Das D-Team
Abenteuergeschichten für
Kinder
Von
Thom Delißen
Smashwords
Edition
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Thom
Delißen on Smashwords
Das D-Team
Cpyright by Thom
Delißen
Inhaltsverzeichnis:
1.
Kapitel: Das D-Team und
der Weihnachtsmann
2.
Kapitel: Das D Team und das schwarze Schaf
3.
Kapitel: Das D-Team und der geheime Teich
4.
Kapitel:Das D- Team und das Bildnis
5.
Kapitel:Das D-Team und die Geistervilla
Das
D-Team und der Weihnachtsmann
Das geräumige Zimmer von
Lasse, dem Ältesten, hatte sich wieder einmal in einen
Besprechungsraum verwandelt.
Sondersitzung.
Die Mitglieder des
D-Teams hatten sich auf die zwei Sofas verteilt, Lasse stand, in
einen schwarzen Umhang gehüllt, vor ihnen, hinter ihm das
Fernsehgerät.
Die kleine Tamara fühlte sich außerordentlich und
war genauso aufgeregt. Es war das erste Mal, dass die Großen ihr
erlaubten, einer solchen Konferenz beizuwohnen. Und das auch nur,
weil sie ihn entdeckt hatte, den Weihnachtsmann.
Hugg saß im
Schneidersitz da, ein Streichholz im Mund, auf dem er angestrengt
kaute. Das hatte er, so wusste Kim, die neben ihm saß und die
Szenerie mit herablassendem, aber interessierten Gleichmut
betrachtete, aus einem Videofilm, den sie sich neulich angesehen
hatten. Sie fand diesen Spleen abscheulich, unhygienisch. Das
spiegelte sich deutlich in ihrer Miene wieder, als sie Hugg mit einem
Seitenblick streifte.
Neben Hugg saß der Mittlere der Brüder,
Ben. Aufmerksam und stumm lauschte er.
„Wir sind hier zu einer
außerordentlichen Sitzung zusammen gekommen“, begann der
elfjährige, schlaksige Lasse und hob theatralisch den linken Arm,
„weil unser neues Mitglied Tamara“, er deutete auf das kleine
Mädchen, das übers ganze Gesicht strahlte und doch tatsächlich
puterrot wurde, „uns von einer seltsamen Begegnung, die sie gestern
hatte, berichtet. Erzähl das nochmal, Tamara!“
Das hagere
Mädchen wurstelte verzweifelt ihre Fingerchen ineinander.
Nun
sollte sie auch noch eine ganze Geschichte erzählen!
Doch es
sprudelte nur so aus ihr heraus, kaum konnte sie sich in Zaum halten.
Mit eine paar eiligen Stotterern (aber nur weil sie so furchtbar
nervös war) und etlichen Verhasplern, begann sie zu erzählen.
„Also
ich war da gestern im Wald hinten, oben. Bei dem kleinen Hochsitz,
vom Greiner Bauern, ihr wisst schon.“
Entrüstet hatte sich Kim
bei diesen Worten nach vorn gebeugt, ihr Gesicht sprach tausend
Bände.
„Die Mama hat gesagt …“
Hugg sah sie gespannt an,
denn alle wussten, dass es für Tamara streng verboten war, allein in
den Wald zu gehen. Also konnte, entsprechend Kims
mütterlich-vorpubertären Ambitionen nur ein gewaltiges Donnerwetter
folgen.
Doch Lasse machte ihr einen Strich durch die
Rechnung.
„Wir wissen alle, dass Mama es Tamara verboten hat,
weil sie Angst hat, es könnte ihr was passieren. Es geschehen
seltsame Dinge, dort draußen.“
Er holte tief Luft. Dann sagte
er triumphierend:
„Und deswegen sind wir ja auch hier.“
Er
lächelte Tamara zu, die ganz in sich selbst gekrochen war, sich
möglichst klein machte.
„Ich wollte doch nur …“, piepste
sie.
Sie besann sich und fuhr mit ihrer Geschichte, ein wenig
lauter jetzt, fort.
„Ich hab’ den Weihnachtsmann gesehen!“,
platzte sie heraus, „Also ich glaub ganz sicher, dass er es war. Er
hatte eine Mütze auf, die war zwar nicht rot, aber der Mantel –
aber es ist ja auch noch nicht Weihnachten, und – aber- Stiefel
hatte er an, ja solche, wie sie auch der Nikolaus trägt und ja,
einen dicken Sack hat er gehabt und einen weißen Bart und eine
Nickelbrille und er hat ganz schrecklich gegrummelt. Also wenn das
nicht der Weihnachtsmann war …“
Geschäftsmäßig unterbrach
Lasse den Redefluss. „Wie unsere Agenten berichteten“, er deutete
auf die zwei Jungen, „ist der“, er lächelte, „Weihnachtsmann
öfter unterwegs.“ Er räusperte sich gewichtig.
„Wir haben
Anlass zu der Vermutung, dass es sich um ein kriminelles Subjekt
handelt.“
Tamara saß mit leuchtenden Augen und offenem Mund da.
Wie sich das anhörte, wenn Lasse das sagte!Und sie hatte es
entdeckt, das kriminelle Suspekt! Sie war ganz furchtbar stolz auf
sich selbst.
Kim, bemüht, ihre Abfuhr von gerade wieder gut zu
machen, warf spöttisch ein: „Ihr wollt also den Weihnachtsmann
jagen?“ Sie lachte. „So einen Blödsinn habe ich schon lange
nicht mehr gehört. Erstens gibt es den Weihnachtsmann nicht, wie
jedes Kind weiß“, sie blickte von oben auf Tamara herunter, deren
Mundwinkel beim letzten Satz nach unten gerutscht waren, „und
zweitens wird es irgendein harmloser Pilzsammler sein.“
Zufrieden,
so energisch, mit erwachsener Vernunft gesprochen zu haben, lehnte
sie sich lächelnd zurück.
Lasse ignorierte den Einwurf
diplomatisch und wandte sich an Hugg.
„Erzähl uns du doch mal,
was du gesehen hast.“
Hugg fläzte in der Ecke des Sofas, schob
das Streichholz in den anderen Mundwinkel.
“Hmm. Also. Was soll
ich sagen. Ich bin gestern von der Bandprobe nach Haus gekommen, hab
die Abkürzung über den oberen Wald genommen ...“
Das mit der
Bandprobe hatte er nicht nur so gesagt. Ganz unterschwellig, so
meinte er, war das eine erwähnenswerte Tatsache. Denn er war
unendlich stolz auf seinen Platz als Schlagzeuger bei den „First
Trombones“, wie sie sich nannten. Immerhin hatte man schon einen
Auftritt hinter sich, und momentan war er sich absolut sicher, in
spätestens zwei Jahren ein gefeierter Rockmusiker zu sein.
Als
alle ihn erwartungsvoll ansahen, kehrte er von seinem Gedankenausflug
zurück.
„Da ist jemand durch den Wald geschlichen“, er nickte
zu Tamara hin, die vor lauter Aufregung an ihrem Daumen kaute, „und
er hatte einen Sack auf dem Rücken. Einen grünen Rucksack, einen
roten Mantel und Bart. Und …“, er sah Kim an, „er war
verdächtig!“
„Ich habe ihn ebenfalls gesehen. Er sah
unheimlich aus.“ Ben meldete sich leise zu Wort.
Kim zuckte
verächtlich mit den Schultern.
„Aber es war der
Weihnachtsmann!“, warf Tamara ein.
Lasse, der einen Streit nahen
sah, schob schnell ein: „Ok. Wir nennen es das Projekt Santa
Claus.“ Erklärend fügte er für die kleine Tamara hinzu: „Das
ist englisch und heißt auch Weihnachtsmann.“
„Und was wollen
wir tun?“ Die Stimme der älteren Schwester klang neugierig.
Kim
hatte beschlossen mitzuspielen. Vielleicht würde das Ganze ja doch
aufregend werden?
Lasse grinste sie freundlich an. Hatte er es
doch gewusst! Alles nur Weibergetue!
„Observieren“, sagte er
mit tiefer Stimme.
Kim nickte verständnisvoll, ebenso wie Hugg
und Ben. Die kleine Tamara blickte ratlos.
„Beobachten“, sagte
Hugg. Und, ein wenig verachtungsvoll: „Baby.“
„Aha!“,
meinte Tamara, im Bestreben klarzustellen, dass sie keineswegs ein
Baby war und sich alles gemerkt hatte. „Wir prosperieren also das
Suspekt.“
Beifalls heischend sah sie die anderen an, aber die
grinsten nur und verdrückten sich das Lachen.
Doch dann kam von
Lasse ein: „Genau, das tun wir.“ Und alles war wieder in
Ordnung.
Ben, der die ganze Zeit über, bis auf den einen Satz
geschwiegen hatte, sprach den magischen Satz. „Hast du einen
Plan?“
Lasse begann vor dem Fernseher auf und ab zu gehen, dabei
zwirbelte er sich einen imaginären Schnurrbart. Nach einigen
eindrucksvollen Minuten drehte er sich um. „Ja … ich habe einen
Plan.“ Er griente.
In diesem Augenblick stand Stefan plötzlich
im Türrahmen, die Vaterfigur in dieser Patchworkfamilie.
„Darf
man denn erfahren, welchen Plan?“
Schnell streifte Lasse den
schwarzen Umhang ab.
„Oh, äh. Nichts. Es ist wegen
Weihnachten. Eine, äh, Überraschung.“
Der spindeldürre
Mann hinter dem Schreibtisch, dessen Weste sich vergebens bemühte
den schmächtigen Oberkörper zu verdecken, ließ seine Faust auf die
Tischplatte donnern.
Oberkommissar Pflegling war verwirrt. Sonst
folgte dieser Zornausbruch des Bürgermeisters von Bruckingen immer
erst am Ende einer Standpauke. Er zog die Augenbrauen nach oben und
schlug die Beine übereinander.
Lächelnd blickte er seinem
Gegenüber ins Gesicht.
„Pflegling! Das muss ein Ende haben!“,
sagte der Bürgermeister mit erregter, gepresster Stimme.
„Ich
stimme Ihnen vollkommen zu“, antwortete Pflegling, und setzte
nach:
„Um was geht es denn?“
Der spindeldürre
Volksvertreter lief rot an.
