
Kill, Pussycat, Kill, Kill
by Alex De
Copyright 2011 for this German edition by Otherworld Verlag Krug KG, Kalsdorf bei Graz
By arrangement with Alex De
Smashwords Edition
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Inhaltsverzeichnis
Teenieslasher Extrem oder: I know what you Evil Dead did In the Woods
Voll Stolz und
Dankbarkeit für Eva:
Du bist unser Herz und unsere Seele
Danke an:
Helmut D: Der beste Vater und Opa
Charlotte R: für das ganze Allerlei & dafür, eine Oma zu sein
Boris W: für die Unterstützung, leckeres Bier und Gequassel; ein Freund in meinem Herzen
Sägespäne in Blut
00. Vorwort. Datum der Niederschrift?
Hier sitze ich nun, um von mir zu erzählen. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem es mir nicht mehr schwer fällt zuzugeben, dass ich Angst habe. Ich kann nicht sagen, was noch geschehen wird. Ich kann nur sagen, was mir bisher widerfahren ist und das ist in letzter Zeit eher unerfreulich gewesen.
Und bevor die Frage aufkommt, warum ich nicht einfach zur Vordertür des Hauses hinaus marschiere und diesen grauenhaften Ort hinter mir lasse, will ich die Antwort vorweg nehmen: Es geht einfach nicht. Ich trete durch die Tür und lande im nächsten Augenblick wieder im Haus.
Ich kann nicht sagen, ob es genau das Haus ist, in dem alles seinen Anfang genommen hat, weil ich mir nach all den Wirrnissen nicht mehr sicher sein kann. Und nein, die Fenster zu öffnen und nach draußen zu springen ist unmöglich. Ich habe es probiert. Es gelingt mir nicht, selbst wenn ich versuche, mit roher Gewalt an mein Ziel zu gelangen. Ich habe keine Chance.
Vielleicht bin ich inzwischen weit von meiner ursprünglichen Welt entfernt. Möglicherweise auch nicht. Ich kenne mich schlicht und ergreifend zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr aus. Es fällt mir schwer zu erkennen, was zu meiner originalen Realität gehört und was Bestandteil einer alternativen Realität ist.
Sollte mir jemand weismachen, dass ein vielköpfiger Gott mit langen Tentakelarmen und einer Vorliebe für nackte Frauen Bestandteil jener Realität ist, aus der ich ursprünglich stamme, dann muss ich das glauben.
Ich bin bereit so ziemlich alles zu glauben, weil ich so viele Dinge gesehen habe, dass ich einfach nicht weiß was wahr ist und was nicht. Real, surreal, irreal – all das spielt für mich keine Rolle.
Ich kann diese Zustände nicht unterscheiden. Diese Unsicherheit wirkt sich auf meine Stimmung aus, ich bin mit der Zeit schwerer von Gemüt geworden.
Das Fernsehprogramm? Das ist ein lächerlicher Gedanke. Seit wann gibt es im Fernsehen irgend etwas, das Sinn macht oder mit der Realität zu tun hat? Nicht einmal den Nachrichten kann man glauben.
Wer auch immer meine Notizen findet und sich durch das wilde Durcheinander wühlen wird, möge mir verzeihen. Aber meine Situation ist so, dass ich alles notiere, was mir im Augenblick in den Sinn kommt. Ganz egal, ob es in einer chronologischen Reihenfolge der Geschehnisse stattgefunden hat oder eine Wahnvorstellung meinerseits sein könnte, es kümmert mich nicht. Wann immer mir etwas einfällt, werde ich es niederschreiben, ohne Rücksicht auf ... die Realität. Wie pathetisch das klingt, schrecklich.
Im unwahrscheinlichen Fall, dass ich eines Tages selbst dazu kommen werde, Ordnung in das folgende Chaos zu bringen, wird es geschehen. Sonst bleibt es den Entdeckern überlassen, mit den Aufzeichnungen nach Gutdünken zu verfahren.
Meine Realität ist mit einem sich in Auflösung befindlichen Bindfaden an meinem linken kleinen Finger fest gemacht. Wenn dieser Faden reißt, bin ich wahrscheinlich hoffnungslos dem Wahnsinn verfallen. Und da es so aussieht, als könne das jederzeit geschehen, sollte ich wohl mit den Aufzeichnungen beginnen, nicht wahr?
Logisch wäre es natürlich, am Anfang zu beginnen. Nun denn, so will ich logisch sein, so gut es mir möglich ist. Danach ...
01. Eintrag. Datum der Niederschrift?
Das Haus war, natürlich relativ gesehen, ein Schnäppchen gewesen. Aber auch ein niedriger siebenstelliger Betrag ist eine enorme Summe. Dafür gab es den Gegenwert vier bewohnbarer Etagen und einen Lift. Es gab große alte Fenster, Flügeltüren und in zwei Etagen noch die original Parkettböden und die eine oder andere bauliche Besonderheit, die hinter der eher unscheinbaren Fassade verborgen war. Ein stilles Juwel im Dornröschenschlaf.
Der Garten war klein und sehr bescheiden gestaltet. Zu viele Steinplatten und ein mickriger Rasen, der unter den schönen, ausladenden Bäumen der Umgebung nur schlecht gedieh. Aber der Garten war ohnehin nicht die Attraktion.
Das war die unterste Etage, ein überraschend heller und trockener Keller, der sich mit wenig Aufwand zu einer wunderbaren Bibliothek zweckentfremden ließ. Der Keller war vom Treppenhaus mit einer massiven Feuertür abgeschottet, die sich – weshalb auch immer – luftdicht schließen ließ. Vielleicht aus Angst vor Funkenflug, Schäden durch Rauch, aus Gründen des Lärmschutzes. Sogar als Gefängnistor für einen Privatkerker konnte die Tür herhalten.
Interessant und ein wenig bedenklich. Schließlich wusste ich nicht, wofür die unterste Etage im Laufe der Jahrzehnte hatte herhalten müssen. In der Geschichte dieses Hauses fand sich die eine oder andere Epoche, in der eine einschlägige Verwendung durchaus realistisch gewesen wäre. Auf jeden Fall war die Tür massiv und würde es bleiben.
Das Fundament wurde renoviert und neu abgedichtet, eine Bodenheizung installiert und unter glänzendem Marmor verborgen. So konnte man hier unten Bücher archivieren. Internet und elektronische Bücher gewannen gegenüber dem gedruckten Buch immer mehr an Bedeutung.
Ein paar meiner Freunde hatten dasselbe Problem wie ich, uns verband unter anderem eine Vorliebe für Bücher aus Papier. Wir wollten daher unser eigenes, kleines Zeichen gegen das neue, uniforme Erscheinungsbild des Buches setzen. Wir beschlossen, eine private Bibliothek zu installieren, ein auf erotische Literatur und Bildbände spezialisiertes Archiv.
Wir würden unsere Sammlungen hier zusammenführen und ausstellen. Eine kleine Mediathek war als Ergänzung vorgesehen, die sollte im Stock darüber ihre Heimat finden. Später wollten wir versuchen, andere Sammler dazu zu bewegen, uns ihre Schätze zu überschreiben.
Die Generation meines Vaters hatte Frauen mit einer Sammlung von Briefmarken gelockt, wir lockten mit nobel präsentierten Ferkeleien.
Auf welche Art dieses Archiv der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollte, darüber hatten wir noch nicht ernsthaft nachgedacht.
Erst gehörte alles geordnet, in einer Datenbank registriert und das Haus fertig renoviert.
02. Eintrag. Datum der Niederschrift?
Wann ich das erste Mal wusste, dass ich in dem Haus nicht alleine war, kann ich nicht mehr sagen. Es hat auf jeden Fall eine Weile gedauert. Das Gebäude war älter und bedurfte nach der Jahrzehnte zurück liegenden Zweckentfremdung als ... hm, Botschaft sowie der anschließenden Vernachlässigung einer dringenden Sanierung.
Böden knirschten, Mauern knacksten, Leitungen gurgelten, Licht flackerte. Man kennt diese Dinge alle. Sie sind weder unheimlich noch übernatürlich, sondern Zeichen starker Abnutzung und baulicher Ermüdung.
Vor allem die Jahre als Botschaft hatten dem Gebäude zugesetzt. Es war immer als Privathaus gedacht gewesen und nicht dafür, dass an fünf Tagen die Woche hunderte Leute ein und aus gingen. Dem entsprechend ächzte der Bau.
Vor dem Kauf war ein Statiker bestellt worden, der das Haus für unbedenklich erklärt hatte. Trotzdem hatte er sehr gelacht, als er mir viel Glück bei der Renovierung wünschte. Das hatte mich stutzig gemacht, sich aber als reine Schadenfreude herausgestellt.
Alles kein Grund zur Panik. Keller und zweiter Stock waren zuerst renoviert worden, damit ich oben einziehen und unten mit dem Ausbau der Bibliothek beginnen konnte. Die Folgeschäden durch diese Renovierung in den beiden anderen Etagen würden Schritt für Schritt saniert werden. Strom und Wasserleitungen waren ausgetauscht, Sicherungskästen neu installiert, die Kamine zu architektonischen Details degradiert und eine moderne Heizung in den entsprechenden Kellerabteilen eingebaut worden.
