schnell, ruf nur Grübner an, das ist wichtig.«

Die Frau nahm einen Kindersitz von der Rückbank und verstaute ihn im Kofferraum. Mit den Händen auf dem Rücken setzte er sich unbeholfen auf den Rücksitz des Autos. Alle stiegen ein. Der mit dem Bart fuhr, der Jüngere saß neben ihm. Die Frau saß vorne auf dem Beifahrersitz. Der Fahrer wendete. Das Letzte, was er wahrnahm, war Svetlana. Sie hatte sich keinen Millimeter bewegt. Ganz verloren stand sie da im schwachen Lichtschein der Eingangstür. Sie hatte ein grünes T-Shirt und Jeans an, die Arme vor der Brust und beide Hände vor den Mund gedrückt. Ihre Schultern krümmten sich nach vorn. Sie weinte.

Sie fuhren durch die dunklen Straßen. Die Uhr am Armaturenbrett zeigte Mitternacht. Der Fahrer nahm ein Mikro von der Konsole, tippte auf der Tastatur etwas ein und sagte:

»Objekt 1 festgenommen, keine Probleme.«

Knistern und atmosphärische Störungen drangen aus dem Lautsprecher. Dann eine Antwort: »Objekt 2 festgenommen, keine Probleme.«

Der Große hängte das Mikro wieder in die Halterung. Sie fuhren auf die Landstraße. Niemand sagte etwas.

Nach einer Weile, sie waren inzwischen auf der Autobahn, fragte Clausen: »Wohin fahren wir?«

Schweigen.

Nach einer längeren Pause sagte der Jüngere: »Ins Präsidium nach Mönchengladbach.«

Wieder Schweigen.

»Können Sie einigermaßen sitzen?«, fragte der Jüngere schließlich noch.

»Geht so.« Irgendwie stimmte Clausen die Frage optimistisch.

Nach knapp einer Stunde erreichten sie Mönchengladbach, kamen auf den Ring, fuhren hinter dem Gerichtsgebäude rechts in eine kleine Seitenstraße, bogen mehrmals nach rechts und links ab. Clausen verlor die Orientierung. Ein Eisentor rollte zur Seite, sie fuhren in einen Hof, der von grellen Scheinwerfern beleuchtet wurde. Obwohl er noch nie hier gewesen war, wusste er, wo er sich befand. Im Gefängnis.

Er musste aussteigen, wurde in einen Warteraum geführt. Justizbeamte in grünen Uniformen, drei oder vier, darunter eine Frau, erwarteten ihn.

»Stellen Sie sich an die Wand, Gesicht zur Wand«, sagte die Frau. Erneut wurde er abgetastet, so routiniert wie eben vor der Haustür. Dann nahm man ihm die Handschellen ab. Endlich konnte er seine steifen Arme nach vorne nehmen und die Handgelenke massieren.

»Setzen Sie sich hier hin«, sagte die Frau und deutete auf einen Stuhl. Sie stellte eine flache Holzkiste auf den kleinen Tisch neben dem Stuhl und sagte: »Machen Sie Ihre Taschen leer.«

Er stand auf, leerte seine Hosentaschen: ein 10-D-Mark-Schein und ein paar Münzen, das Wechselgeld vom letzten Rasthaus, seine Geldbörse, ein schmutziges Tempotaschentuch.

»Auch den Gürtel und die Uhr in den Kasten«, sagte die Frau. »Das Tempo stecken Sie wieder ein, den Ehering auch in den Kasten.«

Er zog den Gürtel aus der Hose, nahm die Uhr ab und zog seinen Ehering vom Finger, legte alles in den Holzkasten und setzte sich wieder.

Der junge Beamte, der im Wagen neben ihm gesessen hatte, sagte: »Damit Sie wissen, wie es weitergeht. Morgen werden Sie dem Haftrichter vorgeführt. Sie werden des Verstoßes gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz beschuldigt. Sie haben eine sehr hohe Haftstrafe zu erwarten. Gehen Sie mal von fünfzehn Jahren aus.«

Nerven behalten, sagte sich Clausen immer wieder, mehr hatte er nicht im Kopf. Wie ein Echo: Nerven behalten.

»Ich will meinen Anwalt sprechen.«

»Das können Sie morgen noch. Kommen Sie mit.«

Er stand auf. Zwei Beamte führten ihn durch einen langen nur schwach beleuchteten Gang. Auf beiden Seiten waren Zellen, eiserne Türen. Vor einer der Türen machten sie Halt. Einer schob den Riegel zurück, ein Schlüssel wurde umgedreht.

»Ziehen Sie die Schuhe aus. Die müssen hier stehen bleiben.«

Ihm ging durch den Kopf, dass man das in altmodischen Hotels in der Schweiz auch heute noch so machte. Da werden nachts die Schuhe geputzt.

Er zog die braunen Slipper aus, stellte sie neben die Zellentür. Durch die Socken meinte er zu spüren, wie dreckig der Boden war. Er ekelte sich, hier nur auf Strümpfen zu laufen.

Die Zelle war etwa zwei mal drei Meter groß. Eine schwach leuchtende Glühbirne an der Decke in einem Drahtkorb, wie eine Stalllampe, beleuchtete nur spärlich den Raum. Links an der Wand eine schmale Pritsche, mit Plastikfolie überzogen. Hier wurde vermutlich mit einem Wasserschlauch sauber gemacht, wenn ein Besoffener alles vollgekotzt hatte. Auf der Pritsche lag eine graue Wolldecke. Links neben der Tür stand ein Toilettentopf, ohne Deckel und ohne Brille. An der Schmalseite der Zelle ein vergittertes Fenster, zusätzlich noch mit Maschendraht gesichert. Es war heiß und stickig in dem Raum. Das Fenster war geschlossen, es roch nach Schweiß, Urin und nach scharfen Reinigungsmitteln. Staub hing in der Luft.

»Soll ich das Licht ausmachen?«, fragte der Beamte.

»Ja, machen Sie es ruhig aus.«

Die Tür schlug zu. Der Schlüssel drehte sich knirschend im Schloss. Der Riegel wurde krachend vorgeschoben. Das Licht erlosch. Schritte entfernten sich.

Langsam gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Vom Hof drang etwas Licht durch die Gitterstäbe. Er ging zur Pritsche, rollte seinen Pullover zusammen, legte ihn wie ein Kissen auf das Kopfende und legte sich hin. Die Wolldecke zog er nur bis zur Hüfte hoch, wollte sie nicht im Gesicht spüren. Er verschränkte die Hände hinter dem Kopf und starrte zur Decke. Langsam begriff er, was alles auf ihn zukommen würde.


Vor rund vier Wochen war René mit Svetlana in das kleine Haus in Südfrankreich gefahren, wohin sie immer fuhren, wenn sie sich mal zurückziehen wollten. Nur wenige Menschen wussten von ihrem Refugium, seine Mutter, seine beiden Schwestern und sein Schwager aus Basel. Sonst niemand. Drei oder vier Wochen wollten sie bleiben.

Am zweiten Urlaubstag hörte René abends seinen Anrufbeantworter per Fernabfrage ab. Zwei Meldungen waren eingegangen. Lücken, sein Steuerberater, bat um dringenden Rückruf, auch Babkin, sein Geschäftspartner in Belgien, wollte angerufen werden. Außerdem einige Anrufversuche ohne Nachrichten.

Es war so gegen zweiundzwanzig Uhr, als er Lücken endlich erreichte. Lücken redete nicht lange drum herum, war hörbar nervös.

»Ich hatte ungebetenen Besuch in meinem Büro. Auch bei Buzmann soll eine Hausdurchsuchung stattgefunden haben.«

Es war ein Tritt in die Magengrube. Mit Buzmann betrieb er eine gemeinsame Firma in Mönchengladbach. Er atmete schwer, war unfähig zu denken.

»Wer war denn da?«, wollte René wissen.

