Excerpt for Albtraum der gestohlenen Gefühle by Annette Paul, available in its entirety at Smashwords

Albtraum der gestohlenen Gefühle


by

Annette Paul




Smashwords Edition


*****


Copyright 2011 Annette Paul



Smashwords Edition, License Notes

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Inhalt


Verzaubernde Welt

Verdammt zum Leben

Deutsche Sitten

Der Zauberbann

Ein wunderliches Tier

Der Nachbarschaftsstreit

Die Tränendiebe

Zur Autorin




Verzaubernde Welt

Die ganze Stadt hatte den Jahrmarkt mit all seinen Händlern, Possenreißern und Gauklern schon sehnsüchtig erwartet. Zu selten gab es eine Abwechslung vom harten Alltagsleben. Endlich war es soweit.

Jung und Alt vergnügten sich auf dem Markt, feilschten mit Händlern um Haushaltsgegenstände, bestaunten den Zwerg und die Frau mit den drei Augen. Besonderen Zuspruch fanden die Gaukler. Dieses Jahr war ein besonderer Künstler dabei. Die Leute bejubelten ihn. Er jonglierte mit brennenden Fackeln, turnte und verrenkte sich, als ob er keine Knochen im Leibe hätte.

Ein kleiner Junge konnte sich gar nicht lösen. Als abends die Händler wieder einpackten, stand er immer noch bei den Gauklern.

„Na, Kleiner, willst du nicht nach Hause?“, fragte der Künstler.

„Nein, ich will mit euch ziehen. Wie bist du Gaukler geworden?“

„Ich bin, solange ich denken kann, von Jahrmarkt zu Jahrmarkt gezogen. Ich habe schon als kleines Kind angefangen.“

„Das will ich auch“, sagte der Junge.

Der Gaukler zeigte ihm, wie er mit drei Bällen jonglieren könne.

„Wenn wir nächstes Jahr wiederkommen, zeigst du mir, was du gelernt hast. Kannst du es, zeige ich dir weitere Kunststücke, und wenn du groß bist, kannst du mit uns mitkommen. Aber du musst jeden Tag üben“, sagte der Gaukler.

Der Junge versprach es.

„Wo kommt du her?“, fragte er weiter.

„Vom roten Stern“, antwortete der Fremde.

„Und wo gehst du hin?“

„Zum blauen Mond.“

Der Gaukler packte seinen Sack, warf ihn über seine Schulter und machte sich auf den Weg. Kräftig schritt er aus, stieg in die Luft und immer weiter aufwärts dem Mond entgegen.

Die anderen Menschen sahen ihn nicht, nur der kleine Junge beobachtete ihn staunend.




Verdammt zum Leben

Der ältere Herr im weißen Kittel warf einen raschen Blick auf die Apparate, dann wandte er sich dem Mann im Krankenbett zu.

„Da haben Sie aber Glück gehabt, das alles so glimpflich abgegangen ist“, stellte der Arzt fest.

Der Patient verzog sein Gesicht.

„Doch, glauben Sie mir, ich habe jahrelange Erfahrungen. Auch Sie werden eines Tages froh sein, gerettet worden zu sein“, sprach er begütigend.

„Was wissen Sie schon“, murmelte der Patient und drehte seinen Kopf weg.

„So ein junger Mensch sollte nicht leichtfertig sein Leben wegwerfe“, sagte der Arzt.

Der Patient rührte sich nicht. Abgewandt lag er im Bett.

Der Arzt wartete eine Weile vergeblich.

„Ich habe jetzt keine Zeit, ich schicke Ihnen nachher jemanden“, unterbrach er schließlich das Schweigen.

Am frühen Nachmittag traf Schwester Josefine die Psychotherapeutin Dr. Wagner im Krankenhausflur.

„Kommen Sie wegen unseres jungen Selbstmörders?“, fragte Schwester Josefine.

Die zarte, dunkelhaarige Therapeutin nickte.

„Gut, dass Sie kommen. Der Patient arbeitet überhaupt nicht mit. Er verweigert die Nahrung, und Dr. Schmidtchen möchte erst einmal Ihr Gespräch mit dem Patienten abwarten, bevor er die Zwangsernährung anordnet“, berichtete Schwester Josefine. Der junge Selbstmörder nervte sie. Er behinderte die Krankenhausroutine.

„Ich werde sehen, was sich machen lässt“, erklärte Dr. Wagner und betrat das Krankenzimmer.

Der Patient musterte sie gelassen.

„Ich bin Dr. Wagner, die Psychotherapeutin“, stellte sie sich vor.

Der Patient reagierte nicht.

„Würden Sie uns Ihren Namen nennen?“, bat sie und als der Mann schwieg, fuhr sie fort: „Irgendwann erfahren wir es doch, und es wäre netter, wenn wir Sie nicht mit Patient Nr. 310 anreden müssten.“

„Wie heißen Sie mit Vornahmen? Maria? Rebekka?“, fragte der Patient.

„Weder noch. Er ist schrecklich, aber ich verrate ihn Ihnen, wenn Sie mir Ihren sagen“, lachte Dr. Wagner.

„Na gut, ich bin Jonas Gars“, sagte der Patient. Er wirkte etwas lebhafter.

„Und ich heiße Brünnhilde. Entsetzlich, nicht? Er passt überhaupt nicht. Aber mein Vater war ein Wagner-Anhänger. Richard Wagner war ein berühmter Komponist im vorigen Jahrtausend“, erklärte Dr. Wagner.

„Ich weiß“, murmelte Jonas.

„Es wäre schön, wenn Sie mitarbeiten würden. Gemeinsam schaffen wir es bestimmt, Ihre Probleme zu lösen“, sagte Dr. Wagner aufmunternd.

„Das glaube ich kaum“, wehrte Jonas ab.

„Nichts ist so hoffnungslos wie es auf dem ersten Blick erscheint. Sie sind doch noch so jung“, meinte Dr. Wagner.

Jonas Gars lachte leise.

„Es ist schon mein zehnter Versuch“, gestand er.

Brünnhilde Wagner sah geschockt aus.

„Meinen ersten unternahm ich vor fast zweihundert Jahren. Sie glauben mir nicht? Haben Sie nicht von den Genversuchen des einundzwanzigsten Jahrhunderts gehört? Von Dr. Corin Watzlaw? Eins seiner Versuchskaninchen bin leider ich. Eine kleine genetische Veränderung, die das Gen, das altern lässt, ausschaltet. Der uralte Wunsch der Menschheit schien wahr zu werden. Aber bevor die Massen verändert wurden, sollten einige Versuche laufen. Die ersten genetisch veränderten Kinder starben wegen Fehler. Die nächsten blieben Babys, sie reiften nicht. Ich bin die einzige gelungene Version der Alterungsveränderten.


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