Diese Dinge verschlangen beträchtliche Teile meiner Reserven, so bremste ich bei den beiden anderen Stockwerken etwas. Das ging mir gehörig gegen den Strich, weil ich mir das gesamte Gebäude schon fertig vorstellen konnte und auch großartige Pläne über die weitere Entwicklung schmiedete, aber an der Pause selbst war nichts zu ändern.
Zum einen gab es hier viele bauliche Eigenheiten, die vor der Sanierung sorgfältig bedacht werden mussten. Mit Tempo erreichte man hier gar nichts.
Zum anderen hatte ich mehr Platz als nötig. Bei fast zweihundert Quadratmetern pro Etage sollte ich wohl mit einem Stockwerk auskommen. Meine inzwischen mit Gewinn verkaufte Designerwohnung war um mehr als die Hälfte kleiner gewesen.
Das Treppenhaus war großzügig, der nachträglich eingebaute und modernisierte Fahrstuhl funktionierte tadellos und vom großen Vorraum gingen drei Zimmer und alle Nebenräume ab. Mehr Platz brauchte man nicht.
Dabei war die Galerie direkt unter dem Dacht, von der aus man in den Wohnraum schauen konnte und die ein sehr schickes Dachzimmer aufwies, noch gar nicht mit eingerechnet. In dieses kleine Schatzkästchen gelangte man über eine eiserne Wendeltreppe.
Bis zur endgültigen Entscheidung, wie ich diesen Fleck nutzen wollte, stand dort oben mein Bett. Und was soll ich sagen? Nach einem Besuch in der Bibliothek, einigen Gläsern Alkohol und dem beschwipst kicherndem Aufstieg stellten viele Frauen fest, dass es beeindruckend war, auf der Galerie zu stehen, aber auch ziemlich mühsam, betrunken wieder hinunter zu gelangen.
Die meisten blieben dann lieber oben und wir hatten Spaß.
03. Eintrag. Datum der Niederschrift?
Herbst und Winter zogen ins Land und in die Stadt. In der kunterbunten Abfolge von Architekt, Baumeister, Handwerkern aller Kategorien, Bücherlieferanten und Partygirls entwickelte sich das Haus prächtig.
Die neuen Leitungen habe ich schon erwähnt, nicht wahr? Ich bekam eine todschicke Küche und ein nicht weniger anziehendes Badezimmer eingebaut – richtige Weibermagneten, wie einer meiner Freunde etwas neidisch anmerkte.
Ich weiß nicht, beim Bad hat er ja vielleicht Recht. Die Wände waren von Streifen aus Glasziegeln durchbrochen, die Beleuchtung indirekt, es gab ein verspiegeltes Fenster, durch das man nach draußen sehen konnte ohne selbst gesehen zu werden. Eckwanne mit Whirlpool Funktion, auf zwei Stufen aufgebockt. Sehr nobel. Alles auf Effekt ausgerichtet, aber vorsichtig ausgewählt. Keine schwarzen Fliesen, keine Glasflächen. Schrecklich mühsam zu reinigen und schnell ungepflegt aussehend.
Damit präsentierte ich mich als stilvoll, aber bedächtig und praktisch, alltagstauglich. So etwas kam meistens gut an.
Aber bei der Küche wäre mir nie eine besondere Anziehungskraft auf Frauen aufgefallen. Die meisten weiblichen Besucher setzten sich gerne auf einen Barhocker um ein Glas zu trinken. Oder sie suchten im Kühlschrank nach Salaten, Energydrinks oder kleinen Häppchen. Keine meiner Kurzzeitbegleiterinnen hatte je den Wunsch verspürt, hier zu kochen.
Und wenn ich schon dabei bin, mir alles von der Seele zu schreiben, dann habe ich ehrlich gesagt die Frauen auch nicht wegen ihrer Kochkünste zu mir eingeladen.
Ich beherrsche eine Handvoll Gerichte, die mir schmecken und das genügt vollkommen. Da ich gerne Pizza esse, bevorzugt Pizza mit Allem, stellen die Abende an denen ich nicht kochen mag, ernährungstechnisch auch kein Problem dar.
04. Eintrag. Datum der Niederschrift?
Die Wände stöhnen. Das hat nichts mit dem Alter des Hauses zu tun. Es ist das Haus selbst. Wäre ich abergläubisch, würde ich von der Seele des Hauses sprechen. Es klingt wie das Leid dutzender verdammter Seelen, die ihr Schicksal beklagen und um Hilfe flehen, aber ihren Schmerz nur im Flüsterton kund tun können.
Es ist ein furchterregendes Geräusch. Es zerrt an den Nerven und macht Angst vor dem, was diesem Wehklagen wohl folgen mag.
Dieses verdammte Haus.
Bei meinem letzten Versuch, durch die Eingangstür ins Freie zu gelangen, bin ich den ehemaligen Besitzern begegnet, meinen unmittelbaren Vorgängern. Sie sahen grauenhaft aus. Während sie an mir vorbei schlurften, rollten blutige Tränen über ihre Wangen und tropften zu Boden. Hinter meinem entsetzt starrenden Spiegelbild in ihren toten Augen konnte ich die Unendlichkeit des Grauens erkennen, das sie heimgesucht und in den Griff bekommen hatte.
Es erübrigt sich wohl zu sagen, dass sie zum Zeitpunkt der Begegnung nicht mehr unter den Lebenden weilten. Bis dass der Tod euch scheidet, so heißt es – in diesem Fall hat sie nicht einmal der Tod getrennt. Ihre Körper waren miteinander verbunden, mit grausig anzusehenden Gewächsen aus Fleisch, die aus ihren Seiten wuchsen. Das Fleisch hatte eine kränkliche, fast eitrige Farbe und sah aus, als wäre es in einer Drehung aus den Körpern gewachsen.
Ein Zopf aus Haut und Fleisch.
Sie wankten an mir vorbei, während ich mit Angstdruck auf der Blase von der Tür zurück stolperte und mich gegen die Wand des Vorraums drückte. Ich kann nicht mehr sagen, in welchem der beiden Häuser ich in diesem Moment war. Es war mir egal, weil ich beinahe in die Hosen pisste und nur ganz knapp an dieser Peinlichkeit vorbeischrammte.
05. Eintrag. Datum der Niederschrift??
Sich vor Angst in die Hosen zu pinkeln ist ziemlich peinlich. Selbst wenn man alleine ist. Es ist mir zuletzt als Kind passiert, dann beinahe einmal, während ich meinen Militärdienst ableistete.
Sich anzupissen ist nur im Zusammenhang mit dem entsprechenden Fetisch nicht peinlich. Zumindest für den Betroffenen und die Beteiligten. Die haben daran ihren Spaß. Alle anderen, meine Güte ...
06. Eintrag. Datum der Niederschrift??
Die Brünette war eine unglaubliche Schwanzlutscherin. Sie hatte eine grandiose Technik, meinen Schwanz tief in ihre Kehle gleiten zu lassen und ihn dabei mit der Zunge zu bearbeiten. Sie konnte ihn bis zur Wurzel in sich aufnehmen. Dann zog sie langsam den Kopf zurück, bis er beinahe aus ihrem Mund entkam, ehe sie eine kurze Handmassage zur Anwendung brachte und ihn anschließend wieder im Mund versenkte.
Beeindruckend. Sie machte das mit Leidenschaft und sie war eine Könnerin. Sie saugte mich in einer Nacht dreimal aus, dann musste ich sie stoppen, weil es zu schmerzhaft wurde. Nur ein pickeliger Teenager konnte dreimal kommen, ohne sich dabei zu verausgaben.
Im Gegenzug ging sie ab wie ein Zäpfchen, während sie rittlings auf meinem Gesicht hockte und sich von Klitoris bis Arschloch lecken und fingern lies.
Sie war um nichts weniger egoistisch als ich und so gaben und nahmen wir eifrig und es war eine geile Sache, während unten im Zimmer immer noch die Party abging. Es war egal, ob wir gehört oder beobachtet wurden. Es hätte sich auch gern jemand dazu gesellen können, ganz gleich, ob Mann oder Frau.
07. Eintrag. Datum der Niederschrift??
Mein bester Freund war der Erste, der einen Plan ausarbeitete, wie man die Regale im Keller am effektivsten aufstellen konnte, um möglichst viele Bücher unterzubringen. Er entwarf ein logisches Labyrinth, ähnlich diesem irrwitzigen Zickzack, den man in den Möbelhäusern aus Schweden marschieren muss, wo man die ungeschlagen praktischsten Buchregale aller Zeiten bekommt.