»Zoll aus Düsseldorf. Es geht um Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz und das Kriegswaffenkontrollgesetz. Irgendwas mit Libyen.«

René saß wie versteinert mit dem Handy in der Hand auf dem Bett. Lückens Stimme hörte er nur noch undeutlich.

»Hallo, hören Sie mich?«, fragte Lücken.

»Ja, ich höre Sie. Ich überlege nur, was ich tun muss. Wissen Sie, wo Grübner ist?«

Grübner, sein Anwalt, hatte René bei seiner Scheidung vor vier Jahren vertreten und geschäftliche Verträge für ihn entworfen.

Er hörte wieder Lückens Stimme.

»Grübner ist in Holland in seinem Ferienhaus. Ich gebe Ihnen seine Nummer. Er weiß Bescheid. Ich habe schon mit ihm gesprochen.«

Mit fahrigen Fingern suchte René auf dem Nachttisch nach Papier und Kugelschreiber. Er wollte Grübners Nummer notieren, aber der Kugelschreiber fiel ihm runter, seine Hand wollte ihm nicht gehorchen.

Svetlana war während des Gesprächs nach oben gekommen. An Renés Ton hatte sie gehört, dass etwas Unangenehmes passiert sein musste.

»Was ist los?«, fragte sie.

»Es hat bei Lücken eine Hausdurchsuchung gegeben, wegen meiner Geschäftskontakte nach Libyen.«

»Und was bedeutet das?«

»Ich weiß nicht, kann ich dir noch nicht sagen, jedenfalls nichts Gutes.«

»Wer war denn bei Lücken? Polizei?«

»Nein, der Zoll.«

»Dann ist es ja nicht so schlimm. Was kann der Zoll denn wollen? Du hast doch kein Rauschgift geschmuggelt.«

René rief Babkin Topalian an.

»Babkin, was gibt es?«

»Hast du gehört, es gibt Ärger«, sagte Babkin in seinem stark französisch gefärbten Deutsch.

»Ja, habe ich gehört.«

»Mach dir keine Sorgen, wir haben uns nichts vorzuwerfen, wir hatten Genehmigungen«, sagte Babkin.

»Lass uns jetzt Schluss machen. Ich ruf morgen von einem anderen Apparat aus der Stadt an.«

»Ja«, sagte Babkin, »ruf unsere Nummer für Notfälle an. Ruf gegen zehn Uhr an. Ich werde drüben warten.«

Für den Notfall hatte er ein zweites Telefon. Die Wohnung und auch das Telefon waren auf einen anderen Namen angemeldet.

Am nächsten Tag rief René Babkin von der Hauptpost in Lavandou an.

»Bei mir war niemand, bis jetzt wenigstens«, sagte Babkin. »Aber ich weiß, dass da irgendetwas im Gange ist. Deshalb hatte ich versucht, dich anzurufen.«

Babkin hatte gute Beziehungen zum Justizministerium in Belgien.

»Was sagen denn deine Quellen?«, wollte René wissen.

»Nicht viel. Man ist merkwürdig verschlossen. So kenne ich die gar nicht. Aber ich habe eine Warnung durch die Blume bekommen.«

»Ich komme sofort zu dir nach Belgien. Ich mache einen Umweg über Holland. Mein Anwalt ist dort in seinem Ferienhaus.«

»Ja gut. Komm bei mir vorbei, bevor du nach Deutschland fährst. Wir müssen reden, uns abstimmen. Die sind ja wohl bescheuert. Wir hatten Genehmigungen vom Handelsministerium in Brüssel. Wir sind doch keine Idioten. Wir haben uns nicht strafbar gemacht. Die machen bestimmt einen Rückzieher. Wir hatten doch Genehmigungen«, wiederholte er.

Die hatten sie wirklich gehabt. Für jede Schraube, die sie nach Libyen exportiert hatten. Es war ein aufwendiges Procedere beim Handelsministerium, bis alle Genehmigungen vorlagen. Die belgischen Behörden wollten ganz genau wissen, was da exportiert werden sollte, und René hatte alles offengelegt, nichts verheimlicht.

Sie hatten von Antwerpen aus exportiert. Was wollten also deutsche Behörden von ihnen? Das ging die doch nichts an.


René fuhr aufgewühlt nach Malmedy und traf Babkin auf dem Gestüt. Zu Hause bei ihm hatte es in seiner Abwesenheit auch eine Durchsuchung gegeben. Sogar auf dem Dachstuhl, der gar nicht zu ihrer Wohnung gehörte, hatte man Unterlagen gesucht. Bei Babkin war es weder in Aachen noch in Malmedy zu einer Hausdurchsuchung gekommen. Er wollte aber vorsichtshalber vorerst nicht nach Deutschland fahren.

Das Gespräch führten sie draußen neben einer der Pferdekoppeln, Babkin wollte nicht im Büro mit ihm reden. Vielleicht sollte auch Caren nichts mitkriegen.

Dann sagte Babkin zu René: »Mir kann ja nichts passieren, ich habe den Vertrag nicht unterschrieben. Aber ich verspreche dir, solange ich mich frei bewegen kann, werde ich dafür sorgen, dass dir auch nichts passiert. Du weißt, ich habe gute Beziehungen zum Dienst und die werde ich auch für dich einsetzen, darauf kannst du dich verlassen.«

Er lud René und Svetlana für das Wochenende ein. »Wenn die Frauen sich unterhalten«, sagte Babkin, »beruhigt sich Svetlana sicher .«


Irgendwann schlief René ein, wurde aber immer wieder wach. Zellentüren wurden geöffnet und lautstark wieder zugeschlagen. Stimmengewirr auf dem Gang. Streit. Fremde Sprachen, Russisch, Türkisch und andere ihm unbekannte Laute. Gegen Morgen wurde es heller in der Zelle. Etwa fünf Uhr musste es sein. Er stand auf, klopfte an die Tür. Klopfte lauter, schlug mit der Faust gegen die Eisentür, bis seine Hand schmerzte. Plötzlich ging eine schmale Klappe in der Tür auf. Jemand schaute hindurch. Das Gesicht hatte er letzte Nacht nicht gesehen.

»Ich will meinen Anwalt sprechen«, verlangte er, bemüht um einen ruhigen und festen Ton.

»Dafür haben Sie später noch Zeit, wenn die Kollegen vom Zoll hier sind. Die sind für Sie zuständig.« Der Beamte schob die Klappe wieder zu. Einige Minuten später öffnete er sie erneut.

»Strecken Sie mal die Hand durch. Ihr Frühstück.«

René streckte die Hand durch die Öffnung. Er fühlte ein weiches, eiskaltes Päckchen.

»Strecken Sie noch mal die Hand durch.«

Eine Tüte Milch.

Er setzte sich auf die Pritsche, machte die Milchtüte auf und trank in durstigen Zügen. Dann wickelte er das Paket aus. Es waren ein paar mit Käse belegte Brote. Er aß ohne Appetit, würgte die Brote hinunter, trank den Rest Milch hinterher.

Dann benutzte er die Toilette. Ein Waschbecken oder einen Wasserhahn gab es nicht. Er fühlte sich schmutzig.

Nach etwa einer halben Stunde wurde die Tür geöffnet. »Wollen Sie sich waschen?«, fragte der Beamte, der ihm die Brote gebracht hatte. Er erkannte seine Stimme.

»Wo bin ich hier eigentlich?«, fragte er.

»Hier ist das PG, Polizeigewahrsam.«

Schräg gegenüber war ein Waschraum. Es lagen Handtücher und Seife neben dem Waschbecken. Der Beamte blieb in der Tür stehen. Auf Renés fragenden Blick sagte er: »Ist Vorschrift, ich darf Sie nicht allein lassen.«

Er versuchte, den Beamten zu ignorieren, und zog sich bis auf die Unterhose aus. Notdürftig wusch er sich mit kaltem Wasser. Danach fühlte er sich etwas besser. Er zog sich wieder an. Das Hemd war zerknittert, verschwitzt und es stank nach Schweiß. Seine Unterhose war ekelhaft dreckig.

»Ich will meinen Anwalt sprechen«, verlangte er.