„Na, um diese unverschämten
Diebstähle! Das Telefon steht nicht mehr still. Kinder rufen an! Und
deren Eltern! Hunderte!“
Pflegling schmunzelte. Kornmann neigte
schon immer zu Übertreibungen.
Ganz ernst antwortete er:
„Sie
meinen diese Bande, die sich ausgerechnet die Schränke vornimmt, in
denen die Eltern die Weihnachtsgeschenke versteckt haben?“
Er
räusperte sich unbehaglich.
„Tja, ähm. Wir sind an der Sache
dran. Aber Sie wissen, Herr Bürgermeister, wir sind vollkommen
unterbesetzt.“ Er hob wie hilflos seine Arme.
„Und gerade
jetzt in der Weihnachtszeit …“
„Unterbesetzt! Ich werde
Ihnen unterbesetzt geben! Die armen Kleinen! Keine
Weihnachtsgeschenke unterm Christbaum! Die armen Eltern! Diese
finanzielle Belastung! Tun Sie was! Und zwar schnell!“
Pflegling
versuchte, sich erneut zu rechtfertigen.
„Die verschwinden jedes
Mal spurlos. Und es geschieht am hellen Nachmittag. Wie sollen wir
all die Häuser kontrollieren? Sie sind wie Gespenster.“
„Dann
fangen Sie diese Gespenster! Ich will Erfolge sehen.“
Erleichtert
beobachtete Pflegling, wie sich die rechte Hand des Bürgermeisters
zur Faust ballte und auf das Holz des Tisches
niederfuhr.
„Sofort!“
„Jawohl Herr Bürgermeister“,
sagte Pflegling devot.
Kornmann griff sich eine Akte und blickte
dann von schräg oben auf Pflegling herab.
„Sind Sie immer noch
da?“
Lasse und Hugg saßen im unteren Abteil des
Stockbettes, während sich oben Ben schon in die Decke gekuschelt
hatte. Kim stand, mit ihrem Nachthemd bekleidet, im Türrahmen.
„Wir
müssen rausfinden, ob er irgendeine Regelmäßigkeit hat, dieser
Bursche“, sagte Lasse gerade.
„Wir können aber doch nicht den
ganzen Nachmittag und jeden Tag …“, wandte Kim energisch
ein.
„Kein Problem“, meinte Hugg gähnend.
„Ich habe doch
zu meinem letzten Geburtstag die Web-Cam bekommen. Die ist
Bluetooth.“
„Genial!“ Lasse war begeistert. Doch dann, nach
einem Augenblick der Überlegung, meldete er Zweifel an.
„Kann
das Ding denn soweit übertragen?“
„Ich lasse mir was
einfallen. Bin doch nicht umsonst der Technikfreak im D-Team,
oder?“
Das stimmte. Immer wenn es um irgendwelche kniffeligen
Angelegenheiten ging, die mit Computern oder Technik zu tun hatten,
war Hugg die Nummer eins. Ben der Jüngste der Brüder dagegen, man
mochte es kaum glauben, besorgte tatsächlich alles, was zu
irgendeinem Unternehmen notwendig war, mit vielen Tricks und
ausgesprochener Phantasie.
Kim war eine ausgesprochen
erfindungsreiche Mechanikerin, sie bastelte aus jedem noch so wertlos
erscheinenden Kram die tollsten Sachen.
Und er, Lasse, war der
Planer. Der Chief. Tamara – na man würde sehen.
„OK. Keiner
sagt einen Ton!“ Er flüsterte schon und erhob sich, denn Kim hatte
ihm gedeutet, dass Susi im Kommen war, die Mama, die ihnen ihren
täglichen Gutenachtkuss geben wollte.
Schnell verschwanden er und
Kim in ihren Zimmern. Tamara schlief schon lange, erschöpft von den
vielen aufregenden Dingen, die sie heute erlebt hatte.
Gespannt
saßen Lasse, Kim, Ben und Tamara um den Computer in seinem Zimmer,
der „Zentrale“, wie Lasse betont hatte.
„Seht ihr was?“,
quäkte es aus dem Walkie-Talkie.
„De rien“, sagte Lasse, der
sich mit einem Computerprogramm selbst ein wenig Französisch
beigebracht hatte.
„Waas?“
„Nichts. Wir sehen nichts. Nur
Schneegestöber.“
„Verflixt!“
Die Funkgeräte hatte Ben
von einem Klassenkameraden geliehen, im Tausch für das Versprechen,
ihn einmal auf seinem Motocross-Bike eine Runde drehen zu lassen –
im Frühjahr.
Hugg war im Wald unterwegs. Für die Eltern holte er
in der Stadt sein Rad ab, dass er vergessen hatte, weil er mit ein
paar Freunden unterwegs war.
Angesichts seiner oft getadelten
Schusseligkeit eine hervorragende Ausrede. Am Nachmittag hatte er
Stunden damit verbracht, im Hobbykeller eine Art Relaisstation zu
basteln, die das Signal der Web-Cam auffing und verstärkte.
Sie
hatten als Standort für die Kamera einen Baum gewählt, der in der
Nähe des Weges lag, wo Hugg und Tamara den geheimnisvollen
Sackträger beide gesehen hatten.
„Ha! Ich hab’s!“, dröhnte
es aus dem Funkgerät. Dann war ein erschrockener Schrei zu hören,
auf dem Bildschirm das Bild des Waldes in etwa zwei Kilometer
Entfernung zu sehen.
Aus dem Walkie-Talkie tönte Huggs Stimme:
„Verdammt …!“
Erneut ein abgehackter Ruf.
„Die Kamera
sendet, wir empfangen Sie einwandfrei!“, krähte Ben.
„Ich bin
von dem vermaleideten Baum gefallen!“
„Wir können dich
sehen!“
Tatsächlich war Hugg auf dem Monitor zu sehen, wie er
sich gerade erhob.
Ganz offensichtlich hatte er den Sturz
unbeschadet überstanden.
„Ja, Hauptsache ihr seht was!: An
meine armen Knochen denkt keiner!“
Die vier im Kinderzimmer
lachten.
„Komm jetzt heim. Mission beendet!“, sagte
Lasse.
Susi war entsetzt.
Hugg hatte eine tiefe Schramme am
Fuß und einen verstauchten Arm davongetragen.
„Bin ganz blöd
mit dem Fahrrad gestürzt.“ Gottseidank war die Mama viel zu sehr
damit beschäftigt, ihm die Wunde mit Desinfektionsmittel zu säubern
– was höllisch wehtat – um sein Rotwerden zu bemerken.
„Wie
blöd denn noch?“, fragte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Sie schien die Tinktur mehr zu schmerzen als Hugg.
„Was ist mit
dem Fahrrad? Muss das Stefan verarzten?“
„Nö“, nuschelte
der Unglücksrabe. „Dem is nix passiert. Aua!“
Beim Abendessen
verschwand immer mal wieder eines der Kinder „um aufs Klo zu
gehen“, natürlich um den Bildschirm zu kontrollieren, den dies war
just die Zeit, in der Tamara und Hugg am gestrigen und den Tag davor
die mysteriöse Gestalt beobachtet hatten.
Lasse wunderte sich,
dass den Eltern die seltsame Blasenschwäche der Kids nicht auffiel
und beschloss, sich diesbezüglich etwas einfallen zu lassen.
Tatsächlich aber kam Ben mit einem geheimnisvollen,
verschwörerischen Nicken an den Tisch zurück. Das Abendessen endete
schnell, keines der Kinder hatte mehr Hunger, jeder gab an, noch
wichtige Dinge, die keinen Aufschub duldeten, erledigen zu
müssen.
Verzweifelt fragte Lasse sich, wie lange sie die Aktion
noch vor den auch nicht gerade auf den Kopf gefallenen Eltern
verbergen konnten.
Trotzdem war er der Erste am Computer.
„Du
hast ihn gesehen, Ben?“, fragte er aufgeregt den Jungen, der ihm in
die „Zentrale“ im Erdgeschoss gefolgt war.
„Ja, kurz, ich
glaube zumindest, dass er es gewesen ist.“
Die Aufnahme der
Kamera zeigte um sechzehn Uhr fünfundvierzig eine dick vermummte,
bärtige Gestalt, die einen Sack trug.
„Da haben wir ihn! Den
Weihnachtsmann!“, meinte Kim, die sich ebenfalls dazu gesellt
hatte.
„Meine Technik! Mein Einsatz!“ Hugg war furchtbar
stolz auf sich.
Tamara stand aufgeregt und schweigend, mit großen
Augen neben ihm.
Was hatte sie doch für tolle Geschwister!
„Gut,
sehr gut“, murmelte Lasse in seinen eingebildeten Schnauzer.
„Wenn
er morgen um dieselbe Zeit erscheint, schlagen wir übermorgen
zu.“
Er drückte auf eine Taste des Keyboards und der Drucker
begann zu rattern.
„Hier kommen eure Aufgaben.“
Er drehte
sich den anderen zu.
„Stefan und Susi dürfen auf keinen Fall
was mitbekommen. Wir müssen sehr vorsichtig sein. Nicht so wie heute
beim Abendessen.“
Er räusperte sich.
„Ich werde einen
genauen Zeitplan ausarbeiten. Wir verteilen das, was zu tun ist, auf
den kompletten Tag.“
„Solche unverschämten Mistkerle!“
Oberkommissar Pflegling warf zwei Schnellhefter auf den
Schreibtisch seines Assistenten Häubel, der erschrocken
aufsah.
„Schon wieder zwei Wohnungen ausgeräumt.“ Er
schnaubte erbost.
„Woher die nur wissen, wann sie einsteigen
können? Jedes Mal sind die Eigentümer in der Arbeit, beim
Einkaufen, die Kinder in der Schule oder beim Musikunterricht oder
sonst wie nicht daheim. Das muss eine Bande sein, die die Häuser in
großem Stil überwacht. Ein Syndikat!“
„Sie meinen die
Mafia?“, fragte Häubel ungläubig.
„Ach, was weiß denn ich.“
Er setzte sich seinem Untergebenen gegenüber auf den Stuhl, der
sonst Zeugen oder zu Vernehmenden diente.