Er machte sich mit Maßband und Papier an die Arbeit, kaufte die Regale, stellte sie ohne Rückwand auf, verankerte sie an der Decke und schuf Platz für beinahe Fünfzehntausend Titel. Die Stückzahl errechnete er anhand mehrere Tabellen und Listen. Die Sache war beeindruckend und wir schafften unsere Sammlungen in den Stock darüber, wo genügend Platz war, den Inhalt der Kartons vorzusortieren, ehe Buch für Buch in die Datenbank aufgenommen wurde und ins Regal verschwand.
Bücher können bluten.
Warum ich in jener Nacht wach wurde, kann ich heute nicht mehr sagen. Ich sah auf die Uhr, stöhnte und drehte mich herum, als ich das Flüstern hörte. Erst tat ich es als Halluzination ab. Dann, als es nicht nachließ, als Geräusch aus der Nachbarschaft. Aber dann drangen die Geräusche des Regens an meine verschlafenen Sinne und ich setzte mich auf.
Wer flüsterte hier? Ratten im Gemäuer? Der Wind? Einige der Fenster mussten ausgetauscht werden, sie waren alt. Das Geräusch beunruhigte mich von Minute zu Minute mehr und da es nur einen Weg gab, sich Klarheit zu verschaffen, stand ich auf und platschte in meinen Flip Flops die Treppe runter.
Der Wohnraum war leer. Das Flüstern schien von draußen zu kommen. Ich stellte mich an die Treppe um zu lauschen, versuchte durch verschiedene Kopfhaltungen die Quelle des Geräuschs zu finden. Keine Chance. Es war überall gleich präsent und nervte.
Lichtschalter an und die Treppe hinunter in das nächste Stockwerk. Ich blieb am Absatz stehen und lauschte. Gut möglich, dass hier der Ursprung war. Ich trat ein paar Schritte vorwärts, zögerte aber. Das Licht vom Treppenhaus war zwar hell, reichte aber nicht bis zum hintersten Raum und ich würde durch dieses dämmrige Zwielicht müssen, mit dem haarsträubenden Flüstern im Nacken.
Mist. Mit Mut war es bei mir nicht weit her.
Wenn ich lief? Einen Versuch war es wert. Ich rannte los, zehn Schritte hinein in die Dunkelheit, griff durch die Türöffnung, tastete hastig nach dem Lichtschalter und ... irre Augen und gefletschte Zähne blitzten mir entgegen.
Ich schrie auf und prallte zurück.
Erwartete ein Messer und einen schrillen Schrei.
Erkannte im selben Moment mein eigenes Spiegelbild! Vor mir war ein Fenster.
Scheiße. Aber mein Herz raste, der Schweiß tropfte und ich hatte mörderischen Druck auf der Blase.
Die ungeheure Erleichterung, nur mein eigenes hektisches Spiegelbild gesehen zu haben, war so umfassend, dass ich es dieses Mal nicht mehr rechtzeitig ins Bad schaffte und deshalb frischer Wäsche und einer hastigen Dusche bedurfte.
Manchmal habe ich idiotische Anwandlungen und finde es peinlich, im eigenen Haus nackt herum zu laufen. Zivilisationsgeschädigt, würde ich sagen.
Meine Suche nach dem Ursprung musste ich anschließend fortsetzen, das verdammte Flüstern war immer noch zu hören.
Vierte und dritte Etage konnte ich abhaken. Blieben noch zwei Ebenen. Das Erdgeschoß war bitter, weil hier am wenigsten renoviert war und nur ein Teil der Lampen in Betrieb war. Kunststück, hielt ich mich doch dort so gut wie nie auf, seit auch die Bücherkisten in den Keller umgesiedelt waren.
Jetzt rächte sich diese Vernachlässigung, weil ich sicher war, dass des Flüsterns Ursprung hier zu finden war.
Was für eine Scheiße.
Klamme, schwitzige Hände, das Würgen von Angst im Hals.
Ich schlich mich in die Tiefen der Etage und redete mir ein, im Notfall blitzschnell bei der Haustür hinaus stürmen zu können. Die knapp zehn Stufen vom Garten bis zur Haustür waren gut beleuchtet. Als Abschreckung für potentielle Einbrecher gedacht.
Ha ha ha.
Dafür schlich ich durch Räume, die aufgrund des matten Lichts und des herrschenden Chaos einer Baustelle richtig gruselig aussahen. Und von überall drang dieses Wispern und Flüstern an meine Ohren. Einmal lauter, dann aus scheinbar weiter Entfernung, dann unmittelbar neben mir.
Kurz gesagt, ich fand nichts.
Blieb noch der Keller. Dort war, so dachte ich, am wenigsten zu befürchten.
Die Elektrik war fertig und funktionierte, alles war sauber. Die Fenster waren groß und von Insektengittern geschützt, ich konnte in den Garten hinaus sehen. Hier war die Moderne daheim, Computer und Server waren hier untergebracht. Zivilisation.
Nichts, was die Urängste ansprach.
Nur – es war ein gottverdammter Keller.
Hier stand auch die Heizungsanlage für das Haus, gurgelte und tickte. Die Regale gaben leise knacksende Geräusche von sich, passten sich dem Gewicht der Bücher an. Alltäglich und banal, normalerweise nicht einmal wahr genommen.
Jetzt aber, zu später Stunde und in der Dunkelheit der Nacht, war das über alle Maßen gruselig.
Ich drehte das Licht an. Das Flüstern kam jetzt aus einem anderen Raum der Bibliothek. Ich ging zum Türrahmen, tastete um die Ecke, schickte Licht ins Dunkel.
Folgte.
Nichts. Niemand war hier. Einen irren Moment lang glaubte ich, dass die Bücher flüsterten. Die Geschichten erzählten sich selbst, die Dialoge der Figuren wurden gesprochen, in der Ferne konnte man die geschilderten Geräusche und Laute vernehmen.
Totaler Schwachsinn.
Niemand war hier. Ich hatte überall Licht gemacht, an allen Fenstern gerüttelt und die Türklinken probiert. Nichts. Ich rief den Lift.
Leer.
Natürlich.
Sehr verwirrend. Ich war schon beim Gehen, als ich bemerkte, dass einer der Monitore der Computer zwar finster, aber noch eingeschaltet war.
Typisch, ich vergaß immer wieder darauf. Schon seit vielen Jahren, bei allen Computern, die ich je besessen hatte. Ausgenommen beim Laptop oben in der Wohnung. Aber das lag nur an der Technik dieser Art von Computer.
Ich ging zum Arbeitsplatz hinüber, griff nach dem Ausschaltknopf und sah mein Spiegelbild. Herrje, ich sah nervös aus. Wie sollte ich den Rest der Nacht schlafen können?
Mein Spiegelbild grinste breit, fletschte die Zähne und beugte sich ruckartig vor, griff nach mir.
Berührte mich.
Ich schrie.
Es lachte.
Ich pisste mich nochmal an und rannte schreiend nach oben.
An Schlaf war natürlich nicht mehr zu denken.
08. Eintrag. Datum der Niederschrift??
Die Idee für meine Bibliothek der erotischen Bücher habe ich natürlich geklaut. Also sagen wir, ich habe mich inspirieren lassen. Es gibt so etwas für Science Fiction und Fantasy, zweimal ist mir das in Deutschland bekannt, einmal in Österreich. Sammlungen in Deutsch erschienener Bücher aller Jahrzehnte. Natürlich auch mit fremdsprachigen Ausgaben erweitert.
Für Erotik gib es keine derartige Bibliothek und darum dachte ich, es könne nicht schaden, etwas Derartiges einzurichten. Der größere Teil meines Freundeskreises war ohnehin ziemlich auf dieses Thema fixiert – unabhängig vom Geschlecht – und einfach eine weitere Bibliothek für phantastische Literatur wollte ich nicht machen.
Ich sammelte zwar, kannte aber nicht genügend andere Sammler, um in dieser Hinsicht etwas Ordentliches auf die Beine zu stellen.
Die Szene der Sammler mit ihren Stammtischen, Clubtreffen, Tauschbörsen und derartigen Dingen hat mich ehrlich gesagt nie sonderlich interessiert. Ich bin kein Herdentier, eher ein Einzelgänger. Die einzige Herde, an der ich Gefallen finde, findet sich beim Gruppensex.
Außerdem sind ernsthafte Sammler irgendwie merkwürdige Leute. Viele von ihnen haben eine leicht autistische Aura, blicken ihrem Gegenüber kaum in die Augen und sie murmeln beinahe unverständlich.
Natürlich nicht alle, keine Frage.
Aber vor allem die Sammler von Phantastik und Erotik weisen derartige Züge auf.
Das ist eine persönliche Beobachtung und keine allgemeine Feststellung.
Und es ist mir von Herzen kommend vollkommen egal.
Ich habe andere Sorgen.
Durch das Schreiben bin ich gezwungen darüber nachzudenken, was alles passiert ist. Und darum bin ich mir jetzt ziemlich sicher, nicht mehr daheim zu sein, sondern in einer parallelen Welt, in der die Dinge fast ganz genau so sind wie daheim. Aber eben nur fast.
Vielleicht in so etwas wie Hobb‘s End.