»Für Sie sind die Leute vom Zoll zuständig, die entscheiden das.«

»Ich habe ein Recht, meinen Anwalt zu sprechen.«

»Gehen Sie in Ihre Zelle zurück, dazu haben Sie später noch Zeit. Das entscheidet der Zoll.«

Wütend schlurfte er auf Socken in seine Zelle zurück. Die Tür schlug zu und der Riegel wurde zugeknallt.

Mit seinen Rechten als Bürger schien es hier vorbei zu sein. Die wollen Druck ausüben, dachte er, ihn gefügig machen. Seine Handgelenke waren blau geschwollen und schmerzten. Die Handschellen waren zu eng gewesen.

Wie ging es Svetlana? Wie hatte sie die Nacht überstanden? Er sah sie vor sich, wie sie letzte Nacht verloren auf dem Hof vor der Haustür gestanden hatte.

Später kamen die Leute vom Zoll und holten ihn aus der Zelle. Es waren wieder der mit dem Vollbart und der Jüngere, der im Auto neben ihm gesessen hatte. Er bekam seine Schuhe zurück, und er durfte aus dem Holzkasten seine Sachen herausnehmen, Uhr, Ehering und Hosengürtel. Bis auf das Geld und die Geldbörse, die bekam er nicht zurück. Das Geld wurde ihm vorgezählt, und er musste es quittieren. Von der Quittung bekam er eine Kopie. Alles nach Vorschrift. Einer vom Zoll fragte halblaut: »Hat er Ärger gemacht?«

»Nein, der war ganz ruhig. Wollte nur dauernd seinen Anwalt sprechen.«

»Wir bringen Sie jetzt zur Haftrichterin«, sagte ein Beamter zu René.

»Ich will erst meinen Anwalt sprechen.«

»Dazu kommen wir auch noch, das kommt später, kommen Sie jetzt mit. Wenn möglich, ohne Widerstand, sonst bringen wir Sie mit Gewalt da rüber. Brauchen wir Handschellen und Fußfesseln?«

René hatte gar nicht die Absicht, Widerstand zu leisten, aber dass er das Recht auf einen Anwalt hatte, wusste er. Im Moment musste er sich fügen. Die Polizei und die vom Zoll saßen am längeren Hebel.

René wurde durch lange Gänge geführt. Ein altes Gebäude, Kellergänge mit frei liegenden Versorgungsleitungen an den Wänden und an der Decke. Treppen rauf und Treppen runter. Gänge mit vielen Türen.

Sie kamen in ein Büro. »Erkennungsdienst« stand auf einem Schild an der Tür. Es war nur ein Beamter im Raum.

»Sie werden jetzt erkennungsdienstlich behandelt. Ich nehme zuerst Ihre Fingerabdrücke und Sie werden fotografiert. Sind Sie damit einverstanden?« Er sah Renés fragenden Blick und fuhr fort: »Wenn Sie sich weigern, hole ich mir Verstärkung, und wir machen es mit Gewalt. Aber Sie können auch protestieren.«

Widerstand regte sich in ihm.

»Gut, ich protestiere.«

»In Ordnung.«

Der Beamte nahm ein Formular, machte in einem Kästchen mit einem Kugelschreiber ein Kreuz.

»Sie haben protestiert. Deshalb brauchen Sie nicht zu unterschreiben, dass Sie mit der erkennungsdienstlichen Behandlung einverstanden sind.«

Der Beamte führte René in den Nachbarraum. Er legte eine DIN-A5-große Karteikarte auf den Tisch. Kästchen für alle fünf Finger und eine große Fläche waren daraufgedruckt. Der Mann schwärzte Renés Finger und den Handballen der rechten Hand mit einem Stempelkissen, drückte und rollte alle Finger auf den Feldern der Karteikarte hin und her. Dann die linke Hand. Er gab ihm eine Tube mit einer Reinigungspaste und machte einen Wink zum Waschbecken.

»Da können Sie sich die Hände waschen«, sagte der Beamte.

In der Ecke auf einem kleinen Podest stand ein Stuhl, der René an den elektrischen Stuhl bei Madame Tussauds in London erinnerte.

Er musste sich auf den Stuhl setzen, und der Beamte fotografierte ihn von vorne. Auf Knopfdruck drehte sich der Stuhl und der Beamte fotografierte seine rechte Gesichtshälfte, Knopfdruck, linke Gesichtshälfte.

Der Beamte sah sich die Papiere an. »Sie sind in Pommern geboren?«, fragte er. »Gerade hatte ich einen hier, auch in Pommern geboren, der war aus Wattenscheid.«

Das war Buzmann.

Der Raum des Erkennungsdienstes lag ebenerdig. Ein Fenster war offen. Es war ein ganz normales Fenster, nicht vergittert. Wie hoch lag es? René blickte auf eine stark befahrene Hauptverkehrsstraße. Es herrschte morgendlicher Berufsverkehr. Er war mit dem Beamten allein im Raum. Wenn er wollte – ein kleiner Sprung, der Beamte würde ihn nicht aufhalten können. Aber wohin sollte er flüchten? Eine sinnlose Überlegung. Er musste sich in sein Schicksal fügen und alles, was jetzt kam, über sich ergehen lassen.

Nach der erkennungsdienstlichen Prozedur kamen die Leute vom Zoll herein.

»Kommen Sie mit. Sie werden jetzt der Haftrichterin vorgeführt.«

Er fragte stereotyp nach seinem Anwalt, bekam genauso stereotyp zur Antwort: »Das können wir später noch erledigen, dafür ist noch Zeit genug.«

Über lange Flure und durch viele Gittertüren, die vor ihm aufgeschlossen und hinter ihm wieder verschlossen wurden, brachten sie ihn bis vor einen Gerichtssaal. Polizeigewahrsam, Gefängnis, Gerichtsgebäude, alles schien in einem großen Gebäude miteinander verbunden zu sein.

In diesem Moment sah er seinen Anwalt um die Ecke kommen. Svetlana, dachte er, ich danke dir. Sie hatte Grübner tatsächlich mitten in der Nacht aus dem Bett geklingelt.

Sie setzten sich nebeneinander auf eine Bank vor dem Gerichtssaal. Polizisten waren nicht zu sehen. Es war ein normaler Durchgang, Besucher des Gerichtes gingen an ihnen vorbei. Er zeigte Grübner seine von den Handschellen blau geschwollenen Handgelenke. »Kann ich gegen so eine Behandlung Beschwerde einlegen?«

»Nein, dagegen können Sie nichts tun. Man will Ihnen nur zeigen, dass Sie ihnen ausgeliefert sind. Und ich kann Ihnen versprechen, der psychische Druck auf Sie wird noch stärker werden. Die engen Handschellen sind nur ein Vorgeschmack.«

Die Tür zum Gerichtssaal wurde geöffnet. Eine vielleicht fünfzigjährige Frau kam zu ihnen und drückte ihm ein Blatt Papier in die Hand.

»Damit Sie wissen, was auf Sie zukommt. Wir haben uns gerade mit Ihrem Mittäter Buzmann beschäftigt. Wir werden ihn eine Weile hierbehalten, wie Sie übrigens auch.«

Ihr Tonfall war beunruhigend aggressiv. Sie ging wieder in den Gerichtssaal, ohne eine Antwort abzuwarten.

»Wer war das?«, fragte er Grübner.

»Das ist eine Überraschung für mich. Ich kenne die Frau aus meiner Studienzeit. Wahrscheinlich ist sie die Untersuchungsrichterin. Das könnte zu unserem Vorteil sein.«

Auf dem Blatt, das die Frau ihm gegeben hatte, las er: Kriegswaffenkontrollgesetz, Libyen, Außenwirtschaftsgesetz, UN-Embargo und Giftgasfabrik, Schaden für die Bundesrepublik Deutschland. Er reichte Grübner das Blatt, der es aufmerksam las.

Giftgas für Libyen – das war das Reizwort, an dem sich die nächsten Jahre Renés und auch Babkins Leben orientieren sollten.