„Jedenfalls müssen
wir uns ganz dringend etwas einfallen lassen. Der Bürgermeister ist
richtig ekelhaft geworden, gestern Nachmittag.“
Der Assistent
nickte verständig.
„Streifen verstärken?“
„Ja.
Urlaubssperre. Wir werden jeden verfügbaren Mann einsetzen.
Irgendwie muss die Bande das Diebesgut ja auch transportieren. Fremde
Autos fallen auf. Wir befragen die Nachbarn der Geschädigten.
Vielleicht haben sie Fahrzeuge gesehen, die ihnen unbekannt sind.“
Er
seufzte inbrünstig.
„Flugblätter! Wir können Flugblätter
verteilen!“
Der junge Beamte fuhrwerkte mit den Armen in der
Luft, als verschleudere er gerade Hunderte von ihnen.
„Ausgezeichnete
Idee! Da haben wir was für den Amtsschimmel in der Hand! Und eine
Belohnung setzen wir aus!“
Begeistert klatschte der
Oberkommissar mit der flachen Hand auf die Tischplatte.
„Kümmern
Sie sich gleich darum!“
Lasse teilte also, nach einem
tatsächlich ausgefeiltem Zeitplan, jeden, sogar Tamara, zu den
verschiedensten Tätigkeiten ein.
Das Hauptziel war es, eine
Fallgrube zu bauen, ein wichtiger Bestandteil des Planes, der ohne
Zögern von allen angenommen wurde.
Lange hatte Lasse überlegt,
wie man den Räuber denn festhalten könne.
Die Fallgrube
dermaßen tief zu graben wäre ein zu großer Aufwand.
Dann war
ihm die Idee mit dem Fangnetz gekommen.
Und schließlich war da
noch der glänzende Einfall mit dem Wasser.
So schufteten die
Kinder nun oben im Wald, bauten an einem geeigneten Platz, ganz in
der Nähe des Pfades, den der Dieb zu begehen pflegte, im Sichtwinkel
der Kamera, die komplizierte Konstruktion auf. die Kim sich nach der
Idee des Bosses überlegt hatte, gruben in der schon halb gefrorenen
Erde ein breites tiefes Loch.
Eile war geboten, am Nachmittag
musste alles fertig sein.
Ben, Hugg und Lasse schwänzten ein paar
Stunden ihres Schulunterrichtes, Kim ließ ihre Geigenstunde
sausen.
Als die groben Arbeiten soweit erledigt schienen,
kleideten sie die Grube mit Plastiktüten aus.
Mit einem
Fahrradanhänger – und das war eine Mordsarbeit – schafften sie
tonnenweise Wasser heran und tatsächlich entstand ein kleines
Bassin.
Die Aktion fiel Zuhause nicht weiter auf, da Stefan in dem
Restaurant, in dem er als Chefkoch arbeitete, Susi in ihrer eigenen
kleinen Werbeagentur zu tun hatten.
Stolz stand Hugg nun am Rand
der Vertiefung. Er bog den Kopf nach hinten und blickte nach oben.
Wie ein Damoklesschwert, so schien es ihm, prangte da die ausgefeilte
Mechanik mit den vielen Schnüren, die den Verbrecher zumindest arg
behindern sollten.
So versunken in seine Gedanken war er, dass er
unwillkürlich einen Schritt zurück tat, als Lasse plötzlich neben
ihm stand und sagte: „Klasse Konstruktion!“
Mit einem „Ohhh“
stürzte er in das kniehohe Wasser am Boden der Falle, auf dem schon
eine kleine Eisschicht lag.
Prustend lag er auf dem Grund der
Grube.
Lasses Entsetzen wandelte sich in Vergnügen, auch die
anderen, Kim, Ben und Tamara, fanden die Situation ausgesprochen
witzig.
Schließlich rappelte sich Hugg auf, es war gar nicht so
einfach wieder herauszukommen.
„Das war die Generalprobe!“,
lachte Ben den frierenden Erfinder aus.
Die
Gitternetzkonstruktion, eine Kombination aus Speerholz und
Plastikplane trug ebenfalls. Mit Akribie verwischten die Kinder
sämtliche Spuren ihrer Anwesenheit. Über die Grube verteilten sie
feinen Schnee, sodass schließlich nur noch ein geübtes Auge den
Unterschied zum nicht präparierten Waldboden hätte ausmachen
können.
Den finalen Trick brachte Lasse persönlich an.
Mit
einer Nadel befestigte er, von Ben und Hugg am Gürtel gehalten, in
der Mitte der abgedeckten Plane einen Fünfeuroschein.
Satt
glänzte das Grün auf dem weißen Schnee.
Das alles dauerte noch
ein wenig und Huggs Klamotten trieften.
Auf dem Rückweg begann er
schon zu niesen.
An diesem Abend wurden die Kinder enttäuscht.
Nicht einmal ein Eichhörnchen war auf dem Monitor, den sie ständig
überwachten, zu sehen.
Schließlich wurde es dunkel, dann
Schlafenszeit.
Enttäuscht krochen die Kinder in ihre Betten. Ob
die Konstruktion morgen immer noch so unauffällig aussehen würde?
Man musste unbedingt noch einmal nachbessern, beschloss Lasse, bevor
er, müde von den anstrengenden Arbeiten, fest einschlief.
Als
Susi ihn am nächsten Tag zur Schule wecken wollte, lag Hugg mit
geschwollenen Augen frierend im Bett. Er hatte sich eine ordentliche
Erkältung geholt.
„Hustentee mit Honig und strenge Bettruhe!“,
verordnete sie.
Das war Lasse und den anderen natürlich sehr
willkommen, denn so hatten sie jemanden, der den Computer den ganzen
Tag überwachen konnte.
Klar tat ihnen Hugg, der nur mit heiserer
Stimme ein wenig krächzen konnte, leid, aber nur ein bisschen.
So
also kam es, dass Hugg, nach anfänglichen Protesten der
fürsorglichen Susi in Lasses Zimmer übersiedelte, weil nämlich nur
der ein bestimmtes Englisch-Lern-Programm auf dem PC hatte …
Jedoch
zeigte es sich für die beiden anderen Burschen, dass die Krankheit
ihres Bruders nicht auch genug Grund für ihre Abwesenheit bei den
gestrigen Lehrstunden war, die Klassenleiterin drohte damit, die
Eltern anzurufen.
Den beiden war dies erst einmal egal. Heute
Nachmittag würden sie den Weihnachtsmann zur Strecke bringen, und
Ben hatte – grinsend wie ein Honigkuchenpferd – ein Flugblatt der
örtlichen Polizei angebracht, fünfhundert Euro Belohnung
einstreichen.
Der Nachmittag verging rasend schnell, als die drei
mit dem kranken Hugg zusammen, dem es momentan ganz prächtig ging,
denn Susi hatte ihm ein Glas Rotwein mit Zucker und einem rohen Ei
darin bereitet, sich ausmalten, was sie von der Belohnung alles
kaufen würden.
Schon war es vier Uhr, die Zeit um die der
Einbrecher eigentlich auftauchen sollte.
Dann kam die große
Aufregung. Stefan betrat die Zentrale und fragte, ob sie Tamara
irgendwo gesehen hätten, ob sie wüssten, wo sie sei.
Ganz
offensichtlich war sie von ihrer Ballettstunde nicht nach Hause
gekommen, die beiden Elternteile, vor allem Susi, fürchteten das
Schlimmste.
Eine Stunde wollten sie noch warten, so verkündete
Stefan, dann würde die ganze Familie ausrücken, sie zu suchen.
Das
kleine Mädchen aber war auf dem Nachhauseweg von der Stadt an der
Abzweigung zu dem Waldstück entlang gekommen. Nach kurzem Zögern
hatte sie beschlossen, nach der Falle zu sehen, die Ben, Lasse und
Kim gegen Mittag noch einmal in Ordnung gebracht hatten.
Tapfer
stapfte sie durch den stillen, verschneiten Wald.
Gerade als sie
in der Nähe der Web-Cam und der Fallgrube ankam, hörte sie,
einigermaßen weit entfernt noch, ein heiseres Husten.
Jemand kam
den Pfad hinauf!
Tamara rutschte fast das Herz in die Hose.
Verzweifelt sah sie sich um. Wo konnte sie sich
verstecken?
Schließlich sah sie einen Baum, dessen Äste bis auf
die Erde reichten. Nicht ganz so flink wie ein Wiesel erkletterte sie
ihn und lag schließlich auf einem oberarmdicken Ast, der ihr aber
verdächtig morsch vorkam. Doch einen anderen zu suchen, dafür war
es jetzt zu spät.
So verhielt sie sich mucksmäuschenstill,
bewegte sich nicht und hoffte alles würde gut gehen.
Auf dem
Monitor in der Zentrale hatten die vier anderen natürlich
beobachtet, wie sie auf den Baum kletterte, jetzt kam auch der Mann
mit dem roten Mantel und der Zipfelmütze, einen gewaltigen Sack
schleppend, ins Bild.
Alle hielten den Atem an.
Würde der
Verbrecher auf den Trick hineinfallen? Würde die sorgfältig
geplante List funktionieren?
Just unter dem Ast, auf dem die
kleine Tamara, vor Kälte schon zitternd lag, machte der bärtige
Sackträger eine Pause und zündete sich eine Zigarette an.
Die
vier vor dem Bildschirm stöhnten auf.
Wenn er die Gegend müßig
beim Rauchen betrachtete, würde ihm der Hinterhalt bestimmt
auffallen.
Doch nach ein, zwei Zügen schwang der Dieb seine Last
wieder auf die Schulter und stapfte weiter, an dem Geldschein
vorbei.
Die Kinder hielten den Atem an, Tamara auf ihrem Ast
ohnehin.
Und urplötzlich, irgendwie musste er das Geld aus dem
Augenwinkel gesehen haben, wandte sich der, wie ein Weihnachtsmann
gekleidete um, stutzte, hob die Hand an die Nickelbrille und stapfte
dann mit einem „Na sowas!“, das natürlich nur Tamara hören
konnte, auf den Geldschein zu.
Dann jedoch, nur einen Schritt weit
von der getarnten Plane entfernt, bückte er sich. Suchend tasteten
seine behandschuhten Finger über den Boden.