Und jedes Mal, wenn ich durch die Eingangstür gestolpert bin, bin ich in eine andere Welt gewechselt und habe mich nach und nach von meiner eigenen Welt entfernt. Wenn man seine Sinne beieinander hat, werden bei jedem Wechsel die Unterschiede deutlicher.
Das hilft mir insofern, als das ich jetzt mit Bestimmtheit sagen kann, dass ich nicht mehr daheim bin. Es hilft mir rein gar nichts, weil ich nicht mehr sagen könnte, was in meiner Welt existiert und normal ist und was nicht.
Ich würde meine Welt nicht mehr erkennen.
Wer will, kann das als lächerlich und unglaubwürdig verwerfen. Findet doch selbst heraus, wie viel Horror ihr vertragt, bevor die Dinge in eurem Verstand durcheinander geraten. Vor allem, wenn nach und nach die ganzen Anhaltspunkte von Realität verschwinden.
Ich kann nicht durch die Türen hinaus. Es gibt keinen Weg durch die Fenster ins Freie und dort sehe ich immer nur den kleinen Garten und die ringsum liegenden Gebäude, zum Teil durch hohe Hecken verdeckt. Es sieht aus wie ... wenn man ein Foto betrachtet, das mit 3-D Effekten aufgepeppt ist.
So ungefähr. Ich bin sicher, diese Erklärung ruft vollkommen falsche Bilder hervor, aber mir fallen einfach keine anderen Worte ein.
Ich bin auch nicht mehr online. Wann das geschehen ist, habe ich keine Ahnung. Vielleicht gibt es in den Variationen der Welt kein Internet. Vielleicht andere Provider.
Vielleicht ... ach, ich weiß es ganz einfach nicht.
09. Eintrag. Datum der Niederschrift??
Pornographie aus den 70er Jahren ist eine wirklich haarige Angelegenheit.
10. Eintrag. Datum der Niederschrift??
Mein bester Freund glaubte mir nicht. Andererseits war er eben mein bester Freund und nahm mich ernst. Ich war ich verdammt dankbar, dass ich bis zum Wochenende bei ihm auf der Couch kampieren konnte. Alleine traute ich mich nicht, noch eine Nacht in meinem Haus zu verbringen. So viel Baldrian und Alkohol konnte ich nicht zu mir nehmen, um das zu wagen.
Samstag früh machten wir uns mit Taschenlampen, Schraubenzieher, Hammer, Zangen und jeder Menge anderem Werkzeug daran, das Haus von Keller bis Dachboden zu durchsuchen. Systematisch, Raum für Raum. Jede Abdeckung aufmachen, in jeden Kaminschacht hineinleuchten, sämtliche Gullydeckel auf dem Grundstück anheben. Jeden noch so kleinen Winkel durchforsteten wir nach einem Hinweis darauf, wie es zu dem Flüstern kommen konnte.
Vielleicht ein Vogelnest in einem Schornstein, vielleicht Mäuse in den Wänden, vielleicht irgend welches Ungeziefer, das sich in den langen Monaten, in denen das Gebäude vor dem Erwerb leer gestanden war, eingenistet hatte.
Wir hatten eine Liste möglicher Ursachen aufgestellt und suchten.
Vielleicht waren während des Kalten Krieges im Keller Spione gefoltert worden und schlechtes Karma hatte die Wände getränkt und sickerte jetzt in die Räume. Immerhin hatte das Haus etliche Jahre lang als Botschaft hergehalten, das habe ich schon erwähnt.
Habe ich?
Ich weiß es nicht mehr. Spielt das eine Rolle?
Nein, ich glaube nicht.
Natürlich ist die Sache mit dem Karma Quatsch, aber der Schock muss nur tief genug sitzen, um selbst so einen Unfug in neues Licht zu rücken.
Wir fanden hinter einer Mauer verborgen einen Hohlraum und darin eine von der Zeit vergessene Blechschachtel, verschnürt mit einer inzwischen spröden dünnen Schnur, die nach einem kräftigen Ruck riß.
Die Box beherbergte Fotos.
Sehr gruselige, alte Fotos, die bei genauerer Untersuchung tatsächlich im Haus aufgenommen worden waren. Im Keller, der ganz anders ausgesehen hatte. Im Keller, der ganz anderen Zwecken gedient hatte. Erbauliche Literatur in Regale zu schlichten war kein Thema gewesen.
Die Fotos zeigten Menschen mit verschiedenen Verletzungen. Blutunterlaufene Augen, verschwollene Gesichter, geplatzte Lippen. Detailbilder von Verstümmelungen. Finger mit ausgerissenen Fingernägeln. Abgetrennte Fingerspitzen. Gezogene Zähne. Schnittwunden. Stichwunden. Verbrennungen. Die Farben waren inzwischen verblasst, aber der Eindruck deshalb um nichts weniger schlimm.
Einige Bilder zeigten Großaufnahmen von Gesichtern.
Tote Gesichter, leblose Augen.
Ein Folterkeller im Kalten Krieg, als die Stadt eine Drehscheibe der Agenten des Westens und des Ostens gewesen war.
All das hätte ich gerne erzählt.
Solche handfesten Beweise hätten den Schrecken greifbar, real und verständlich gemacht. Dann hätte ich besser damit umgehen können.
Aber es war nicht so.
Wir fanden nichts.
Gar nichts.
11. Eintrag. Datum der Niederschrift??
Ich kniete auf dem Bett, meinen nackten Hintern in der Höhe, mein Gesicht zwischen den Schenkeln einer Frau vergraben, während eine andere Gespielin mit der Zunge mein Arschloch kitzelte und mit einer Hand meinen Schwanz wichste.
Ich kam mit meinem Schwanz in einem Mund, einem Finger in meinem Arsch. Manchmal können einem die Dinge, die in Filmen gezeigt werden, tatsächlich passieren. Selten genug, aber die Chancen sind vorhanden.
Es ist sehr gut, derartige Dinge einmal erlebt zu haben. Man braucht sich später, wenn man zu nichts mehr zu gebrauchen ist und auch die blauen Pillen keine Stütze mehr sind, nicht den Vorwurf machen, im Leben etwas versäumt zu haben, eine Erfahrung nicht gemacht zu haben.
Es ist gut, solche scheinbar triviale Dinge als erledigt abhaken zu können. Wenn man einmal darüber nachdenkt, wie oft am Tag ein Mensch an Sex denkt, dann kann man im Grunde nicht mehr von trivial sprechen, mehr von essentiell, würde ich meinen.
Ob es gut gelaufen ist oder nicht, toll war oder ein absoluter Reinfall, das spielt im Endeffekt keine Rolle. Die persönliche Erfahrung ist das Einzige, was zählt. Einmal, oder bei Unsicherheit, ein zweites Mal, ein drittes Mal. Bis man Bescheid weiß.
In vielen Fällen ist das erste Mal ausreichend.
Und warum schreibe ich solche Dinge nieder?
12. Eintrag. Datum der Niederschrift??
Ich starrte durch die Haustür und sah ins Haus, sah mich in der Türe stehen und mich anstarren. Es war verrückt und mir wurde dabei schwindlig und schlecht. Aber ich behielt die Nerven und beobachtete mich beim Beobachten.
Ich versuchte dabei zu ergründen, wie sein konnte, was war und welche Möglichkeiten ich hatte, den Ist-Zustand zu ändern. Ich beobachtete, wie ein zynisches, bitteres Grinsen mein Gesicht verzerrte und wie ich die Tür zuschlug.
Einige Sekunden später schloss ich hilflos lächelnd die Wohnungstür. So wie es aussah, gab es keinen Weg ins Freie. Minuten zuvor war ich wie verrückt durch das Haus gerannt und hatte vergeblich versucht, durch ein Fenster auszusteigen.
Es ging nicht. Ich prallte gegen ein unsichtbares Hindernis und kam keinen Fingerbreit über das Fensterbrett hinaus. Egal, wie sehr ich mich anstrengte oder ob ich Werkzeug zum Einsatz brachte.
Die Bohrmaschine verursachte ein heulendes Knurren, ein Gemisch aus Schmerz und Zorn. Ich legte sie hastig beiseite.
Was auch immer mich hier gefangen hielt, es schien mir nicht ratsam, es zu reizen.
Wenn da tatsächlich ein Es war und mein zerfallender Verstand mir nicht nur unmögliche Dinge vorgaukelte, während mich die Wirklichkeit in der psychiatrischen Abteilung eines Krankenhauses vorfand, ruhig gestellt und mich anscheißend.
Wenn das so war, konnte ich es nicht feststellen.
Ich musste wohl oder übel mit dem zurechtkommen, was mir real erschien.
Ich trat durch die Tür in das andere Haus, in mein Haus. Es unterschied sich nicht von dem Haus, aus dem ich gerade gekommen war. Vielleicht in winzigen Details, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Es war nicht spiegelverkehrt und gar nichts. Es war alles normal, so als ob ich vom Einkaufen heimkam.