»Bei Ihrem Partner in Belgien hat es auch eine Durchsuchung gegeben«, sagte Grübner.

Was das jetzt alles zu bedeuten habe, fragte René.

»Kann ich noch nicht sagen. Wir müssen mal abwarten, was jetzt gleich im Gerichtssaal passiert. Haben Sie denn Ihre Geschichte parat? Sagen Sie einfach die Wahrheit. Das ist das Beste, was Sie tun können.«

Die Tür wurde geöffnet und der vom Zoll mit dem Vollbart sah zu ihnen herüber.

»Kommen Sie jetzt herein«, befahl er.

Grübner und René gingen in den Gerichtssaal und setzten sich an einen kleinen Tisch. Es waren außer ihnen noch acht oder neun Personen im Raum, die Frau, die ihm gerade das Blatt Papier gegeben hatte, war die Haftrichterin. Neben ihr saß eine jüngere Frau am Computer, die Protokollführerin.

»Erzählen Sie mal, wie war das denn nun?«, sagte die Haftrichterin zu ihm.

René erzählte seine Geschichte, die mit Babkin abgestimmte Lesart. Die Sparversion. Keine Lügen, trotzdem nicht die Wahrheit.

Es kamen Zwischenfragen. Papiere wurden ihm vorgehalten: Faxe und Kopien von Rechnungen. Teilweise kannte er die Papiere, zum größten Teil kannte er sie aber nicht.

Ein Blatt Papier war den Leuten vom BKA besonders wichtig. René erkannte es sofort. Es war die Kalkulation, die René für Babkin vor fünf Jahren aufgestellt hatte. Basis aller Lieferungen nach Libyen. Er hatte nicht geahnt, dass sie überhaupt noch existierte. Es standen technische Daten auf dem Blatt, Produktbezeichnungen und Preise. Es fehlte jeder Bezug zu ihren späteren Transaktionen. Nicht einmal ein Datum stand darauf. Und dieses Kalkulationsblatt hatten die Leute vom Bundeskriminalamt (BKA) bei der Durchsuchung in Malmedy gefunden, zufällig, wie unter spöttischem Gelächter gesagt wurde. Zufällig soll es da gelegen haben, mitten auf Babkins Schreibtisch. Ein fünf Jahre altes Blatt. Und nun sollte diese Kalkulation ein René stark belastendes Indiz sein.

Babkin war bis jetzt nicht verhaftet worden. Er saß einigermaßen sicher in Belgien auf seinem Gestüt. Er hatte neben dem libanesischen auch einen deutschen Pass, aber so einfach war es offenbar doch nicht für die deutschen Behörden, ihn in Belgien verhaften zu lassen.

Langsam begriff René. Man versuchte sie gegeneinander auszuspielen. Babkin Topalian hat Sie belastet, jetzt revanchieren Sie sich. Aber den Teufel würde er tun.

»Ich kenne das Blatt nicht. Hab es noch nie gesehen. Es steht auch nicht mein Name oder meine Unterschrift darauf«, sagte René zur Richterin.

»Anderes Thema. Was war denn in Syrien? Dahin haben Sie doch auch geliefert. Um welche Ausrüstungen hat es sich denn gehandelt?«

»Ich verstehe Sie nicht, wir haben nichts nach Syrien geliefert«, sagte René.

»Aber Sie waren doch nachweislich in Damaskus. Waren das denn Urlaubsreisen?«

»Das waren Vorgespräche. Geliefert haben wir gar nichts. Außerdem ging es um Einrichtungen zur Wasserversorgung für Damaskus und Aleppo, Güter, die sogar von der EU finanziert werden sollten.«

Leider war es bisher noch nicht zu Aufträgen gekommen. Die Schmiergelder für die Syrer waren ihnen zu hoch. Babkin verhandelte noch.

»Sie können hier viel erzählen. Wir haben Beweise, dass Sie auch nach Syrien geliefert haben.«

»Zeigen Sie mir Ihre Beweise. Wir haben nichts geliefert. Außerdem ging es in den Gesprächen um Pumpen und Wasserleitungen.«

Es schien egal, was er sagte. René schwieg jetzt. Grübner wollte ihn zum Weitersprechen ermuntern, aber René sagte nichts mehr. Grübner stieß ihn mit dem Ellbogen in die Seite.

»Nun reden Sie doch«, flüsterte er René zu. »Wenn Sie was über Topalian wissen, dann sagen Sie es. Vielleicht bekomme ich Sie damit frei.«

»Lassen Sie«, antwortete René. »Sparen wir uns die Mühe. Babkin Topalian zu belasten, das ist lächerlich. Weder Babkin noch ich haben etwas Unrechtes getan.«

Grübner starrte ihn ungläubig an, aber René blieb dabei und schwieg.

Die Richterin verkündete dann den Haftbefehl. Grübner beantragte Haftverschonung. Zwecklos. Und Verlegung nach Krefeld wegen der besseren Besuchsmöglichkeiten. Zwecklos.

»Ich schicke Sie nach Köln in den Hochsicherheitstrakt. Bei Ihnen besteht erhöhte Fluchtgefahr und die Gefahr eines Befreiungsversuches von außen«, sagte die Richterin. »Ich genehmige Ihnen noch ein Telefongespräch«, fügte sie beinahe gönnerhaft hinzu.

Grübner sagte: »Machen Sie sich darauf gefasst, dass Sie bis auf weiteres in Untersuchungshaft bleiben. Vielleicht sogar lange Zeit. Ich besuche Sie in einer Woche. Ich sage Ihrer Frau Bescheid.«

Grübner sagte das ziemlich laut, es klang wie eine Deklamation, so als ob er sich von ihm distanzieren wollte. Er sprach noch kurz mit der Richterin, dann verließ er den Raum, ohne auch nur noch einmal in seine Richtung zu blicken. Auf René wirkte sein Abgang so, als ob er sich mit den Anklägern solidarisch erklären wollte. Grübner war der Sache nicht gewachsen. Er hatte bisher nur kleine Strafprozesse geführt. Nur, wie sollte René hier einen anderen Anwalt finden?


Die Richterin unterhielt sich ungezwungen mit den Ermittlungsbeamten. René saß am Tisch. Niemand beachtete ihn. Die Leute vom BKA, die Babkins Büro durchsucht hatten, erzählten von der Aktion. Zur Vorbereitung der Durchsuchung hatten sie am Tag vorher das Gestüt in einem Hubschrauber überflogen. So als ob sie einen militärischen Einsatz planten. Aber nur das Büro im Gestüt hatten sie durchsucht, nicht die Nebenräume. Deshalb hatten sie auch nur einen geringen Teil des Schriftverkehrs beschlagnahmen können.

Der Staatsanwalt war noch ein junger Mann, er lümmelte sich auf seinem Stuhl. Alle waren freudig erregt, lachten, wie am Kneipentisch, so als ob jemand gerade einen guten Witz erzählt hätte. Es fehlte nur noch Bier auf dem Tisch.

Nach etwa zehn Minuten kamen zwei Beamte in Uniform herein und führten ihn über eine Treppe und durch Kellergänge in den Gefängnisbereich. Er wurde an zwei andere Beamte übergeben. Ständig wurden Türen vor ihm aufgeschlossen und hinter ihm wieder zugeschlossen. Treppen rauf, eine weitere Tür. Er war im eigentlichen Gefängnis angekommen.

Er blickte einen langen Gang entlang. Links Türen zu den Zellen, rechts eine eiserne Treppe, die zu den oberen Haftbereichen führte. Die freien Bereiche zwischen den Stockwerken waren mit Drahtgitter abgesichert, damit niemand herunterspringen konnte.

Links von ihm befand sich eine Tür. Kammer, stand auf einem Schild, und er musste eintreten. Ein Beamter und ein Häftling waren im Raum. Seine Personalien wurden vom Haftbefehl auf eine Karteikarte übertragen.

»Trennung ist angeordnet«, sagte der Beamte. Also war Buzmann auch hier, wie er schon vermutet hatte, und sie sollten nicht miteinander sprechen.