Er hatte erkannt,
dass die Walderde durch eine Plane ersetzt war!
Enttäuscht
stöhnten Lasse, Hugg, Ben und Kim auf.
In diesem Augenblick gab
der halb verrottete Ast unter Tamaras Gewicht nach. Mit einem lauten
Geräusch brach er und in einer Schneewolke landete Tamara mit einem
schrillen Schrei am Boden.
Der Mann wandte sich ihr erschreckt zu
und tat, wie Hugg am Vortag, aus Versehen, einen Schritt zurück.
Und
rutschte in die Falle!
Fluchend lag er mitsamt seinem Beutegut in
dem kalten Wasser. Dann fiel das seltsame Netz auf ihn herab.
Ben
und Lasse sprangen wie vom Teufel gejagt auf, sausten durch das Haus
zum Schuppen, wo sie ihre Kinder-Motocrossmaschinen bereitgestellt
hatten, und schon waren sie mit heulenden Motoren quer durch den Wald
auf dem Weg.
Oberkommissar Pfleglings Assistent stürzte in
das Büro.
„Man hat ihn gesehen! Den Weihnachtsmann!“
Pflegling,
der gerade eine dick mit Leberwurst bestrichene Scheibe Bauernbrot
aß, blickte auf.
„Glauben Sie immer noch an das Märchen?“,
fragte er kauend.
Häubel, der Assistent, war einen Augenblick
baff. Wollte Pflegling ihn veräppeln? Der grinste.
„Den
Wohnungseinbrecher! Wir haben eine Spur des
Wohnungseinbrechers!“
Häubel keuchte mit rotem Gesicht.
Er
ist auf den Weg zum Wald bei der alten Aumühle verschwunden!“
Jetzt
sprang Pflegling auf, das Brot landete auf der
Schreibtischplatte.
„Gut gemacht Häubel!“, rief er.
„Schnappen wir uns den Kerl!
So kam es, dass fünf uniformierte
Polizeibeamte und die beiden Jungen auf ihren Motorrädern
gleichzeitig bei dem in die Seile verhedderten Opfer ankamen.
Tamara
hatte sich bis zu ihrem Eintreffen hinter einem Baum versteckt.
Nicht
gerade sanft zerrten die Polizisten den laut jammernden aus der
Grube, die die Polizisten und auch Pflegling und sein Assistent
staunend betrachteten.
Als man dem Weihnachtsgeschenkeräuber den
angeklebten Bart und die Nickelbrille abnahm, erkannten Lasse und Ben
ihn. Es war Birnentreu, der furchtbar grantige Hausmeister der
Schule, die sie besuchten!
Natürlich wusste der, wann die Schüler
ihren Nachmittagsunterricht hatten und so, wann die meisten Wohnungen
leer waren, wenn die Eltern arbeiten gingen.
Ganz genau ließ sich
der Kommissar die Sache von Ben und Lasse erklären, auch Kim, die zu
Fuß mit Susi und Stefan nachgekommen war, trug ihren Teil zu der
Geschichte bei.
Als Lasse schloss: „Aber ohne unser neues
Mitglied Tamara wäre die Sache schief gegangen!“, stand die Kleine
mit vor Stolz ganz rotem Köpfchen und strahlenden Augen da.
Zwei
Tage später erhielten die Fünf in der Amtsstube des Bürgermeisters
feierlich einen Scheck überreicht, auf dem stand unter
Verwendungszweck:
„Belohnung für hervorragende Arbeit des
D-Teams.“
„Ich liebe es, wenn ein Plan funktioniert!“, sagte
Lasse, als sie dann bei einem Glas heißem Kakao inklusive Susi und
Stefan um den Küchentisch daheim saßen. Alle grinsten.
Das
D Team und das schwarze Schaf
Es war im wahrsten Sinne
des Wortes ein rabenschwarzer Tag für das
D-Team, auch für die
Eltern Susi und Stefan.
Schon seit Wochen spazierte die kleine
Tamara, jeden Tag nach der Schule, wenn sie nicht gerade
Ballettunterricht hatte, auf den gegenüberliegenden Hof des
Reichelbauern, der auch ein paar Schafe auf seinen Wiesen weiden
ließ. Sie hatte sich unsterblich in ein schwarzes Lamm verliebt,
dass vor zwei Monaten geboren war.
An diesem Nachmittag nun kam
sie mit vollkommen verquollenem Gesicht, in Tränen aufgelöst,
haltlos schluchzend nach Hause.
Es dauerte lange bis Susi den
Grund der abgrundtiefen Verstörung aus ihr herausbrachte.
Irgendjemand, zuerst dachten natürlich alle an ein anderes Tier,
hatte das schwarze Lämmlein getötet.
Als Stefan mit dem
Bauernhofbsitzer Reichle redete, stellte sich heraus, dass dem Tier
die Kehle durchgeschnitten war, die schmackhaftesten Teile des
Fleisches waren säuberlich entfernt. Selbst das Fell hatte man dem
Schäflein abgezogen.
Vor lauter Trauer wurde Tamara richtig
krank.
Susi fiel zum Abend hin nichts besseres mehr ein, als den
Arzt der Familie, Dr. Wulff zu bestellen.
Der kam sofort. Dr.
Wulff sah genauso aus, wie man sich einen Doktor vorstellt. Er war
ziemlich groß, hatte einen dichten weißen Bart, graue Haare.
Außerdem trug er eine Nickelbrille. Mit seinem weißen Kittel sah er
mächtig wichtig aus, dazu passte auch seine Stimme. Immer ruhig und
bestimmt. Wenn er etwas sagte dann hörte sich das sehr wichtig
an.
Dr. Wulff besuchte Tami auf ihrem Zimmer, wo sie, immer wieder
schluchzend oder einfach still weinend in ihrem Bett lag.
Er
untersuchte das kleine Mädchen gründlich.
Sie musste ein und
ausatmen, die Zunge rausstrecken, er tastete ihren Oberkörper ab und
klopfte mit einem kleinen Hämmerchen auf ihre Knie.
Schließlich
trat er vom Bett zurück.
„Hmm.“ sagte er. „Ein klarer Fall
von Histeriapneumodiaphobia.“
Susi sah ihn entsetzt an, auch
Stefan machte ein erstauntes Gesicht.
Der Doktor zwinkerte ihnen
zu.
Tamara wurde unter ihrer Bettdecke immer kleiner. „Mu … mu
… muss ich sterben?“
Der Arzt lächelte. „Irgendwann
bestimmt, nicht wahr?“ sagte er. „Aber für den Moment wird eine
schöne große Spritze vollkommen reichen.“
Mit einem Satz saß
die Kleine aufrecht im Bett, strich sich ihr Haar zurück und sagte
mit ganz normaler Stimme: „Ich bin schon wieder vollkommen gesund!“
Sie konnte Spritzen nicht ausstehen, schon wenn sie eine sah, wurde
ihr Angst und Bange. Und jetzt sollte sie auch noch eine große
wirklich bekommen!
„Das ging aber schnell.“ lächelte Dr.
Wulff. „Na, dann lassen wir die Spritze weg. Du nimmst stattdessen
diese Tablette hier, dann schläfst du fein und morgen ist alles
besser, nicht wahr?“ Er sagte ständig „Nicht wahr?“, das war
eine seiner Schrullen, über die sich die fünf Kinder schön öfter
lustig gemacht hatten.
Gehorsam schluckte Tami die kleine, blaue
Tablette mit einem Glas Wasser, das Susi schnell geholt hatte.
Der
Arzt strich ihr über die Haare und meinte: „Gute Nacht, kleine
Tamara und schlaf schön. Denk dran, morgen ist ein neuer Tag!“
Im
Wohnzimmer der Familie erklärte er den Eltern, dass sie sich keine
Sorgen machen müssten, es wäre halt ein kleiner Schock gewesen. Er
hätte ihr nun ein mildes Beruhigungsmittel gegeben und sie würde
sicherlich bis morgen in den späten Vormittag hinein schlafen.
Dann
verabschiedete er sich mit einem festen Händedruck.
Natürlich
hatte Lasse eine Sondersitzung des D-Teams einberufen.
Sie trafen
sich diesesmal in der „Zentrale“, Lasses Zimmer.
Tami fehlte,
weil sie schlief und Hugg war immer noch nicht von einer seiner
Wanderungen zurückgekehrt, die er in letzter Zeit immer häufiger
unternahm.
Susi und Stefan war das gar nicht recht, aber was
sollten sie tun?
Überhaupt benahm sich Hugg ein wenig komisch in
der letzten Zeit.
Er sonderte sich ab und unternahm ausgedehnte
Spaziergänge in der Umgebung, stundenlang. Er beobachtete Vögel,
untersuchte Pflanzen. Sogar seinen Platz als Schlagzeuger bei den
„New Trombones (keiner wusste, was das hieß – aber es klang
einfach gut) vernachlässigte er.
Lasse wanderte vor dem Fernseher
auf und ab. Ben und Kim hatten es sich auf der Couch bequem
gemacht.
„Einem unserer Team-Mitglieder ist großer seelischer
Schaden zugefügt worden!“ begann er gewichtig. „Das schreit nach
Vergeltung!“
Theatralisch drehte er sich um und zeigte auf die
beiden jüngeren Geschwister. „Wir werden diesen Mörder
finden!“
„Jetzt mach nicht so ein Brimborium!“ meinte Kim
respektlos. „Da hat halt jemand Hunger gehabt.“
Ben sah sie
sie entrüstet an.
In diesem Augenblick platzte Hugg in die
Versammlung.
Brandheiß wurde er, noch im Stehen, mit
Informationen über die Geschehnisse des Nachmittages versorgt. Er
fläzte sich in den alten Ohrensessel, den Lasse vom Sperrmüll
gerettet hatte.
„Das ist aber wirklich gemein!“ sagte er. „Was
können wir tun? Die arme Tami!“
„Wieviel wissen wir?“ Lasse
kratzte sich hinter dem rechten Ohr, rieb sich die Nase. „Nach dem
was Papa erzählt hat, kann es kein Tier gewesen sein.“
„Kannibalen!“
schloss Ben scharfsinnig.
Hugg, Kim und Lasse sahen ihn nur
erstaunt an.