Ich wanderte durch die leere Etage, sah Werkzeuge und kleine Schutthaufen dort, wo ich sie in Erinnerung hatte. Ich blickte hinaus in den Garten, der unverändert schien. Ich war dem Anschein nach daheim.
Dann prallte ich gegen ein Hindernis und starrte in zwei wütend funkelnde Augen. Zahllose Schnittwunden verunzierten das Gesicht, die Haut war teilweise abgeschält und hing in Streifen hinab. Der Mund stand offen und entblößte eine Ruinenlandschaft aus Zähnen, ein beidseitig angespitzter Pflock war durch die Wangen getrieben.
Die Wunden waren geschwollen, eitrig und nässten.
Es stank.
Die Erscheinung zischte etwas unverständliches, die Wunden rissen und frisches Blut strömte, eine Hand legte sich auf meine Schulter und ich spürte einen Windhauch in meinem Nacken, heißen Atem.
Panisch sprang ich beiseite, rannte los, wurde zu Fall gebracht. Ein harter Schlag traf mich im Rücken, ich stolperte und fiel.
Schlug mit den Kopf auf, rappelte mich panisch hoch.
Da war der Spuk schon vorbei.
Zurück blieben mörderische Kopfschmerzen.
13. Eintrag. Datum der Niederschrift???
Das ältere Ehepaar, von dem ich die Villa gekauft hatte, hatte das Gebäude schon vor einem knappen Jahr verlassen, um in wärmere Gefilde zu ziehen. Vor allem die Frau spürte die Kälte des Winters hier zu sehr in den Knochen und die zunehmend extremeren Wetterverhältnisse setzten ihnen gesundheitlich zu.
Sie hatten das Glück, sich einen Umzug in diesen Dimensionen leisten zu können. Auf jeden Fall waren sie nur kurz in der Stadt, um den Verkauf abzuschließen und die Unterschriften unter die Verträge zu setzen. Davor hatte ich die beiden noch nie gesehen, es war natürlich alles von einem Makler organisiert worden, der entsprechend mitkassierte.
Der Makler brachte nach Vertragsabschluss die beiden noch einmal zum Haus, für einen letzten Rundgang und um noch ein, zwei Dinge zu holen, die dort lagerten. Offiziell fand die Übergabe um Mitternacht zum Wechsel des Datums statt. Deshalb war diese letzte Visite zwar etwas ungewöhnlich, aber sie war weder illegal noch störte es mich sonderlich.
Der Schlosser war schon bestellt und das Haus stand leer. Ich hatte nichts zu verlieren und meine Gedanken waren ohnehin schon von hunderten anderen Dingen in Beschlag genommen.
Mir fiel nicht einmal auf, dass ich den Makler nicht mehr sah, obwohl er mir die Schlüssel überbringen sollte. Wie gesagt, der Schlosser war bestellt und nach seinem Besuch verschwendete ich keine Gedanken mehr an die alten Schlüssel.
Aber vorhin habe ich den Makler wieder gesehen.
Er sah furchtbar aus und es ging ihm gar nicht gut.
14. Eintrag. Datum der Niederschrift???
Ich liege auf dem Rücken im Bett. Auf mir hockt eine sehr attraktive Frau. Sie hat sich zurück gelehnt und reitet vorsichtig auf meinem Schwanz, der tief in ihrem Arsch steckt. Ich kann ganz genau sehen, wie mein Steifer ihre Rosette dehnt, ich kann das feuchte Rosa ihrer Pussy sehen, während ich mit einem Finger in ihre Möse stoße.
Die Gleitcreme macht meinen Schwanz geschmeidig und er rutscht in ihrem Hintern herum, während sie sich wonnig maunzend auf mir windet.
Ich packe ihre Arschbacken und stoße mehrmals heftig in sie. Schmerz und Lust vermengen sich unentwirrbar.
Ich komme, spritze tief in ihrem Hintern ab, was sie zufrieden stöhnend quittiert. Kein Orgasmus, denn den bekommt sie nur durch oralen Sex. So kommt es, dass sie über meinem Gesicht hockt, ich lecke ihre Möse und habe dabei ihre Schamlippen weit auseinander gezogen.
Aus ihrem Arsch rinnt klebriges Nass, während sie mit meinem wieder hart gewordenem Schwanz spielt, daran lutscht und ihn vorsichtig anknabbert, bis es ihr endlich kommt. Dabei lässt sie meinen Schwanz nicht los und ich komme selbst nochmal, weil sie so heftig an mir ruckt.
Ich bekleckere alles in Reichweite.
15. Eintrag. Datum der Niederschrift???
Schritte, die nach hohen Hacken klangen, schallten durch das Haus. Ich hatte nicht wirklich eine Idee, was ich tun sollte. In Panik verfallen? Versuchen, durch geschlossene Scheiben zu entkommen? Durch den Eingang ins dahinter liegende Haus flüchten?
Ich beschloss, die Nerven zu bewahren und der Bedrohung entgegen zu treten. Also ging ich in die offene Küche, holte eine Flasche Wein und ein Glas, dazu ein großes Küchenmesser und hockte mich an den Küchentresen.
Die Schritte stoppten und der Lift setzte sich in Bewegung, fuhr nach unten, hinab in den Keller. Er blieb stehen, ich hörte drei Schritte, dann ein Augenblick Stille, dann setzte sich der kleine Fahrstuhl wieder in Bewegung. Er kam zu mir hinauf.
Ich nahm einen kräftigen Schluck vom Wein und umklammerte das Messer.
Verdammte Scheiße. Ich hätte doch flüchten sollen. Das Treppenhaus. Ich konnte immer noch entkommen. Was aber wenn ...
Der Lift hielt an und die Türen öffneten sich.
Die Kabine war leer. Hohe Absätze klackten am Boden, verließen den Fahrstuhl und schritten gemächlich auf mich zu.
Weinglas nehmen, den Inhalt in die Richtung der Schritte schütten.
Nichts änderte sich. Unaufhaltsam näherte sich ... wer auch immer.
Was auch immer.
Ich bewahrte meine Nerven nicht.
Ich schrie und hielt die Messerhand ausgestreckt von mir fort, fuchtelte in die Richtung der vermeintlichen Bedrohung.
»Buh!« hauchte mir eine Stimme ins Ohr.
Ich flüchtete ins nächste Haus.
Dort wurde ich schon erwartet.
16. Eintrag. Datum der Niederschrift???
Der Grundstock unserer Bibliothek waren nach einer ersten Bestandsaufnahme rund fünftausend Titel. Rund dreitausend Bücher waren Bildbände und Magazine, vielleicht fünfhundert Bücher fielen in die Kategorie Sachbuch, der Rest war Literatur.
Unsere Sammlungen ergänzten sich hervorragend.
Klassiker, Modernes, Fetischismus, Schwule und Lesben, Magazine, Alben, Ratgeber, Sekundärliteratur, Softcore, harter Stoff. In Wort und Bild. Wir bekamen aus allen Sparten etwas.
Von den fünfziger Jahren, vereinzelte Stücke von früher, bis zur Gegenwart. Sogar Stapel von erotischer Fantasy und Horrorerotik fanden sich.
Alles wunderbar, darauf konnte man aufbauen.
17. Eintrag. Datum der Niederschrift???
Meine Reserven an Alkohol nähern sich rapide ihrem Ende. Wasser alleine hilft leider nicht, den Schrecken leichter zu ertragen, der mich fest im Griff hält.
Wasser erhält mich am Leben, aber hilft mir sonst nicht weiter. Auch die Sache mit dem Essen nähert sich langsam einem kritischen Punkt.
Ich bin immer der Meinung gewesen, Vorräte für eine Woche daheim zu haben, ist eine vernünftige Sache. Man wird krank, kann nicht einkaufen gehen, aber wenigstens ist alles da, damit man bei Kräften bleibt.
Sicher, in Zeiten, in denen man jeden Müll online ordern kann, eine vielleicht überholte Überlegung. Aber jetzt, wo ich von der Außenwelt komplett abgeschnitten bin, hat sich das natürlich bewährt.
Wie lange verfolgt mich der Schrecken des Hauses schon, wenn meine Vorräte zur Neige gehen? Ich kann nicht sagen, ob der Wechsel zwischen Tag und Nacht regelmäßig vonstatten gegangen sind oder wie lange schon dieses eigenartige Dämmerlicht herrscht, dessen ich mir jetzt erst bewusst werde.
Die Flüsterer im Dunkeln beginnen wieder mit ihrer Unterhaltung.
18. Eintrag. Datum der Niederschrift????
Die Gestalt, die mich erwartete, sie war von perfekter weiblicher Form. Kurven und Rundungen zum Fingerlecken schön. Langes, schwarzes Haar, schlanke Finger, perfekt geformte Beine, an den Füßen Stilettos. Ihr eng an den Körper geschneidertes Gewand strahlte in den Farben Nachtschwarz und Blutrot mit ihren funkelnden Augen um die Wette.