»Sie wollen sicher eine Einzelzelle?« René nickte erleichtert.

Der Beamte machte hinter ihm die Tür zu und zog einen Vorhang vor, der weit über dem Boden endete.

»Ziehen Sie sich aus. Alles.«

Er zog sich aus. Der Beamte untersuchte seine Kleidung, dann durfte er sich wieder anziehen. Zwischendurch kamen Kollegen herein, fragten etwas und verließen den Raum wieder. Der Vorhang war nur Dekoration, Bestandteil irgendeiner Vorschrift.

Der Häftling, er arbeitete vermutlich ständig in der Kammer, hatte inzwischen zwei Decken, Bettwäsche, Handtücher, Seife, Zahnputzzeug, Einmalrasierer, Blechgeschirr, Besteck, eine kleine Plastikkanne und eine Tasse auf dem Tresen aufgestapelt.

»Sie haben Zelle 209, zwei Treppen höher. Gehen Sie die Treppe rauf. Sie bleiben sowieso nicht lange hier, Sie kommen nach Köln. Hier ist es nicht sicher genug in Ihrem Fall. Ein Radio kann ich Ihnen auch geben, einen Fernseher habe ich nicht mehr, aber es ist ja sowieso nur für ein paar Tage.«

René nahm seine Sachen, ging hinter einem Beamten den Gang entlang und die Treppe hinauf, was mit seinem Knasthaushalt vor der Brust gar nicht so einfach war. Zweiter Stock links, er fand Zelle 209. Er blieb stehen, niemand war zu sehen. Nach ungefähr zehn Minuten kam ein Beamter und riegelte die mit schweren Eisenbändern beschlagene Holztür auf.

»Gehen Sie rein«, sagte er.

»Die Richterin hat mir ein Telefongespräch erlaubt.«

»Ich werde das überprüfen. Wenn das stimmt, können Sie gleich telefonieren.«

Hinter ihm schlug die Tür zu. Der Riegel wurde vorgeschoben, der Schlüssel umgedreht.

Ein schmales eisernes Bett, rechts ein kleiner Tisch, ein Stuhl, an der Wand in Kopfhöhe eine Lampe und ein schmaler Schrank. Der Tür gegenüber ein Fenster, klein, ein Meter breit. Gitterstäbe davor, die Fensterunterkante lag bestimmt ein Meter achtzig über dem Boden. Links neben dem Fenster ein Waschbecken mit einem kleinen, schon fast blinden Spiegel, rechts daneben eine wacklige spanische Wand, beklebt mit Abbildungen nackter Frauen. An den Wänden hingen Poster mit Frauen bei sexuellen Handlungen. Sex mit einer Flasche, Oralsex, weiße Männer mit schwarzen Frauen und umgekehrt, im Sitzen, im Stehen, er sah mehr sexuelle Spielarten an der Wand, als er sich bisher vorgestellt hatte.

Er trat einen Schritt vor und blickte hinter die spanische Wand. Die Toilette. Die Wand der Zelle war mit dunkelgelber und brauner Farbe gestrichen. Die Elektro- und Wasserleitungen lagen auf Putz. Es war dreckig. Es stank. Ein uraltes Gemäuer. Kahl, kalt und abweisend. Irgendwann um die Jahrhundertwende, vermutlich noch zur Kaiserzeit, hatte man diesen Kasten hier hingesetzt. Damals baute man mit gewölbten Decken und Fensterbögen.

Er legte seine Sachen auf das Bett und setzte sich. Nach einiger Zeit wurde die Tür aufgeschlossen. Der Beamte von eben sagte: »Kommen Sie mit, Sie dürfen jetzt telefonieren.«

Er folgte ihm auf den Gang bis zu einem kleinen rundherum verglasten Büro, von dem aus man das ganze Stockwerk und die Treppen nach oben und unten kontrollieren konnte.

»Ich werde mithören. Das ist Vorschrift. Welche Nummer wollen Sie anrufen?«

René nannte ihm die Telefonnummer. Der Beamte rief die Zentrale an, sagte seine Nummer und legte auf. René stand neben dem Tisch und wartete. Der Beamte las in der Bild-Zeitung. Vor sich hatte er eine Aluminiumdose mit belegten Broten stehen, daneben eine Tasse Kaffee. Er kaute sein Brot. Das Telefon klingelte, er nahm ab, horchte einen Moment und drückte René den Hörer in die Hand.

»Sprechen Sie, Ihre Frau.« Er klemmte sich einen Zweithörer ans Ohr, las weiter die Zeitung und aß sein Brot.

»Svetlana.« Ihren Namen brachte René gerade noch heraus, dann war seine Kehle wie zugeschnürt. Er konnte plötzlich nicht mehr sprechen.

Svetlana rief: »René, was ist los? Rede doch!«

Sie wiederholte das mehrmals.

»Bist du krank? Rede doch, bitte.«

Er konnte nur so etwas wie ein Keuchen von sich geben, sprechen konnte er nicht.

»So rede doch! Was ist passiert?«

Schnell legte er den Hörer auf.

Der Beamte schob sein Brot und seine Zeitung zur Seite. »Fertig? Ich bringe Sie zurück.«

Sie gingen zur Zelle. Hinter ihm knallte die Tür zu. René fiel auf das Bett. Eine Riesenfaust drückte ihm die Brust zusammen. Er krümmte sich, und er spürte, er würde sich übergeben müssen. Die zwei Meter bis zur Toilette schaffte er nicht mehr. Er erbrach sich auf die Matratze.

Später säuberte er notdürftig alles und bezog das Bett. Ein Beamter öffnete noch einmal die Tür, und er bekam einen Stoß Wäsche in die Hand gedrückt. Unterwäsche, Socken, ein paar Sporthemden.

»Ist für Sie abgegeben worden«, sagte der Beamte.

Svetlana war hier gewesen, aber René hatte sie nicht sehen dürfen.

So gegen siebzehn Uhr gab es Abendessen, süßen Früchtetee und Brot. Er trank nur den Tee.

Er nahm das Radio und zog das Elektrokabel heraus. Es machte einen stabilen Eindruck. Er sah sich um und überlegte, wo er das Kabel befestigen könnte. Die Gitterstäbe waren hoch genug. Doch er legte das Kabel wieder zur Seite.

Er lag auf dem Bett. Es dämmerte.

Die Vergangenheit hatte ihn eingeholt.

Seine Gedanken jagten durcheinander. Svetlana, Libyen, Babkin, Machmud.


Chapter 2


Der Gibli, so nennen die Einwohner den Wüstenwind aus der Sahara, hielt die Bewohner von Tripolis seit Tagen fest in seinen Klauen. Der Sand und Staub, den er mit sich führte, knirschte zwischen den Zähnen, reizte die Nasenschleimhaut, ließ die Augen tränen. Es war Mai, und der heiße Wind war sehr früh in diesem Jahr über die Stadt hergefallen. Kein Vogel war tagsüber zu hören, selbst die Fliegen saßen erschöpft am Boden.

Um diese Jahreszeit regnete es normalerweise nie in Libyen. Heute jedoch hingen dicke Gewitterwolken über Tripolis, am Horizont wetterleuchtete es in den schwarzen Wolken, und es grummelte von ferne. Dann zuckten Blitze, gefolgt von krachenden Donnerschlägen. Das Gewitter tobte sich direkt über Tripolis aus. Eine Sirene heulte. Irgendwo hatte es eingeschlagen.

Dicke Regentropfen fielen in großen Abständen. Wenige Zentimeter über dem heißen Asphalt verdampften sie. Weiße Wolken lagen wie Watte auf dem Boden. Kinder spielten in dem Dampf, trampelten darin herum, versuchten Fußball damit zu spielen.

Nach einer halben Stunde war der Spuk vorbei. Abkühlung hatte das Gewitter nicht gebracht. Die dunklen Wolken hatten sich verzogen, und die Sonne brannte wieder ungehemmt vom grellen weißblauen Himmel herunter. Der Gibli aus der Sahara wälzte sich, alles erstickend, wieder über die Stadt.