„Na ja.“ meinte der kleinlaut und kroch in die
Ecke des Sofas. „Ich hab ja nur gemeint.“
„Vielleicht will
jemand den Reichelbauern ärgern?“ mutmaßte Kim.
„Das wollte
ich gerade sagen.“ Lasse kratzte sich am Kinn.
„Das ist
verdammt gut!“ stimmte Hugg zu. „Das könnte sein!“
„Die
Frage ist nun,“ meinte Lasse, „wie finden heraus, wer sie oder er
ist?“
Er warf die Arme nach oben und zuckte mit den Schultern.
„Wir können ja schlecht den Reichelbauern fragen.“
„Warum
nicht?“ fragte Kim. „Hast du Schiss?“
Hugg und Lasse sahen
sich grinsend an.
„Ach weißt du,“ antwortete Hugg, „wir
haben da mal mit unseren Schleudern seine Kühe ein wenig auf
Vordermann gebracht.“ Er lachte in sich hinein. „Ich glaube
nicht, dass der gerade gut auf uns zu sprechen ist.“
„Ihr habt
was?“ fragte Kim ungläubig.
„Na, wir haben den Viechern ein
paar Steinchen auf die fetten Hintern gebrannt. Mann sind die
galoppiert!“ Jetzt lachten beide Jungs. Auch Ben grinste übers
ganze Gesicht, obwohl er sich ärgerte, nicht dabei gewesen zu sein
und dass ihm die beiden Nichts erzählt hatten.
„Ihr
Tierquäler!“ Kim überlegte einen Augenblick. Dann meinte sie
entschlossen: „OK. Ich gehe alleine.“
Kriminalassistent
Häubel sah den Mann im Zeugenstuhl, mit einem, wie Oberkommissar
Pflegling zu deuten gewusst hätte, etwas angeekelten
Gesichtsausdruck an. Der hatte einen dreckige, blaue Hosen und eine
Jacke in derselben Farbe an. Er war mindestens so dick wie Pflegling,
die Haare so kurz geschnitten, dass sie wie bei einem Igel
aufstanden. Sein fettes rosa Gesicht hatte an den Bäckchen rote
Flecken, ein Arzt hätte einige geplatzte Äderchen gesehen. Und er
roch. Eindeutig.
Das stimmte, denn es war der Reichelbauer und er
kam geradewegs aus dem Schweinestall.
„Für die Gendarmerie tu
ich mich net waschen!“ hatte er seiner Frau vorhin erklärt. „Die
sollen ruhig mal schmecken, wie ehrliche Arbeit riecht, die faulen
Hund die. Tun doch eh den ganzen Tag nichts!“
„Also, Herr
Reichel!“ sagte Häubel. „Dann erzählen sie doch mal, wie sich
das alles zugetragen hat.“
„Na, ich habs erst am Nachmittag
gemerkt, gestern. Wollte nach der Susi schauen, die ist nämlich
trächtig.“ Den letzten Satz sprach er unverhohlen stolz aus. „Da
hab ichs gsehn. Ganz fachgerecht abgestochen haben sie’s, das Fell
abgezogen und die allerbesten Teile rausgschnittn. Dann is de Kloa
kema.“
„Bitte?“ Häubel hatte den letzten Satz nicht
verstanden.
„Dann ist die Kleine gekommen.“
Er kratze sich
die kurz geschorenen Haare.
„Es war also kein Tier, das das Lamm
geschlagen hat?“
„Gschlogn? Wieso?“
„Ich meine, Herr
Reichel, „ erklärte Häubel geduldig, „es ist auszuschließen,
dass ein anderes Tier das Schaf gerissen hat?“
“Jo, des muass
scho a Metzger oder sowas gwesn sei, so sauber wia des Viach zerlegt
worn ist.“
„Aha.“ Häubel klopfte sich mit einem
Kugelschreiber gegen die Zähne und lehnte sich in seinem Bürosessel
zurück.
„Herr Reichel,“ fragte er dann bedeutungsvoll, „haben
sie irgendwelche Feinde? Überlegen sie gut!“
„Feinde? Ich?“
Der Reichelbauer lachte. „Mei Frau vielleicht!“ Er schlug sich
auf die Schenkel, dass es klatschte.
„Na, gwiss ned.“ Er
wischte sich ein paar Tränchen von den Wangen.
„Haben Sie denn
eine Vermutung, wer das gewesen könnte?“
„Na, hob i ned.“
Der Bauer sah den Polizeibeamten misstrauisch an. „Deswegen bin ich
ja hier!”
„Ja, ja Herr Reichel.“ Häubel war verwirrt. „Aber
irgendwo müssen wir ja anfangen, oder?“
„Mehr kon i eana ned
sogn.“
„Wie bitte?“
„Mehr kann ich Ihnen nicht
erzählten.“ bemühte der Einheimische sich.
„Ah so.“ Häubel
klopfte wieder mit dem Stift gegen seine Schneidezähne.
„Nun
gut, Herr Reichel. Das war es dann vorläufig. Wir lassen von uns
hören, sobald wir etwas in Erfahrung bringen.“ Er stand auf. „Sie
können jetzt gehen.“
Auch der Bauer erhob sich schwerfällig.
Er ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. „Schaugns zua,
das,“ er hielt inne und verbesserte sich. „Sehen Sie zu, das
etwas passiert. A so a … ein solch ein Tier ist gut fünfhundert
Euro wert!“
Häubel staunte. „So viel? Das hätte ich nicht
gedacht! Ist gut, Herr Reichel, wir tun unser möglichstes!“ Er
setzte sich. „Auf Wiedersehen.“
Als der Bauer verschwunden
war, sprang der Kriminalassistent auf, eilte zum Fenster, öffnete es
sperrangelweit und lehnte sich hinaus.
„Puhh!“
Hugg
hatte es an diesem sonnigen Tag etwas übertrieben.
Stundenlang
war er über Wiesen und Felder, durch den Wald gewandert, bestimmt
sechzig Minuten lang beobachtete er einen großen Haufen von
Waldameisen, den er entdeckte.
Das Motocrossfahren im Wald,
beziehungsweise auf den Waldwegen, würde er aufgeben, soviel war
klar. Nicht auszudenken, was man da alles zerstörte und noch dazu
die Luft verschmutzte. Er machte sich wirklich Gedanken und hatte ein
richtig schlechtes Gewissen.
Als er jetzt unerwartet auf eine
große Lichtung stieß, drehte er sich, dabei rückwärts weiter
laufend, um, sah nach dem Sonnenstand.
Verflixt! Im Hellen würde
er es nicht mehr nach Hause schaffen!
Wie es das Schicksal wollte,
hatte sich irgendwann einmal ein Fuchs oder vielleicht auch ein Hase
diesen schönen Platz ausgesucht um seinen Bau zu graben. Und in
dieses Loch trat Hugg jetzt mit dem linken Fuß. Einen
Überraschungsschrei ausstoßend knickte er um und fiel der Länge
nach ins Gras. Ein stechender Schmerz fuhr durch seine Ferse. Er
bemühte sich gleich, wieder aufzustehen, doch das war unmöglich,
auf dem Bein konnte er nicht stehen, es tat viel zu weh. Weinend lag
er da und überdachte seine Lage. Und er bekam es mit der Angst zu
tun. Wer sollte ihn hier finden? Dummerweise hatte er ausgerechnet
heute sein Handy daheim gelassen, um es aufzuladen. Dabei hatte Susi
ihm doch eingeschärft, das Gerät immer dabei zu haben! Er
verfluchte seine Blödheit. Jetzt saß er in der Patsche! Und zwar
bis zum Hals!
Bestimmt eine halbe Stunde lag er da, versuchte
immer wieder hochzukommen, ab und an rief er zaghaft nach Hilfe. Wenn
er es doch bloß bis zu den Bäumen schaffen würde! Vielleicht fand
sich da ein Ast, den er als Krücke benutzen konnte! Er sah hinüber
zu dem etwa hundert Meter entfernten Waldrand und begann mit
zusammengebissenen Zähne zu kriechen. Plötzlich hörte er ein
lautes Knacken im Gebüsch bei den ersten Fichten. Ein Tier? Ein Bär
vielleicht?
Im nächsten Augenblick durchfuhr ihn Todesangst.
Eine riesige Gestalt wurde sichtbar. Er duckte sich ins Gras und
verhielt sich mucksmäuschenstill. Ein Yeti? Seine Gedanken schlugen
Kapriolen und er dachte an Ben, der von Kannibalen geredet hatte. Er
begann mit zitternder Stimme leise zu beten. „Vater unser, der du
bist im Himmel …“
Dann fiel ein Schatten auf ihn und eine
tiefe Stimme sagte: „Du nicht Angst! Ich guter Mann. Helfen klein
Junge.“
Verzagt blickte Hugg nach oben.
Da stand ein großer
Neger und lächelte ihn mit weißen Zähnen an.
Er trug eine
abgeschnittene Jeans, seine Füße steckten in Sandalen, das T-Shirt,
das er trug war zerrissen und spannte sich, als ob es viel zu klein
sei, über seine mächtige Brust. Die Muskeln an seinen Oberarmen
waren so dick wie die von den Wrestlern, die Hugg aus dem Fernsehen
kannte.
Das breite Gesicht wirkte jedoch derart
vertrauenserweckend, dass er unwillkürlich zurücklächelte.
„Du
Fußweh?“ fragte der Neger und bückte sich, nahm den verknacksten
Fuß, der hübsch geschwollen war, sanft in seine riesigen
Hände.
„Oh, oh.“ sagte er.
„Ich helfen!“
Ehe er
sich versah, hatte der Afrikaner Hugg hoch genommen und trug ihn in
Richtung Waldrand.
Der wusste gar nicht wie ihm geschah. Und hatte
eine Heidenangst. Wenn Ben mit den Kannibalen doch recht behielt?
Menschenfresser waren doch auch braun, nicht?
Als ob er seine
Gedanken lesen könne, meinte der Mann in beruhigendem Tonfall: „Du
nicht Angst! Zeus guter Mann.“
Er zeigte mit der rechten Hand,
denn er trug Hugg ganz locker in der gebeugten linken, in den Wald
hinein.
„Wir gehen Haus von Zeus.“
Ein Haus? Mitten im
Wald? Sicherlich log der Mann und bald würde er im Kochtopf landen,
oder noch schlimmeres.