Sie war ein wandelnder Erektionsauslöser. Doch hinter ihr in den Schatten, da war das Grauen daheim. Die Andeutung von schlängelnder Bewegung, von Tentakeln, von etwas Monströsem, das auf seine Chance wartete um anderen Monstrositäten den Weg zu bahnen.
Sie war ein Decoy, eine Ablenkung, sie war die Sirene, die Odysseus lockte. Aber ich hatte im Gegensatz zu Homers Helden keine Ohrenstöpsel. Auch keine Augenbinde, um mich nicht fesseln zu lassen, keine Nerven, um ungerührt zu bleiben und keine Ahnung, wie mir eigentlich geschah. Ich war ihr ausgeliefert.
Es ist ein scheußliches Gefühl, fremdgesteuert zu werden, nicht mehr Herr über seine Handlungen zu sein.
19. Eintrag. Datum der Niederschrift????
Ich mag rothaarige Frauen, weil ich ihre blasse Haut so unglaublich sexy finde. Ich mag sie, weil ihre Augenfarbe zumeist Grün und Blau mit diverse Schattierungen ist. Ich mag schwarzhaarige Frauen, weil sie phantastisch aussehen, wenn sie gebräunt sind. Ich mag sie, weil die Palette der Augenfarben von Grau bis Dunkelbraun reicht. Ich mag auch die Brünetten und die Blonden.
Mir gefallen auch Piercings. Im Nasenflügel, in der Zunge, es gibt einige Stellen am weiblichen Körper, wo das sehr sexy aussieht. Tattoos hingegen sind ein Grenzfall. Ich mag es, wenn Frauen eine Intimrasur haben, wenn sie überall rasiert sind. Keine Muster, keine Herzform, kein Streifen. Alles weg. Das ist das Schönste. Außer am Kopf sind Haare nicht sonderlich attraktiv.
20. Eintrag. Datum der Niederschrift????
Sie schritt um mich herum, langsam, musternd, provozierend lächelnd. Eine Tätowierung auf ihrer linken Schläfe, die sich über die Wange und den Hals hinab wand, unter der Kleidung verschwand. Schneller Blick, ja, das Tattoo zog sich über ihr linkes Bein bis zum Fuß hinab. Es war verschlungen, sinnverwirrend und gruselig.
Sie hatte Piercings: Nasenflügel, Unterlippe, die Brustwarzen waren als gepierct erkennbar. Ihre Arme waren nackt, in regelmäßigen Abständen waren Stahlstifte durchgestoßen.
Ich starrte nur auf sie, konzentrierte mich darauf, die Dinge in den Schatten auszublenden. Wenn ich sie nicht sah, sahen sie mich nicht und folglich waren sie nicht existent. Dumm und kindisch, aber ich glaube, ich hätte den Verstand endgültig verloren, hätte ich meinen Blick von ihr abgewendet.
Nach einer vollen und langsamen Umrundung wandte sie sich von mir ab, ging Richtung Lift, schwang dabei ihre Hüften.
Absurd, ein sexuell erregendes Schreckgespenst. Sie verschwand im Fahrstuhl, die Schatten lichteten sich und das lauernde Etwas gerann zu einem feinen Nebel, der über den Boden und die Stiegen hinab floss.
Der Lift hatte sich nicht in Bewegung gesetzt, trotzdem war ich sicher, dass sie fort war. Ich nahm all meinen Mut zusammen und drückte den Rufknopf. Die Tür öffnete sich in ein Inferno. Der Fahrstuhl war von oben bis unten mit Blut bespritzt, stank höllisch.
Am Boden lagen Teile von ... Dingen, die in einen Körper hineingehörten. Dazwischen Haarbüschel, Teile von Gliedern, ein geborstener Schädel und aus diesem Anblick des Wahnsinns zwinkerte mir ein Auge entgegen.
Ich musste kotzen.
21. Eintrag. Datum der Niederschrift?????
Mein Gesicht war zwischen ihren Schenkeln vergraben und ich leckte sie mit Hingabe, während ich eine Hand nach oben ausgestreckt hatte, um ihre Brüste zu streicheln und zu kneten. Mit zwei Fingern der anderen Hand stieß ich rhythmisch in ihren Hintern. Sie füllte meinen Mund mit reichlich goldenem Nass.
22. Eintrag. Datum der Niederschrift?????
Ich stelle eine Vermutung an, eine Schlussfolgerung: Wenn die Sache mit den Parallelwelten stimmt, muss ich ziemlich weit von daheim entfernt sein. Die Wände des Hauses pulsieren. Schwach nur, aber unübersehbar und wenn ich eine Hand auf eine Wand lege, kann ich die Bewegung deutlich spüren. Wie ein Brustkorb sich hebt und senkt, wenn man langsam atmet. Die Wand fühlt sich kühl und feucht an und ziehe ich die Hand zurück, dann ist da tatsächlich ein Schimmer von Nässe erkennbar. Es hat nichts mit der Farbe der Wände zu tun, mit dem Anstrich oder dem Verputz. Die Wand zu berühren ist, als würde man eine dünne Membran angreifen, die über das gezogen ist, was man eigentlich angreifen möchte.
Es gibt ein Geräusch, aber ich kann es unmöglich beschreiben. Ich habe so etwas noch nie gehört. Es klingt mächtig und kraftvoll, aber es ist zugleich kaum wahrnehmbar. Es klingt wie der Schlag eines Herzens, aber es ist definitiv kein Herzschlag.
Ich habe keine Vorstellung, was das alles sein soll.
23. Eintrag. Datum der Niederschrift?????
Ich hätte nie gedacht, dass es so einfach ist gedachte Worte auf das Papier zu bringen, ohne dabei einen Finger zu rühren. Es ist tröstlich zu wissen, dass ich meine Geschichte noch erzählen kann, obwohl mir die Fähigkeit des Schreibens abhanden gekommen ist. Es ist eine eigenwillige und gewöhnungsbedürftige Form des Schreibens, aber sie ist nicht ohne Reize.
24. Eintrag. Datum der Niederschrift?????
Schwären und Blasen bilden sich an den Wänden, pulsieren in einem ähnlichen Rhythmus wie diese, aber nicht synchron. Diese verschiedenen Bewegungen sind ekelig anzusehen. In jeder Etage, in beinahe jedem Raum finden sich diese Geschwüre.
Manchmal nur ein Stück, dann wieder drängen sie dicht an dicht über einer Wand. Sie verströmen einen ganz eigenwilligen Geruch.
Nicht unbedingt unangenehm, ein wenig erinnert diese Duftnote an einen Hafen. Leicht brackiges Wasser, Fischerboote beim Entladen, Stände, an denen Meeresfrüchte feilgeboten werden.
Normalzeit wäre jetzt später Nachmittag. Die ersten Blasen sind geplatzt, haben eine gelblich und grüne Flüssigkeit ausgestoßen und Tentakel haben sich ausgerollt. Sie tasten durch die Luft, scheinen sie zu schmecken.
Ich bin durch das Haus gerannt. Überall platzen die Blasen nacheinander auf, aus allen kommen Tentakel hervor.
Es sieht ein wenig obszön aus, wie bei einem Gloryhole Porno. Aber nichts ist sexy an langen, flexiblen Greifwerkzeugen mit Saugnäpfen und offenbar eigenem Willen.
25. Eintrag. Datum der Niederschrift?????
In der Mitte jedes Raumes im Haus steht eine Gestalt mit gesenktem Kopf, langes, schwarzes Haar hängt herab und verdeckt die Gesichter. Sie sind alle in weiße, lange Gewänder gekleidet, ihre Hände sind blass, die Fingernägel schwarz.
Es sind Frauen. Sie stehen da und rühren sich nicht. Ich habe keine Idee, woher sie kommen und was sie wollen. Meine erste Reaktion war wie immer die Flucht zu ergreifen, aber sie waren auch schon im anderen Haus.
Nach einiger Zeit habe ich eine von ihnen berührt, aber sie hat nicht reagiert. Etwas mutiger geworden, habe ich sie dann angegriffen und schließlich abgetastet.
Als sie auch darauf nicht reagiert hat, habe ich mir ein Herz gefasst und ihr das Gewand vom Leib gezerrt. Sie hat es ohne erkennbare Reaktion über sich ergehen lassen.
Die Haut dieser Frauen ist unglaublich blass und kühl. Ich habe beobachtet, wie die Tentakel sie berühren, sie abtasten und an ihnen zupfen, aber keinerlei weiteres Interesse zu zeigen scheinen.
Mein Versuchsobjekt hat auch nicht reagiert, als ich ihre Brüste gekniffen und einen Finger zwischen ihre Schenkel geschoben habe.
Daraufhin habe ich von ihr abgelassen und eine der anderen Gestalten auf ähnliche Art untersucht. Hübsch sind sie alle und jede sieht anders aus, aber keine reagiert auf mich und blasse Haut mit schwarzen Nägeln haben sie auch alle.
Was soll ich davon halten?