Der Muezzin rief die Gläubigen zum Gebet und die Straßen leerten sich. Die Geschäfte schlossen für eine halbe Stunde. Nach Minuten waren die Straßen wie ausgestorben.

»Komm«, sagte Babkin, »gehen wir nach Hause. Unseren Bummel durch die Altstadt setzen wir heute Abend fort. Jetzt ist es zu heiß.«

Sie gingen zu Fuß in das Stadtviertel, in dem er eine Wohnung gemietet hatte. Die Bewohner nannten es »Das italienische Viertel«, denn es stammte noch aus der Kolonialzeit. In diesem Stadtviertel lag auch die alte Basilika aus italienischer Zeit, die die Libyer in eine Moschee umgebaut hatten.

Babkin wohnte mit seiner Frau in einem alten, baufällig aussehenden Haus im ersten Stock. Es machte von außen den Eindruck, als sei es seit Abzug der Italiener vor fast einem halben Jahrhundert nicht mehr renoviert worden. Die Fassade bröckelte und ein paar übrig gebliebene Ornamente deuteten vage an, dass es mal ein Haus im Stil eines römischen Patrizierhauses gewesen sein könnte. Das Treppenhaus war unbeleuchtet und René hatte Mühe, den morschen Stellen der hölzernen Treppe auszuweichen.

Im Eingang zog er seine Schuhe aus und schlüpfte in die Pantoffeln, die Babkin ihm reichte, ging erschöpft ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa sinken. Babkin nannte das Wohnzimmer Salon, aber die eher einfache Einrichtung wurde dieser Bezeichnung nicht so ganz gerecht. Babkin hatte die Wohnung möbliert gemietet und wenig an der Ausstattung geändert.

Durch eine Tür konnte René in die Küche sehen. Caren, Babkins Frau, hantierte dort mit Pfannen und Schüsseln. Sie sah kurz zu René herüber, und er winkte ihr müde zu.

»Durst?«, fragte sie ihn auf Deutsch. Sie brachte ihm ein Glas Wasser, und er schüttete es gierig hinunter.

»Heute ist es besonders unangenehm. Aber jetzt nach diesem kurzen Gewitter wird es vielleicht erträglicher«, sagte sie hoffnungsvoll.

Caren war Deutsche und solange sie zu dritt waren, unterhielten sie sich auf Deutsch. Babkin sprach eine seltsame Mischung aus Französisch und Deutsch, aber sein Französisch schien wesentlich besser zu sein. Wenn er mit seiner Frau allein war, redeten die beiden deutsch, französisch, arabisch und armenisch, alles durcheinander. Es klang wie eine Geheimsprache, und ein mit ihrer Observierung betrauter Spion wäre daran verzweifelt.

Obwohl Deutsche, hatte sich Caren ganz der arabischen Lebensweise angepasst. Sie servierte ihnen das Essen im Salon und verzog sich dann sofort wieder in die Küche. In der arabischen Gesellschaft bleiben die Männer unter sich, und Babkin war mehr Araber, als ihm selbst bewusst war.

Caren hatte viel rohes Gemüse und ein paar scharf gewürzte kalte und lauwarme Vorspeisen auf den Tisch gestellt. Es gab Hummous, pürierte Erbsen, Enab, Hackbällchen in Weinblättern, und gegrillte Hühnerschenkel. Danach noch sehr süße Teigbällchen aus Nüssen und Honig, so süß, dass auch gesunde Zähne bei ihrem Genuss schmerzten. Babkin aß nichts von der Süßspeise, er kämpfte mit seinem Diabetes.

»Wir essen mittags wenig. Die Hauptmahlzeit gibt es erst abends, lange nach Sonnenuntergang. Aber du hast noch einen anderen Rhythmus, du bist ja erst ein paar Tage hier. Wir sollten jetzt etwas ruhen. Wenn du möchtest, kannst du hier schlafen.« Er deutete auf das Sofa, auf dem René saß. Er verzog sich in sein Schlafzimmer und sehr bald hörte René ihn schnarchen.

René ging auf die Toilette, nahm den Ziegelstein vom Klosettdeckel, der die in der Kanalisation lebenden Ratten davon abhalten sollte, den Deckel von unten aufzudrücken. Es kostete ihn jedes Mal Überwindung, hier die Toilette zu benutzen. Wenn er den Deckel anhob, glaubte er immer, ihm spränge gleich so ein schwarzes Biest entgegen.

Erschöpft und ausgelaugt von der Hitze streckte er sich dann auf dem Sofa aus. Er dachte über die Gespräche nach, die er in den letzten Tagen geführt hatte. Die von Buzmann gebauten Schaltschränke waren hier in Libyen angekommen, er hatte sie gesehen. Sie waren original verpackt, so wie Buzmanns Leute sie auf den Transport geschickt hatten. Neben den Schränken standen noch die seefesten Transportkisten. Er hatte Babkin gefragt, ob er denn schon Rückfragen wegen der fehlenden Verdrahtungen bekommen hätte.

»Nein«, hatte der geantwortet. »Vielleicht wird das auch nie bemerkt werden.«

»Aber die funktionieren doch so nicht.«

Babkin zuckte die Achseln.

»Hier ist alles etwas anders als bei uns in Deutschland.«

Die Schränke waren hier, Babkin hatte bezahlt, das Geld war verteilt und alle waren offenbar zufrieden.

Die Libyer, mit denen er bisher zu tun hatte, waren angenehme Leute, sprachen gut Englisch. Dr. Machmud Sadre, der Chef der Firma, an die sie die Schaltschränke lieferten, hatte lange Jahre in London gelebt, dort studiert und sprach Englisch wie ein Oxford-Absolvent.

Was die Libyer von René sonst noch wollten, hatte er bislang nicht so ganz begriffen. Man sprach darüber mit ihm nur in einer merkwürdig verklausulierten Sprache. Es ging um Steuerungen, wofür wusste er nicht.

Unangenehm war, dass er nicht nach Hause telefonieren durfte. Man erlaubte ihm keine Telefongespräche und Svetlana würde sich inzwischen Sorgen machen. Einen Moment kreisten seine Gedanken noch darum, dann versank er in einen bleiernen Schlaf.

Carens Geklapper in der Küche weckte ihn.

Er reckte sich, versuchte, den Schlaf aus den Gliedern zu schütteln, und trat ans Fenster. Es wurde Abend und die Straßenbeleuchtung brannte. Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser waren hell erleuchtet. Das gleißende weißblaue Licht des Tages war einem angenehm dunklen Violett gewichen.

Babkin kam ins Zimmer. Noch etwas schlaftrunken, fragte er: »Na, gut geschlafen?«

»Ja, danke. Sehr gut. Ich schlafe sonst nicht tagsüber, aber eben war ich plötzlich ganz weit weg.«

»Das ist die Hitze. Anders kann man die Mittagszeit hier nicht ertragen. Wir trinken Tee und dann setzen wir unseren Bummel durch die Altstadt fort.«

Caren stellte eine Zinnkanne mit Pfefferminztee auf den Tisch und schenkte den Tee in kleine Gläser ein, die wie Schnapsgläser aussahen. In jedes Glas tat sie noch ein paar Pfefferminzblätter und füllte dann die Gläser mit Mandeln auf. Je nach Geschmack gab man selbst noch Zucker hinzu. Erst trank man den Tee und danach schüttete man sich die Mandeln in den Mund. Das war in Libyen die beliebteste Art, Pfefferminztee zu trinken.

Sie tranken schweigend Tee und hingen ihren Gedanken nach. Auf dem Tisch standen noch die süßen Bällchen von heute Mittag. René steckte sich schnell zwei davon in den Mund, dann gingen sie hinunter auf die Straße.

Chapter 3


In der Nacht wurde René einige Male vom Knallen der eisernen Türriegel wach. Ab und zu schrie jemand gellend, und es wurde gegen Türen gehämmert. Schritte waren zu hören und Gerenne hallte über den Gang. Gelächter, sinnloses Gebrüll, Obszönitäten, lautstarke, von Fenster zu Fenster geführte Unterhaltungen. Gegenstände wurden in den Hof geworfen. Der Aufprall war von Hohnlachen und Beifall begleitet.