Hugg zitterte unkontrolliert.
„Du
kalt?“ fragte das Monster.
Hugg schüttelte nur stumm den
Kopf.
Die kleine Tamara lag nun schon seit zwei Tagen im Bett,
bleich, ab und an weinend, sie aß nichts.
Das D- Team, um zwei
Köpfe weniger, denn Hugg war schon wieder auf einer einsamen
Wanderung, hatte in der Sache mit dem toten Lamm nichts weiter
ausrichten können.
Der Reichelbauer sagte, als Kim mit ihm reden
wollte nur: „Kind, du stellst ja dieselm Frogn wie dieser komische
Kauz von am Gendarmen! Und überhaupt, wos geht di des o?“ Dann
hatte er das Mädchen mit seiner Frau allein gelassen. Die war zwar
unheimlich nett und hatte auch gleich einen Kakao für Kim
zubereitet, ihr ein leckeres Stück Sandkuchen vorgesetzt, aber
weiterhelfen konnte sie ebenfalls nicht.
Um wenigstens etwas zu
tun, beschlossen die drei Tami einer Rosskur zu unterziehen.
„Ein
Mitglied des D-Teams darf so etwas nicht umhauen!“ hatte Lasse
festgestellt.
Nun saßen sie um das Bett der Kleinen herum. Tami
genoss die Aufmerksamkeit sichtlich.
„Hör mal zu Tami!“
begann Ben. „Du gehst immer gerne mit zum Griechen?“ fragte er.
Tami nickte unsicher, sie wusste nicht worauf er hinaus wollte.
„Und
warmen Leberkäs isst du auch, der schmeckt dir doch.“ warf Kim
ein.
Tamara nickte erneut, Leberkässemmeln, das war eine ihrer
Leibspeisen.
„Also,“ nahm Ben den Faden wieder auf, „da
suchst du dir doch immer Pommesfrites mit diesen kleinen
Fleischscheiben aus, die wie ein winziges Kotelett aussehen?“
Ja,
da hatte Ben recht. Wenn sie mal zum Griechen gingen, aß sie dieses
Gericht immer, weil die Koteletts vollkommen anders und viel besser
schmeckten als daheim.
„Und was ist das, was du da isst?“
griff Lasse ein.
„Wie, was ist das?“ fragte Tamara nun.
„Fleisch halt.“ gab sie sich selber Antwort. „Und wo kommt das
her?“ Lasse blickte sie mit diesem „großer Bruder-Blick“ an,
den sie gar nicht mochte. Sie fühlte, dass sie in einen Hinterhalt
gelockt werden sollte.
Sie überlegte einen Augenblick und
antwortete entschieden: „Vom Metzger. Ist doch klar!“ „Hmm.“
brummte Lasse und zwirbelte seinen nicht vorhandenen Schnurrbart. Ben
konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.
Die Falle schnappte
zu.
„Gut, du hast recht.“ sagte Lasse. „Aber wo glaubst du,
hat der Metzger das her?“ Ein langes Schweigen trat ein.
Schließlich wurde Tami rot, die anderen würden sie bestimmt wieder
für ein Baby halten, und gab kleinlaut zu: „Weiss ich nicht.“
„Vom
Reichelbauern.“ trompetete Kim. Der verkauft nämlich seine Schafe
und auch Lämmer an den Metzger!“
Lasse sah sie vorwurfsvoll an.
So brutal hätte er das nicht gemacht.
Ganz behutsam sagte er:„Ja
kleine Tami, das ist Schaffleisch, was du da immer im Restaurant
bestellst.“
„Und der Leberkäs in den Semmeln und die Wurst
auf dem Brot werden aus Kühen gemacht!“ legte Kim noch eins
drauf.
Die Kleine saß vollkommen schockiert, mit offenem Mund in
den Kissen, überlegte die ungeheuren Folgen, die diese Enthüllung
nach sich zog.
Keiner gab einen Ton von sich. Tamara blickte mit
entsetztem Augen in die Runde. Eigentlich hatte sie es ja doch
gewusst, sie mochte bloß nie daran denken.
„Ist das wirklich
wahr?“ fragte sie zur Sicherheit trotzdem noch einmal nach.
„Hmm.
Ja.“ antwortete Lasse. Und wenn der große Bruder „Ja“ sagte,
dann war das auch so.
Tami schniefte.
„Da… da … dann
werde ich Veg … Veg … Veg …“
„Vegetarier.“ half Lasse
aus.
„Ja, genau. Ich werde Veg … Vegutorier. Nie ess ich
wieder Fleisch!“
„Wenn du meinst .“ Lasse versuchte der
Aktion den richtigen Dreh zu geben.
„Dann gibt’s halt keine
Spaghetti mit Soße mehr für dich, keine Salamipizza, keine
Hamburger, keine Leberwurstbrote und auch kein Wiener Schnitzel.“
Er
holte tief Luft, wiederholte. „Wenn du meinst.“ Er lächelte sie
an. „Aber jetzt musst du aufstehen! Raus aus dem Bett! Das D-Team
braucht dich!“
„Gut, aber nie mehr ess ich Fleisch, nie mehr!
Das sage ich euch!“
Bestimmt eine Stunde lang schleppte der
braune Riese Hugg nun schon durch den Wald, immer weiter von zuhause
weg. Nur einmal hatte er ihn auf die andere Seite gehoben, ihm schien
das Gewicht überhaupt nichts auszumachen. Der verknackste Fuß
pochte und tat auch mächtig weh.
Es hatte sich herausgestellt,
dass der Neger nicht viel redete, und von den Fragen, die Hugg zu
Anfang noch stellte, verstand er wohl nicht viel.
Dann endlich
gelangten sie an eine kleine Lichtung. Erst beim zweiten Hinsehen
entdeckte Hugg an einem Busch die aus frischen Ästen geflochtene
Hütte. Sie sah in etwa aus wie ein Iglu, nur eben aus Zweigen.
Vor
der Hütte war auf ein Gerüst ein schwarzes Fell aufgespannt,
bestimmt eine Art Trommel oder so. Außerdem lagen auf einem Tuch
eine Menge roter Beeren, unter Garantie zum trocknen, Hugg kannte das
aus seinen Indianerbüchern. Zeus trug ihn in die Behausung, die viel
größer war, als sie von Außen erschien.
Vorsichtig legte der
Farbige den Buben auf eine Unterlage, einen etwas schmutzigen
Leinensack, der intensiv nach Wald duftete. Der Junge, der ein wenig
seine Furcht verloren hatte, blickte sich neugierig um.
Gegenüber
stand ein kleines Regal, aus ungeschältem Holz, es sah wackelig aus.
Ganz oben stand zu seinem Erstaunen ein Buch. Faust. Das war doch von
diesem berühmten Goethe? Lesen konnte sein neuer Bekannter also
auch! Daneben standen fünf wunderschön geschnitzte Tierfiguren, so
groß ungefähr, wie die Faust des Afrikaners. Und die war wirklich
groß! Drunter befanden sich ein paar Blechdosen, ein verrosteter
Topf. Das war s dann schon. In der Mitte der Zweighütte schwelte ein
winziges Feuer vor sich hin. Hugg sah zur Decke und bemerkte ein
Loch, einen Rauchabzug. Und da hingen, erst wusste er nicht so recht
wie einzuordnen, Fleischstücke! Jäh überfiel ihn wieder die
Panik.
Der braune Riese war seinem Blick gefolgt, hatte sein
Erschrecken bemerkt.
„Zeus immer nur essen Brot aus Wald.“ Er
ging zu dem Regal nahm eine der Dosen und öffnete sie, zeigte dem
verschreckten Hugg den Inhalt. Getrocknete Beeren.
„Haben
Hunger, richtig. Weißt? Töten kleines …“ er suchte den
passenden Begriff, behalf sich dann in seiner Heimatsprache.
„Mwanakondoo„ Er lächelte stolz. „Watema mtemi, sein richtig
Name, heißen „Sohn von Häuptling. Sein großes Jäger in alte
Heimat.“ Hugg schätzte, dass er hier den Schlächter des kleinen
schwarzen Lammes vor sich hatte. Er fand sich damit ab.
Im
Verlauf des Abends wurde vieles klar.
Zunächst ging es einmal
darum, dass Hugg unbedingt heim wollte. Sein neuer Freund aber
weigerte sich, bei Nacht durch den Wald zu laufen.
„Viel, viel
böse Geister!“
Hugg rutschte das Herz in die Hose. Ma und Pa
würden einen Anfall bekommen! Die anderen würden sich bestimmt auch
furchtbare Sorgen machen. Doch der Häuptlingssohn ließ sich nicht
umstimmen. Ängstlich rollte er mit den Augen. „Dungumaro!“ sagte
er immer wieder. Das hieß wohl böse Geister. „Zeus nix gehen,
wenn dunkel! Dungumaro! “
Hugg war hilflos und fügte sich
schließlich in sein Schicksal.
„Gleich morgen früh gehen. Wenn
Sonne kommen!“ beruhigte ihn der Mann.
Im Laufe des Abends
erzählte er seine Geschichte.
Erst aber behandelte er den Fuß.
Er schob sich irgendwelche Kräuter, Hugg hatte keine Ahnung welche,
in den Mund und kaute eine ganze Weile darauf herum. Dann spuckte er
den Brei auf ein Taschentuch, das er um den Knöchel legte. Zu Huggs
Entsetzen. Doch bald darauf spürte der Junge eine erfrischende Kühle
und vergaß seinen Ekel. Schließlich gab er ihm noch einen Becher
heißen Tees, der sehr aromatisch schmeckte und die Schmerzen
fortnahm.
„Morgen du wieder laufen“ verkündete er.
Aus den
gebrochenen Worten, mit denen der Kräuterfachmann später sein Leben
schilderte, reimte sich der Junge zusammen, dass sein Retter aus
Ghana in Afrika stammte und mit einem kleinen Boot über das Meer
geflohen war.