26. Eintrag. Datum der Niederschrift?????
Ich habe geträumt, dass die gespenstischen Frauen in der Nacht zu mir gekommen sind, mich entkleidet und dann von Kopf bis Fuß mit einer Creme eingerieben haben. Ich habe geträumt, wie viele Hände über meinen Körper geglitten sind und mein Schwanz in die Hand genommen, gerieben und massiert wurde, bis ich abgespritzt habe.
Doch da war der Traum noch nicht zu Ende, denn ich bin weiter so angenehm behandelt worden, bis ich gespürt habe, wie sich etwas zwischen meine Arschbacken drängt.
Ich dachte, ich werde dort gefingert, doch dann hat sich etwas mit einem kräftigen Ruck in meinen Arsch gebohrt und dort bewegt!
Irgend Etwas hat mich in den Arsch gefickt, aber wach geworden bin ich erst durch einen unglaublich scharfen und kalten Strahl von Flüssigkeit, der in meinen Hintern spritzte.
Ich bin aus dem Traum hochgefahren und musste feststellen, gar nicht geträumt zu haben. Ein tropfender Tentakel zog sich aus meinem Hintern zurück, rollte sich ein und verschwand zwischen den drängenden Körpern dieser Frauen.
Sie standen alle rund um mich und starrten mich an. Schwarze, leblose Augen ohne Weiß ließen mich mein Spiegelbild erkennen und ich sah, wie ich den Mund aufriss um einen Schrei auszustoßen. Doch ich konnte ihn nicht hören.
27. Eintrag. Datum der Niederschrift?????
Mein Körper hat sich drastisch verändert. Ich habe keine Beine mehr, mein Rumpf hat sich statt ihnen verlängert und mündet in zwei gewaltigen ... Hoden. Meine Arme haben sich in die Schultern zurück gezogen. Ich kann beinahe zusehen, wie sie nach und nach in den Körper hinein verschwinden. Es wird schwieriger, meinen Hals zu bewegen.
Das Schreiben funktioniert jetzt komplett anders.
Eine der Gespensterfrauen sitzt an meinem Tisch und schreibt meine Gedanken nieder. Sie tippt sie in meinen Laptop. Wie ich meine Gedanken übertrage, das weiß ich nicht.
Aber es funktioniert und darüber bin ich sehr froh. Ich muss für mich lächeln, wenn ich an den Beginn der Aufzeichnungen zurück blicke. So viel sinnlose Angst.
Mehrmals am Tag reiben mich die Frauen mit ihrer weißen Creme ein, massieren meinen Körper. Ich habe keinen Spiegel zur Hand, aber ich würde sagen, dass ich ziemlich sicher bin, welche Gestalt ich annehme.
28. Eintrag. Datum der Niederschrift?????
Auch das Haus beginnt sich zu verändern. Nein, das ist vielleicht missverständlich ausgedrückt. Es wächst zusammen. Oder anders ausgedrückt: Mein Haus bewegt sich im Strom der Zeit oder im Fluss der Universen rückwärts und verschmilzt mit jedem der Häuser, die ich betreten habe. Ich kann immer wieder die Schatten und flüchtigen Gespenster meines früheren Selbst sehen, ehe sie in den Mauern meines Hauses eintauchen.
Ich sehe auch, wie meine vorherigen Ich alle denselben Punkt im Haus zur selben Zeit erreichen, um praktisch gegen mich zu stoßen, in mich einzutauchen und damit zu verschwinden. Es ist ein etwas eigenartiges Gefühl, aber nicht unangenehm, eher im Gegenteil. Auf jeden Fall eine interessante Beobachtung, über die sich sicher vortrefflich philosophieren ließe.
Meine Gespensterfrauen betreuen mich äußerst sorgfältig und liebevoll. Ich habe inzwischen gar keine Gliedmaßen mehr, keinen Hals und mein Mund ist beinahe zugewachsen, meine Nase verschwunden. Ich vermute, meine Augen sind kaum mehr sichtbar, da sich die Welt in eine leuchtende Falschfarbengrafik verwandelt hat.
Die Frauen massieren mich unermüdlich und die Öffnung oben an meinem Kopf verliert ständig Flüssigkeit.
Ich habe inzwischen so gut wie keine Angst mehr.
Chaos de Luxe
Die Landschaft, die er auf seiner Wanderung zu sehen bekam, hatte sich in den letzten Tagen nur marginal verändert. Zu seiner Linken: Dichte Wälder und Flecken von Karst auf den hoch aufragenden Bergrücken. Zu seiner Rechten: Kleinere Klippen, Felsen und Geröll. Dazwischen Dünen und hohes, satt grünes Gras.
Dahinter der tiefblaue Ozean mit unruhiger Oberfläche. Gelegentliche Schaumkronen zierten die Wellen mit ihrem Tanz von Traum und Vergänglichkeit. Kreisende, kreischende Möwen, die ihr depressives Lied von Weite und Einsamkeit über den Wellen erschallen ließen.
Er hätte sich zwischendurch gerne in einer der kleineren Buchten nieder gelassen und seine blanken Zehen in den Sand gegraben. Vielleicht auch eine Runde schwimmen, nicht zu weit hinaus.
Unterströmungen und Untiefen kannte er hier nicht, weit und breit war kaum jemals jemand zu sehen, der ihm im Notfall zur Hilfe eilen hätte können.
Die Vernunft gebot, auf dieses Vergnügen zu verzichten.
Es war einsam, windig und kalt.
Gelegentlich rauschte ein Auto an ihm vorbei. Die Hälfte der Fahrzeuge waren Pickups mit zerbeulter Ladefläche. Sie sahen abgenutzt aus. Hin und wieder gab es auch Nutzvieh auf einer umzäunten Weide zu sehen.
Da und dort sprenkelte ein Hof oder eine kleinere Siedlung die schroffe Schönheit des Landes.
Von diesen wenigen Anzeichen einer Zivilisation abgesehen hatte sich hier seit der Zeit der Wikinger nicht viel verändert. Wälder und schroffe, karstige Berge dominierten. Dazwischen Wiesen, Hügel, Naturlandschaft.
Sicher kein Landstrich, in dem es leicht auszuhalten war. Man brauchte eine stoische Ruhe, um diese lethargische Melancholie wegstecken zu können, ohne ihr selbst zum Opfer zu fallen.
02
Vielleicht wirkte sich die Schwere des Landstrichs auf sein Gemüt aus, wenn auch nicht auf einer bewussten Ebene. Aber er träumte seit einigen Nächten merkwürdige Dinge. Es ging um Blut, das über seinen Körper floss, auf ihn herab regnete und ihn bedeckte, während er nackt und offensichtlich erregt war.
In diesem Traum konnte er Hände spüren, die über seinen Körper glitten, das Blut verschmierten und ihn intim berührten. Er konnte einen Körper spüren, der sich gegen seinen Rücken drückte, warme Brüste, Hüften, Schenkel.
Nicht, dass er Einwände gegen Träume wie diese hätte, das war ganz und gar nicht der Fall. Nur die Umstände waren etwas verstörend, all das Blut irritierte ihn. Die sexuelle Komponente verstand er, hier kam ein Bedürfnis nach etwas schon seit längerer Zeit Vermissten zur Geltung. Für das Blut fand er keine Erklärung, aber das war schließlich ein Traum, das sollte man nicht zu Ernst nehmen.
03
Am Anfang war er durch die Abwesenheit von Fischerbooten auf dem Meer irritiert gewesen. Sein schlaues Handbuch hatte die Bewohner dieses Landstrichs mehrheitlich als Fischer und Landwirte benannt. Aber seit der letzten Auflage schien die Fischerei ziemlich zugrunde gerichtet worden sein.
Noch gab es hier keine alles verseuchenden Ölteppiche, aber das Meer war von schwimmenden Fabriken für Fischkonserven und Fischstäbchen leergefischt worden.
Frische, nach Salz schmeckende Luft, gewürzt mit dem Duft von Regen und nassem Grün, drang ihm mit kalter Schärfe in die Nase. Am Anfang seiner Reise hatte die klare Luft in der Nase den jahrzehntelang eingeatmeten Matsch aus Staub und Teer beinahe schmerzhaft aus den Lungen geätzt.
Aber je länger er unterwegs war, um so besser konnte er riechen.
Faszinierend.
Die meisten Wagen waren in Gegenrichtung unterwegs und wurden von einheimischen Fischern und Sonderlingen gesteuert, die einen Kilometer gegen den Wind stanken. Der strenge Geruch hatte ihn schon mehrmals davor bewahrt, bei einem Wagen mit gruseligem Fahrer den Daumen raus zu strecken.
Eine drittklassige Filmproduktion würde hier massenhaft Darsteller für Serienkiller mit optisch erkennbarem Schaden durch Inzucht finden.
Zwei Pistolen.
Er war froh, die Waffen einstecken zu haben. Allein der Besitz verlieh ihm das bekannt trügerische Gefühl von Sicherheit. Und er wusste die Ironie zu schätzen, dass ausgerechnet einer der unheimlichen Menschen mit Pickup ihn mit den Pistolen ausgestattet hatte.