Es dämmerte, als er nach zwei oder drei Stunden Schlaf mit einem üblen Geschmack im Mund aufwachte. Den Früchtetee hatte er schon gestern Abend ausgetrunken. Er trank Wasser aus der Leitung und putzte sich die Zähne. Danach fühlte er sich etwas besser. Drei Scheiben vertrocknetes Brot vom letzten Abend lagen noch auf dem Teller. Er würgte eine Scheibe hinunter und trank Wasser dazu. Seine Uhr war stehengeblieben, er hatte vergessen, sie aufzuziehen. Er stellte sie auf fünf Uhr, das musste etwa hinkommen.

Durch das hoch gelegene Zellenfenster konnte er ein kleines Stück grauen Himmel und ein Dach erkennen. Er kletterte auf die Toilette, aber er sah nicht viel mehr als vom Fußboden aus. Das Dach gegenüber gehörte zu einem anderen Zellentrakt, er sah nur die obere Zellenreihe, die vergitterten Fenster und die graue Hauswand.

Einige Zeit später drang eine Stimme aus einem Lautsprecher neben der Tür. »Es ist sechs Uhr, aufstehen.«

Mit kaltem Wasser und Seife wusch er sich über dem Waschbecken. Katzenwäsche. Draußen auf dem Gang waren Schritte zu hören, der Riegel seiner Zellentür knallte zurück, und die Tür wurde geöffnet. Vor der Zelle standen ein Beamter und zwei Männer in Häftlingskleidung mit einer Karre, darauf ein großer Getränkespender, ein Pappkarton mit geschnittenem Brot und Margarine. Es war stickig in der Zelle und nur mit seiner Hose bekleidet, stand René in der Tür, seinen Teller und die Kanne in der Hand. Einer der Gefangenen gab ihm Brot und Margarine.

Der andere sagte: »Halt die Kanne unter den Hahn.« René ließ die Kanne volllaufen, er roch Früchtetee.

Der Beamte musterte ihn von oben bis unten, seinen nackten Oberkörper und sagte: »Ab morgen sind Sie fertig angezogen, wenn die Tür aufgeht. So was gibt es hier nicht.« Und er fügte noch hinzu: »Gleich kommt die Durchsage zum Hofgang. Wenn Sie daran teilnehmen wollen, drücken Sie den Knopf.« Er zeigte dabei auf einen Knopf unter dem Lautsprecher an der Zellenwand und knallte die Tür zu.

Die Türen und Riegel knallten hier immer, nichts ging leise vonstatten.

René zog sich an und setzte sich an den kleinen, wackligen Tisch, um zu essen. Außer Margarine und Brot gab es nichts, aber er hatte großen Hunger. Er aß alles auf, auch das vertrocknete Brot vom Abend vorher. Die Tür wurde noch einmal geöffnet, der Beamte von vorhin stand in der Tür und gab ihm zwei Bücher.

»Damit es Ihnen nicht langweilig wird.« Und schon knallte die Tür wieder zu. Er sah sich die Bücher an. Und Jimmy ging zum Regenbogen von Simmel. Den Roman kannte er, er würde ihn aber vielleicht noch einmal lesen. Der andere Roman war von Utta Danella, irgendeine Liebesgeschichte. Den Titel kannte er nicht. Er blätterte in dem Buch, las unkonzentriert einige Passagen, sah auf die Uhr, halb zehn. Eine Lautsprecherdurchsage: Block A und D fertig machen zur Freistunde. Er stand auf und drückte auf den Knopf, wollte dringend an die frische Luft. Nach einiger Zeit hörte er im Block die Riegel knarren. Schlüssel knirschten und klapperten, Zellentüren wurden geöffnet. Die Geräusche kamen näher, auch seine Tür wurde aufgeschlossen. Durch das hohe Fenster sah er, dass es nieselte. Er zog die Regenjacke an, die Svetlana ihm gestern mit den anderen Sachen gebracht hatte, und trat auf den Gang. Vor ihm trottete ein langer Zug Häftlinge zur eisernen Treppe und die Treppe hinunter. Durch den Lichtschacht sah er, wie sich aus den unteren Stockwerken der Strom der Häftlinge über die Treppen ergoss.

Er reihte sich in den Strom ein und folgte den anderen Gefangenen die Treppe hinunter. Er roch Essen. Hier musste die Küche sein. Eine weitere Tür, und er stand im Freien.

Der Hof war fast quadratisch, auf zwei Seiten begrenzten dreistöckige Hafthäuser das Gelände. An der dritten Seite befanden sich ein Durchgang zu einem anderen Hof, der durch ein flatterndes Plastikband abgesperrt war. Dahinter ein Kieshaufen, eine Karre, ein paar Schaufeln. Die vierte Seite versperrte eine hohe Mauer mit Stacheldraht. Oben auf der Mauer eine Art verglaste Kanzel wie ein Flughafentower. In der Kanzel saß ein Beamter, der den Hof überwachte. Der Hof war nicht sehr groß, vielleicht dreißig Meter im Quadrat. In der Mitte gab es eine kleine Rasenfläche, etwa drei mal fünf Meter, einige Bänke und zwei Tischtennisplatten aus Beton. Bis auf die Rasenfläche war der Hof asphaltiert.

Einige Häftlinge setzten sich auf die Bänke. Die Tischtennisplatten waren sofort belegt. Andere begannen im Dauerlauf auf dem asphaltierten Bereich im Kreis zu joggen. Die Häftlinge unterhielten sich, umrundeten langsam, in Gruppen oder einzeln, das kleine Rasenstück in der Hofmitte.

Es war kühl. René hielt sein Gesicht in den Regen und ließ es nass werden. Genoss dieses kleine Stück Freiheit.

Aus den Unterhaltungen schnappte er nur Wortfetzen auf. Er hörte bruchstückhafte Sätze: der Staatsanwalt hat gesagt, mein Anwalt meint, Urteil, Halbstrafe, gestern hatte ich Besuch.

Die Häftlinge trugen Jogginghosen, Jeans. Andere graue Hemden und blaue Hosen, Häftlingskleidung. Die in Haftkleidung waren verurteilt, und das war die Mehrheit. Die in Zivilkleidung waren Untersuchungshäftlinge.

Mehr als die Hälfte waren Ausländer. Er hörte Türkisch, Italienisch, Spanisch, Russisch. Ein paar Schwarze redeten etwas, was wie Englisch klang.

Einige standen teilnahmslos an der Wand oder saßen an die Wand gelehnt auf dem Boden. Zwei oder drei waren zur Seite gesackt, halb schlafend, blass, schweißüberströmt, einer mit seinem eigenen Erbrochenen beschmiert. Sie zitterten. Drogensüchtige auf Entzug. Kalter Entzug, ohne Unterstützung durch Medikamente.

Es waren zirka vierzig Häftlinge auf dem Hof. Runde um Runde umkreisten sie das Rasenstück. Er blickte ab und zu nach oben zu dem kleinen Stückchen Himmel. Von oben wirkte der Hof vermutlich wie ein tiefer dunkler Schacht.

Nach einer Stunde wurde die eiserne Tür zum Hafthaus geöffnet. Ein Beamter schlug mit der flachen Hand auf die Tür, das Signal zum Einrücken. Die Häftlinge trotteten auf den Eingang zu und gingen in den Gefängnisbau. Der Strom der Insassen zog durch die Treppen nach oben und verteilte sich auf die einzelnen Stockwerke. Sie blieben vor ihren Zellen stehen, je nach Belegung ein oder zwei Gefangene. Ein Beamter, der Schließer, kam den Gang entlang und öffnete eine Zelle nach der anderen. Die Gefangenen gingen in die Zellen. Die Türen krachten zu, die Riegel quietschten.