“Viel Hunger, nix Arbeit, viel tot Leut, viel bös
Männer“ erklärte er unter anderem. Immer wieder fiel das Wort
„Asyl.“
Er war wohl, mit vielen anderen, in einem kleinen
Boot über das Meer auf eine kleine Insel vor Italien, irgendwie nach
Deutschland gelangt. „Polizei sagen: Du wieder heim! Zeus laufen
davon. Wald besser als heim! Hier viel gut essen und nix bös
Männer!“ Besorgt erkundigte er sich immer wieder: „Du nix sagen,
Zeus in Wald?“
Der Tee machte sehr müde, auch hatte Hugg ja,
bis zu dem Unfall, einen weiten Marsch gehabt. Bald schlief er ein
und wachte erst auf, als ihn der Farbige bei den ersten
Sonnenstrahlen mit einem sanften Rütteln weckte.
„Du jetzt
heim! Mama und Papa warten!“
Um etwa halb sieben an diesem
Morgen erreichte Hugg humpelnd sein Daheim. Der große Neger hatte
ihn bis an die nahe Bundesstraße getragen, freundlich gegrinst und
war im Wald verschwunden.
Vorher schnitzte er für Hugg noch
geschickt eine Krücke aus einem gegabelten Ast – und tatsächlich,
mit dieser Hilfe konnte Hugg die letzten paar hundert Meter alleine
laufen.
Das Theater war gigantisch. Natürlich hatten Stefan und
Susi die komplette Nacht kein Auge zugetan. Mama hätte vor lauter
Sorge die ganze Zeit geweint, erzählten ihm die anderen. Gerade wäre
sie dabei gewesen, die Polizei erneut anzurufen, die ihr am Abend
erklärt hatte, dass sie momentan so gut wie gar nichts unternehmen
könne. Man würde aber in der Stadt Ausschau halten, alle
Streifenwagen wären informiert.
Jetzt überschlug sich Susi
förmlich.
Um Zeus nicht zu verraten, erzählte ihnen Hugg eine
Riesenlügen-geschichte, nach der er die Nacht alleine unter einem
Baum verbracht hätte, sich dann eine Krücke geschnitzt und den
ganzen Weg hierher gehumpelt sei.
„Extracool“ sagten Lasse,
Ben und Kim. Tami war so froh, ihn wieder zu haben, dass sie lange
Zeit überhaupt kein Wort herausbrachte und nur lächelnd
weinte.
Obwohl der Fuß fast überhaupt nicht mehr weh tat, musste
sich Hugg ins Bett legen und dort den ganzen Tag verbringen, ohne die
anderen zu sehen. „Wir haben noch ein Wörtchen miteinander zu
reden, mein Sohn!“ kündigte Stefan an. Hugg konnte sich schon
vorstellen, worauf das hinauslief. Hausarrest oder schlimmeres.
Fernseh- oder Computerverbot, Taschengeldentzug.
Insgeheim aber
war er furchtbar stolz auf sein Abenteuer.
Und irgendwie würde
man Zeus auch bestimmt helfen können. Dessen war er sich sicher.
Lasse würde schon etwas einfallen.
Aber es war Kim, die bei
der Zusammenkunft des D-Teams am nächsten Nachmittag, den rettenden
Gedanken hatte.
Natürlich hatte ihnen Hugg die ganze unglaubliche
Geschichte von dem geflohenen Häuptlingssohn brühwarm serviert, es
war ja auch eine Wahnsinnssache.
„Nun müssen wir ihn aber erst
einmal wiederfinden.“ sagte Lasse nachdenklich. „Hast du
irgendwelche Anhaltspunkte, Hugg?“
„Na, so ungefähr. Ich
meine, die Autobahn war in der Nähe.“
Ben besorgte eine
Landkarte und schließlich konnten sie mit einiger Wahrscheinlichkeit
den Ort der Weidenhütte in etwa zehn Kilometer Entfernung
bestimmen.
So kündigten sie beim Abendessen einen Radausflug für
den nächsten Tag, einen Samstag, an. Und – oh Wunder – auch Hugg
durfte mitfahren!
Sie brachen frühzeitig auf, ihr angebliches
Ziel eine Burganlage, die sie schon öfters besucht hatten.
Keinesfalls durften sie Zeus verpetzen!
Sie fuhren über
abgelegene Nebenstraßen und Feldwege bis zu dem Punkt, den sie auf
der Karte ausgemacht hatten.
Dann versteckten sie ihre Fahrräder
in einem Gebüsch und streiften, auf den großen Zufall hoffend,
durch den Wald.
Nach stundenlanger, vergeblicher Suche, beinahe
wollten sie schon aufgeben, stießen sie schließlich auf die große
Lichtung, wo Hugg sich seinen Fuß verletzt hatte.
„Jetzt ist
deine Erinnerung gefragt!“ sagte Lasse zu Hugg.
„Hmm.“
meinte der. „Mal sehen.“
So wanderten sie hinter ihm her.
Tatsächlich konnte sich Hugg an viele Dinge erinnern, einen
umgestürzten Baum, den er gesehen hatte, einen Bach, den sie
überquert hatten, einen Weg den sie nun kreuzten.
„Es muss hier
ganz in der Nähe sein!“ flüsterte der Junge endlich. „Lasst
mich zuerst alleine zu ihm gehen, wenn wir die kleine Lichtung
finden. So viele Leute machen ihm bestimmt Angst und er wird denken,
ich hätte ihn verraten.
Natürlich erklärten sich die Kinder
einverstanden.
Schließlich entdeckte die kleine Tami, obwohl sie
schon sehr müde war, die Wiese, die Hütte – und vor allen Dingen
das Fell des schwarzen Lämmleins. Wie konnte es anders sein, - sie
fing an zu weinen.
Prompt kroch der große Schwarze aus seiner
Hütte. Die anderen duckten sich und Hugg ging auf seinen Freund
zu.
„Hallo!“ lächelte er. Ich bin gekommen um dir zu danken!“
Er reichte dem Häuptlingssohn die Plastiktüte mit Butterbroten, die
sie zuhause extra für diesen Zweck geschmiert hatten.
Als Watema
mtemi den Jungen wiedererkannte, verzog sich sein Gesicht zu einem
freudigen Grinsen. Mit einer Verbeugung nahm er das Geschenk an.
Dann
sagte er: „Freunde da?“ und zeigte auf das Gebüsch in dem sich
Lasse, Ben, Kim und Tamara versteckt hatten.
Vollkommen überrascht
nickte Hugg nur.
„Hören Stimmen von Kinder schon lange. Hören
Hugg. Kein Angst haben.“
Hugg winkte. Der Rest des D-Teams trat
auf die kleine Wiese vor der Weidenhütte. Zeus schüttelte jedem
einzelnen die Hand. Nur Tami versteckte sich hinter Lasse und
weigerte sich mit einem Schluchzen, den Mörder des Lammes zu
begrüßen. Trotzdem war sie fasziniert. So ein großer starker Mann!
Und so schwarz! Sie trocknete sich die Tränen aus dem Gesicht. Bei
zwei Flaschen Limonade saßen sie schließlich alle einträchtig vor
der Unterkunft des Kräutermannes und versuchten, ihm die Idee der
Hilfsaktion zu erklären.
Natürlich erklärte sich der schwarze
Mann, nachdem er begriffen hatte, einverstanden.
Der Rückweg
unter seiner Führung zu den Fahrrädern erschien den Kindern gar
nicht so lang.
Beim nächsten Pow-Wow (So heißen die
Stammesversammlungen bei den Indianern) des D-Teams durfte das
allererste Mal auch Susi teilnehmen, denn sie war eine der
Schlüsselfiguren des Planes.
Nachdem sie die ganze Geschichte
angehört hatte, war sie erst einmal stinksauer auf Hugg, der sie so
schamlos angeflunkert hatte.
Dann aber überlegte sie eine Zeit
lang, grinste schließlich und war einverstanden. „Warum eigentlich
nicht?“ lachte sie.
Am Montagnachmittag fuhren sie, Kim und
Tamara in die Stadt, um in einem Secondhand-Laden Kleidung für Zeus
zu besorgen.
Es dauerte eine ganze Weile, doch am Ende fanden sie
einen sehr eleganten Anzug in der richtigen Größe, ein Hemd,
Krawatte und die passenden Schuhe dazu.
Abends machte sich Susi,
alleine, erneut auf den Weg in die Stadt, tat Stefan gegenüber aber
sehr geheimnisvoll. Dabei hatte sie ihm die Huggs Abenteuer und die
ganze Geschichte natürlich schon längst erzählt! Doch Stefan ließ
sich nichts anmerken, zwinkerte ihr nur kurz zu. Den Kindern fiel
nichts auf.
Dienstagabend um sechs Uhr fuhren sie mit dem
Familienauto zuerst in die Stadt. Ungefähr eine Stunde später, noch
war es hell, hielten sie an dem Platz, wo die Kinder vor drei Tagen
ihre Bikes in die Büsche gestellt hatten.
Hugg fetzte mit dem
Kleidungspaket voran, die anderen folgten langsam.
Mann, was
staunten alle, als sie auf die kleine Lichtung traten und den großen
Afrikaner in seinem neuen Outfit sahen.
Allen voran natürlich die
hübsche Freundin Susis, deretwegen sie zuerst in die Stadt gefahren
waren.
Sie hieß Esiman, was so viel bedeutet wie „Gott hat mich
erhört“, hatte dieselbe Hautfarbe wie Zeus und stammte ebenfalls
aus Ghana.
Was sah aber der Afrikaner aber auch toll aus! Kim
wurde richtig eifersüchtig auf Esiman.
Der Plan war nämlich
so:
Esiman hatte vor einigen Jahren ihren Ehemann bei einem
Autounfall verloren. Schon lange, so wusste Susi, weil sie ihre beste
Freundin war, suchte sie einen neuen Partner. Und wenn ihr Watema
mtemi gefiel, dann konnte sie ihn ja heiraten! Denn so war das
Gesetz: Wenn ein Ausländer eine deutsche Frau heiratet, oder ein
deutscher Mann eine Afrikanerin oder so, dann waren auf einmal alle
beide Deutsche – und durften natürlich da bleiben.
Ganz
schüchtern ging Esiman auf Zeus zu, schlug die Augen nieder und
küsste ihn auf beide Wangen. Denn so macht man das in Ghana.