Fünfzig Kilometer Dauermonolog.
Schnell, laut, wirr. Bis Thomas Blut aus den Ohren getropft war. Grauenhaft. Ein faschistoider Paranoiker, der davon überzeugt war, dass die Horden aus dem Osten schon in ihren Startboxen scharrten, um den Westen zu überrennen. Wobei er unter Westen ein Europa verstand, das ohnehin nur durch eine Klammer der Gewalt zusammen gehalten wurde.
Wohin so etwas führte, hatte der Paranoiker ausgeführt, hatte man auf dem Balkan gesehen. Genau so würde es auch der Union gehen, geiferte er. Deutsche, Franzosen, Engländer, keiner von denen kam in Wahrheit mit den andern aus.
Jeder wollte wieder an seine glorreiche Vergangenheit anknüpfen und ein neues Weltreich begründen. Die Union war nur ein Vorwand, um rasch und unauffällig an dieses Ziel zu gelangen. Man brauchte sich nur ansehen, wie immer wieder um die Vorherrschaft in bestimmten Bereichen gestritten wurde.
Ganz klar, die Staaten waren einander eigentlich im Weg.
Alles würde zerfallen, trieb immer schneller auf den Strudel der Zerstörung zu. Die Deutschen würden erneut versuchen, ein Reich aufzubauen, ganz so, wie sie die Union jetzt dazu benutzten. Sie würden den Norden unter ihre Kontrolle bringen müssen, um auf breiter Linie den Osten erobern zu können. Richtung Bodenschätze, Richtung Öl, Richtung genügend Platz für die Bevölkerung. Dies war der deutsche Weg.
Und zugleich der Vorstoß der Russen in den Westen, der Ansturm der islamischen Gotteskrieger, die am Beginn einer Zermürbungstaktik den Ungläubigen gegenüber standen. Der ganze Scheiß mit Amerika, nichts weiter als ein erfolgreiches Ablenkungsmanöver.
Vor diesem Wahnsinn musste der Norden bewahrt werden. Und darum galt es, in mühevoller Kleinarbeit, jeden einzelnen Nordländer davon zu überzeugen stets bereit zu sein, sich bei Bedarf zu erheben.
Die Waffe zu nehmen und jedes fremdländische Gesicht sofort und ohne Gnade in die Abgründe blutgefüllter Gräber zu schießen. Denn die Zeit der internationalen Solidarität neigte sich rasch dem Ende zu. Die Welt, durch die Technik mit einem Netz überzogen, das alles zusammen hielt, wie es nie zuvor jemals gewesen war, diese erzwungene Gemeinschaft war auf dem Weg zu zerbrechen, in hunderte kleine Enklaven und Länder, die einander nicht über den Weg trauten.
Alle gegen alle, so philosophierte er.
Die ganze Zeit über hockte Thomas verkrampft auf dem Beifahrersitz und versuchte sich so neutral wie möglich mit Grunzlauten und Schnauben aus der Affäre zu ziehen. Bei einem Paranoiker mit derart krudem Weltbild konnte man nur schwer einschätzen, womit man seinen Zorn erregte. Er traute sich nicht den Fahrer zu bitten, ihn aussteigen zu lassen. Der könnte diese Bitte womöglich ganz falsch verstehen, nämlich auf perverse Weise richtig, und ihn darum erschießen.
Aber es kam ganz anders.
Der Fahrer war felsenfest davon überzeugt, in ihm eine Art Gesinnungsfreund gefunden zu haben, einen Nordländer aus tiefster Überzeugung. Das war nur logisch, denn warum sonst sollte jemand durch das Land wandern?
Das tat man nur, um sich mit möglichen Schlachtfeldern vertraut zu machen, um sich zu inspirieren und motivieren, um in Erfahrung zu bringen, warum man sein Blut für die Heimat zu vergießen bereit war. Städter waren im Normalfall nicht zu solchen Opfern zu bewegen, aber er, er setzte sich mit den Wurzeln seiner Herkunft auseinander.
Jemand, der es auf sich nahm, die künftigen Orte der Kämpfe sozusagen vorab zu erforschen, gehörte natürlich unterstützt, denn niemand wusste genau zu sagen, wann der Tag X hereinbrechen würde.
Das Messer, auf das Thomas dezent verwies, das spielte keine Rolle. Das war eine Waffe für den Nahkampf, damit konnte man Wild zerlegen oder andere nützliche Arbeiten durchführen. Aber Gegner sollte man sich aus möglichst großer Distanz vom Leib halten.
Deshalb drängte ihm der Mann gleich zwei Pistolen auf, mitsamt einem Stapel Reservemagazinen. Thomas traute sich nicht, dieses bizarre Geschenk abzulehnen. Vielleicht war er zu feige, vielleicht wusste er instinktiv, dass es besser war, in diesem Fall mitzuspielen. So nahm er die Waffen an und verfügte jetzt über eine Glock und eine Astra Inox Panther.
Endlich gelang es ihm, aus dem Wagen auszusteigen. Der Hinweis, das Land doch zu Fuß erforschen zu wollen, nein, müssen, war letztendlich das definitive Argument gewesen, dem Paranoiker zu entkommen.
Als das Motorengeräusch in der Ferne verklang, war er so erleichtert, dass er erst einmal wie ein Brauereipferd pissen musste. Wenn in dieser Landschaft wirklich etwas unheimlich war, dann weniger die Bäume, Felsen, Schatten und Berge, als vielmehr Einheimische wie dieser Spinner.
04
Der Tag brach an und verbreitete Trübsal. Graue, flockige Wolken bedeckten den Himmel und brachten im Laufe des Vormittag unangenehm feuchten Nebel, der sich zur Mittagszeit zu einem kalten und nieselfeuchten Ärgernis entwickelte.
Die Sicht war auf wenige Dutzend Meter eingeschränkt und der böige Wind schaffte es immer wieder, Nässe unter seinen Regenschutz zu schummeln, ganz so, als wollte er ihm beweisen, wer über dieses Land und alles Leben herrschte.
Es war frustrierend und aufreibend, unter diesen Umständen zu wandern und da die Reise eigentlich seinem Vergnügen dienen sollte, beschloss Thomas, den Rest des Tages als Anhalter unterwegs zu sein. Bisher war die Sache immer klaglos gelaufen, der Paranoiker war sein erster wirklicher Missgriff bei der Suche nach Mitfahrgelegenheiten gewesen.
Diesmal war ihm das Glück rasch hold. Er musste kaum eine Stunde warten, bis er ein Fahrzeug entdeckte, das sowohl in die richtige Richtung unterwegs war wie auch vertrauenswürdig aussah. Ein großer, gepflegter Pickup, der einen Passagiersitz hinter dem Platz des Fahrers vorwies.
Das Fahrzeug beherbergte ein älteres Paar, das ihm weniger gefährlich schien als einige der Gesellen, die er heute schon gesehen hatte. Insgeheim hatte er immer wieder Bedenken, dass einmal einer der Mutanten kehrt machen könnte. Aber bisher war nichts dergleichen geschehen. Vielleicht war er ein Städter, der viel zu viele schlimme Dinge dachte. Oder auch nicht.
Zu seiner großen Erleichterung hielt das Paar an.
Gefährlich waren sie nicht, soweit war er richtig gelegen.
Sie sahen nett aus. Ältere Leute aus der Gegend, wie zu erwarten etwas schrullig, aber im Grunde harmlos. Nur war die alte Dame redselig. Mörderisch redselig sogar. Er hatte sich kaum hingesetzt, da startete sie mit einem halben Dutzend Fragen, die er in dem Tempo gar nicht beantworten konnte und verlor sich dann in einem Monolog. Offensichtlich ging auch sie davon aus, dass er ein spezielles Interesse daran hatte, das Land näher kennen zu lernen. Wenn auch ganz anders, als es der Paranoiker getan hatte. Er und sie, das war wie Teufel und Weihwasser.
Thomas kam gar nicht dazu zu fragen, was sie von Beruf gewesen war. Aber er tippte entweder auf Lehrerin, Sagenforscherin oder Mythensammlerin. Was auch immer, sie konnte jedes landschaftliche Detail mit einer Geschichte verknüpfen, ihm ein Fabelwesen zuordnen. Zu jedem Baum gab es eine Sage, jeder Hügel hielt ein Märchen parat.
Es war unglaublich.
Seinem ahnungslosen Eindruck nach revidierte die Frau im Alleingang seine Vorstellung, dass die Iren und Isländer eine Fülle an phantastischen Geschichten parat hatten. Wenn der Schatz aus Sagen und Märchen jeweils ein fettes Buch war, dann hatte die Frau allein für diesen Landstrich zwei Bände parat.
Und sie schien fest entschlossen, ihm den gesammelten Inhalt zu erzählen. Zwischendurch fing Thomas einmal zufällig den Blick des Fahrers im Rückspiegel auf. Der zwinkerte ihm mit einem leicht hoch gezogenem Mundwinkel zu und Thomas nickte lächelnd. Ja, das verstand er.