René war an der Reihe. Der Schließer öffnete seine Zellentür. Er ging hinein. Wuchtig fiel die Tür ins Schloss. Das Geräusch hatte etwas Endgültiges. Er drehte sich mechanisch um, als ob er das Zuschlagen der Tür verhindern könnte.

Oben im Schrank fand er vergilbtes Briefpapier und Briefumschläge. Es lag ein Merkzettel dabei, auf dem ausführlich erklärt wurde, nach welchen Regeln in der Haft Briefe befördert wurden. Jeder Brief musste unverschlossen und ausreichend frankiert in einen blauen Umschlag gesteckt werden. Der Brief ging dann zum Untersuchungsgericht. Dort wurden alle Briefe gelesen, nicht erlaubte Inhalte wurden geschwärzt, oder der Brief wurde dem Absender zurückgegeben. Hinweise auf das laufende Verfahren und die Ermittlungen waren verboten. Jeder Brief wurde für die Akten kopiert. Alles war ausführlich in mehreren Sprachen beschrieben.

Er setzte sich an den kleinen Tisch und schrieb einen Brief an Svetlana. Versuchte ihr Mut zu machen mit Erklärungen und Formulierungen, die mehr an ihn selbst als an Svetlana gerichtet waren. Schrieb, es würde sich alles aufklären, und dass er sie liebe. Ein langer Brief, vier Seiten. Er hatte seit Ewigkeiten nicht mehr so einen langen Brief geschrieben.

Er fertigte eine Bleistiftzeichnung von der Zelle an, schrieb die sinnlose Metapher »Archipel Gulag« auf die Zeichnung und legte sie mit in den Brief, wohl wissend, dass er die Zensur damit herausforderte.

Später nahm er den Brief wieder aus dem Umschlag, zerriss ihn in sehr kleine Schnipsel und schrieb noch einmal, anders, unpersönlicher. Die Zeichnung legte er trotzdem mit in den Brief. Eine Briefmarke hatte er nicht. Als das Mittagessen gebracht wurde, fragte er den Beamten nach einer Briefmarke. Etwas später brachte der ihm eine.

»Ist aus dem Sozialfonds. Gibt es nur, solange Ihnen noch keine geschickt werden konnten«, sagte der Beamte.

Er nahm den Brief noch einmal aus dem Umschlag und fügte noch einen Nachtrag hinzu: Svetlana, schick mir bitte Briefmarken.

Mittags gab es Bohnensuppe, dazu eine Mettwurst. Die Suppe schmeckte gut, und er aß mit Appetit.

Die Beamten waren höflich und machten teilweise vermutlich witzig gemeinte Bemerkungen, hielten aber Distanz. Er hatte das Gefühl, dass sie ihn neugierig und abschätzend beobachteten. Manchmal wurde unverhofft die Zellentür geöffnet, ein Beamter schaute kurz rein und sagte etwas Belangloses wie: »In einer halben Stunde ist Hofgang«, oder, »Wollen Sie noch etwas zu lesen haben?«.

Er hielt es für Neugierde. In Wahrheit war es ein Vorwand, um festzustellen, in welcher psychischen Verfassung er war, ob er vielleicht Vorbereitungen träfe, sich aufzuhängen. Manchmal wurde auch nur die Klappe vor dem Türspion zur Seite geschoben, und er sah nur ein Auge. Selbstmorde sollten vor dem Prozess verhindert werden. Die Zeit zog sich endlos hin. Er schaute immer wieder auf seine Uhr, und wenn er glaubte, es sei eine Stunde vergangen, waren es gerade mal zehn Minuten. Jedes Zeitgefühl ging ihm verloren.

Er studierte die Kritzeleien an den Wänden. Alle möglichen Namen und Sprüche in unterschiedlichsten Sprachen, er las arabische und kyrillische Buchstaben. Ein paar Zeichen sahen aus wie Sanskrit.



Chapter 4


So ausgestorben wie die Straßen in der Mittagshitze waren, umso belebter waren sie jetzt in der Abenddämmerung. Uralte beinahe schrottreife Pkw fuhren wild hupend durch die Straßen, dazwischen bahnten sich Karren bespannt mit Maultieren, Fahrräder und seitlich auf Eseln reitende Männer ihren Weg durch das Gewühl.

In den Platanen lärmten die Spatzen so laut, als ob sie die ihnen von der Tageshitze aufgezwungene Ruhezeit abends durch besondere Betriebsamkeit ausgleichen müssten. Sie badeten flatternd in den Pfützen unter den Sprinkleranlagen der öffentlichen Parks und Grünflächen, die jeden Tag bei untergehender Sonne eingeschaltet wurden und die ganze Nacht über die Pflanzen bewässerten.

Libyen ist ein reiches Land, das wurde auch durch diese Vergeudung von Süßwasser demonstriert, denn jeder Tropfen wird aus dem salzigen Wasser des Mittelmeeres destilliert oder muss über die unterirdischen Kanäle des Great-Man-Made-River-Projektes aus der Sahara herbeigeschafft werden.

Von Babkins Wohnung aus gingen sie über eine breite Hauptverkehrsstraße und kamen zu einem großen Platz. Hier am Nationalmuseum hielt Gaddafi seine kämpferischen Reden. Nicht nur auf diesem Platz, sondern in der ganzen Stadt waren Transparente mit seinem Bild zu sehen. Ein am Nationalmuseum aufgehängtes Plakat zeigte Gaddafi stehend in einem Schnellboot, wie er die versammelte US-amerikanische Kriegsflotte aus der Großen Syrte, der Meeresbucht vor Tripolis, verjagte, oder wie er ein US-amerikanisches Flugzeug zerquetscht.

Sie kamen zum Eingang der Altstadt, gingen durch schmale Gassen, so dass René bald die Orientierung verlor. Lediglich kleine motorisierte Dreiräder passten hier durch. Esel und Maultiere vor schmalen Holzwagen, für die der Platz gerade noch ausreichte. Wenn ein Eselskarren kam, mussten die Fußgänger in die Hauseingänge springen.

Überall saßen und sprangen Katzen herum, lagen auf den Fensterbänken, kauerten auf den Türschwellen. Braune, gestreifte, gescheckte Katzen, alle Farben und Schattierungen waren vertreten. Hunde waren nicht zu sehen, sie gelten im Islam als unrein.

Die Altstadt war in Handwerksbereiche aufgeteilt. Da war die Gasse der Töpfer, die Tajins verkauften, runde aus Lehm gebrannte Schmorgefäße, die Gasse der Kupferschmiede, die aus Kupfer getriebene Schalen und Schüsseln anboten. Die Lebensmittelhändler hatten von Fliegen umschwärmte Hammel und Hühner an ihren Ständen hängen, auf anderen Verkaufstischen wurde Käse und Gemüse angeboten.

Eine ganze Gasse war den Gewürzhändlern vorbehalten, die ihre Gewürze auf Packpapier oder Sackleinen auf dem Boden ausgebreitet hatten.

Dort, wo sich Gassen kreuzten, hatten kleine Cafés aufgemacht. Man stellte ein paar Stühle und Tische auf die Gasse, mehr brauchte es dafür nicht. Die Männer spielten Karten, Domino und Schach. Frauen saßen nicht in den Cafés.

In den Souks von Marrakesch oder Tanger wären sie jetzt von Menschen umlagert, die ihnen irgendwelche Waren verkaufen wollten, Jungen, die sich als Fremdenführer anböten, Heerscharen von Bettlern. Hier wurden sie nicht beachtet, und auch Bettler gab es nicht.

Die wenigen Frauen, die er sah, waren unverschleiert, trugen höchstens ein Kopftuch.

Es gäbe zwar kein Schleierverbot, sagte Babkin, aber der Schleier würde nicht gerne gesehen. »Die Frauen sollen sich emanzipieren, so sagte man von oben«, erklärte er. »Aber viele Frauen wollen das gar nicht und tragen deshalb wenigstens ein Kopftuch.« Auf dem Land sei das noch anders. Da seien die Frauen in der Öffentlichkeit oft verschleiert.


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