Als
alle vor der kleinen Hütte saßen und Esiman sich mit Watema eine
Weile in ihrer Heimatsprache unterhalten hatten, dabei immer wieder
lachten, sagte die Afrikanerin auf Deutsch zu Susi und den Kindern:
„Stellt euch bloß mal vor! Er ist aus demselben Dorf wie ich! Wir
kennen uns! Als kleine Zwerge haben wir miteinander
gespielt!“
Natürlich freuten sich alle ganz toll.
Später
ließen sie die beiden alleine und gingen ein wenig im Wald
spazieren, Hugg zeigte Mama die Stelle, wo er in ein Loch getreten
war.
Am nächsten Tag hatte das D-Team ein ernstes Gespräch
mit Oberkommissar Pflegling. Sie forderten den Gefallen ein, den
ihnen der Kriminalbeamte aus der Sache mit den Fahrraddiebstählen
schuldete.
Zeus durfte in der Zeit, in der er zusammen mit seiner
Braut auf die Dokumente wartete, die der Anwalt von Stefan bei den
Behörden in Afrika bestellen musste, nichts passieren! Der Beamte
war zähneknirschend gezwungen, ihnen zu helfen.
Die Hochzeit
fand drei Monate später in derselben Kirche statt, in der der
Pfarrer Tamara und Ben getauft hatte.
Als Esiman im weißen
Brautkleid und Zeus im schwarzen Smoking, diesesmal nicht aus dem
Secondhand-Laden, Tamara war die Brautjungfer, durch den Mittelgang
der Kirche nach vorn zum Pfarrer schritten, flüsterte Lasse seinem
Bruder Hugg zu: „Ich liebe es…“ Der vervollständigte grinsend
den Satz: „…wenn ein Plan funktioniert.
Und beide
kicherten.
Das D- Team und der geheime
Teich
Es war einer dieser unheimlich heißen,
langweiligen Tage in der Mitte der Sommerferien.
Das D-Team hatte
sich vollzählig im Schatten der Kirschbäume auf der mittleren
Terrasse vor dem Haus eingefunden.
Die kleine Villa lag auf dem
Gipfel eines Hügels ein wenig außerhalb von Bruckingen und dieser
kleine Berg nun war, ähnlich wie die chinesischen Reisfelder in
mehrere Stufen trassiert. In fünf ganz genau, jede unterschiedlich
bepflanzt. Auf der untersten Stufe, direkt an der kleinen Straße,
lag ein großzügiger Gemüsegarten. Melonen wuchsen da, Blumenkohl,
Radieschen, Bohnen und was man sich noch alles so vorstellen kann.
Dann kam eine Fläche, dicht mit Haselnussbüschen bewachsen, die
auch einen Sichtschutz abgaben. Schließlich die Terrasse mit den
Obstbäumen, wo Tamara und Kim in Liegestühlen fläzten und die drei
Jungen, Lasse, Hugg und Ben im Baumhaus, das in etwa zwei Meter Höhe
auf einem besonders großen und alten Apfelbaum montiert war,
Kriegsrat hielten. Oben waren eine Grasfläche und schließlich die
gepflasterte Terrasse der Eltern.
„Das ist ja nicht
auszuhalten!“, stöhnte Hugg.
Die anderen beiden nickten
zustimmend.
„Wir müssen unbedingt was unternehmen“, sagte
Lasse, der Älteste.
„Hat denn niemand eine Idee?“
„Zelten!“,
schlug Ben, der Jüngste vor.
„Ach nein.“ Hugg hob abwehrend
die Hand. „Wir haben schon so oft hier im Quartier (so nannten sie
die Holzkonstruktion, die sie im letzten Sommer mit Hilfe von Stefan,
dem Familienoberhaupt, gebaut hatten) gepennt.“
Er fuhr wie wild
mit dem Zeigefinger durch die Luft.
„Da gibt es doch nur ewig
viel Mücken.“
Lasse hatte, wie oft, wenn er nachdachte, die
Hand ans Kinn gelegt und kraulte einen nicht existierenden Bart.
Sein Blick schien ins Unendliche zu schauen. Dann plötzlich
erhellten sich seine Gesichtszüge.
„Eine Expedition!“, rief
er. „Wir gehen auf Expedition!“
„Was für eine Expedition?“,
quäkte von unten die hellhörige Kim. Sie machte gerade so eine Art
Stimmbruch für Mädchen durch, und wenn sie etwas sagte, klang es
wirklich lustig.
„Expodition?“, piepste nun auch Tamara,
„Wohin expodieren wir denn?“
Lasse überlegte blitzschnell und
entschied dann: „Eine Urwaldsafari machen wir!“
Er winkte den
beiden Mädels zu.
„Kommt hoch, wir müssen das besprechen!“
So
kam es, dass beim Abendessen Stefan und Susi, die Eltern der
Patchworkfamilie, vor die Entscheidung gestellt wurden, entweder das
kleine Abenteuer, das die Kinder schon ganz genau geplant hatten,
zuzulassen, oder aber die Gefahr eines Unfriedens für den Rest der
Ferien in Kauf nehmen mussten.
Nachdem Susi gehört hatte, dass
die Reise nur in die umliegenden Waldungen gehen sollte, erteilte sie
zögerlich die Erlaubnis.
„Nur zwei Tage und Tamara kann
natürlich nicht mit.“ Als sie das entrüstete Gesicht der Kleinen
sah, meinte sie begütigend, „Nächstes Jahr dann, Tami.“
Tamara
setzte sich auf ihrem Stuhl zurück, verschränkte die Arme, und
quiekte mit verbissenem Gesicht, den Tränen nahe: „Dann sag ich
nix mehr und essen tu ich auch nix mehr! Ich will mit auf die
Expodition!“
Nach einigem Hin und Her, dem ruhigen Beitrag
Stefans zur Diskussion, wurde schließlich auch ihr die Erlaubnis
erteilt.
Wie erwartet, sprang das Mädchen auf und veranstaltete
einen Freudentanz im Esszimmer. „Haha!“, jubelte sie. „Ich darf
mit expodieren! Wir machen eine Safari! Eine Safari machen wir!“
In
der Nacht konnte vor lauter Aufregung keiner der Fünf richtig
schlafen.
Bis fast zur Dämmerung besprachen die Jungs die
Ausrüstung und planten die Route anhand eines Umgebungsplanes, den
Ben aufgetrieben hatte.
Trotzdem standen sie schon um neun Uhr,
schwer bepackt mit ihren Rucksäcken, dem großen Zelt, jeder einen
Schlafsack und alle möglichen anderen Gerätschaften, wie Kerzen,
Kompass, Taschenlampen, Seil, Funkgeräten (auf dem Flohmarkt
gefunden), Brotzeit, Getränkeflaschen, zum Abmarsch bereit.
Lasse
mit den Lederhut , den er auf dem letzten Jahrmarkt erstanden hatte,
Hugg und Ben mit Baseballkappen in Tarnfarbe, Tamara mit einem weißen
Strohhut. Nur Kim weigerte sich, etwas aufzusetzen.
„Das macht
meine ganze Frisur kaputt.“ Sie hatte auch eine Unmenge an
kosmetischen Artikel dabei, sogar Duschgel und Lippenstift.
Die
Jungen verdrehten alle drei die Augen.
„Frauen!“, sagte Lasse
mit einer bemüht tiefen Tonlage.
Er fühlte sich jetzt wie
Indianer-Jones auf der Suche nach dem Schatz der Tempelritter.
„Alles
klar?“, fragte er. Und, mit Autorität in der Stimme: „Jeder ist
für seine Ausrüstung selber verantwortlich!“
„Passt auf die
Waldgeister auf!“, meinte Stefan, bevor die Truppe
lostrabte.
Zwinkernd ergänzte Susi: „Und die Elfen!“
Den
gesamten Vormittag stapften sie, immer möglichst weitab von allen
Straßen, so war die Route von Ben bestimmt worden, im wahrsten Sinne
durch den Urwald.
Natürlich war es nicht zu vermeiden, die eine
oder andere asphaltierte Straße zu überqueren. Die aber ignorierten
sie, Lasse erklärte die Verkehrsadern zu alten Maya-Straßen, die zu
den Tempelanlagen führten. Sie aber seien auf der Suche nach dem
Schatz, der sich im tiefsten Inneren des Dschungels verberge.
Sie
kamen nicht sehr schnell voran, waren bald zerkratzt und von
unzähligen Mücken zerbissen. Tamara, in der Mitte, die tapfer
mithielt, verlangsamte das Tempo der Kolonne, die sie gebildet
hatten, am meisten. Außerdem kämpfte die Truppe mit
undurchdringlichem Gebüsch, moosbewachsenen Baumstämmen auf den
Pfaden, die überwunden werden wollten (auch wenn man einfach hätte
drum herum gehen können) und natürlich die ständige Gefahr, von
wilden Tieren angegriffen zu werden oder den eingeborenen Kannibalen
in die Hände zu fallen.
Lasse ging voran. Er benützte sein
Pfafdfindermesser wie eine Machete, säbelte hier und dort
holunderartige Pflanzen mit weißen Köpfen ab, Hugg und Ben taten es
ihm mit ihren Taschemessern gleich.
Ab und zu mussten sie sich
alle auf den Boden werfen, egal, wo sie gerade standen, denn es
befanden sich unzweifelhaft kriegerische Horden im Umkreis.
Als
die Mittagssonne durch die Baumwipfel schien, waren alle müde und
hungrig. Der Zufall wollte es, dass sie geradewegs auf eine
wunderschöne Lichtung gelangten, sogar ein Bach plätscherte in der
Nähe.
„Hier schlagen wir vorläufig unser Lager auf“, ordnete
Lasse an, und niemand sagte etwas dagegen.
So traten sie ein
großes rundes Stück des Wildwuchses nieder, reihten schließlich
ihre Schlafsäcke im Quadrat aneinander.
Während Kim mit dem
großen Messer, das ihr der Älteste großzügig für diese Tätigkeit
überließ, in der Mitte eine Feuerstelle in die Erde schabte, gingen
die Jungen Holz suchen. Ein wenig später saßen sie alle um die
Flammen und mampften die mitgebrachten Stullen.
Nach dem Essen
schlummerte Tamara, die sich ihre Erschöpfung keine Sekunde hatte
anmerken lassen, friedlich auf ihrer Unterlage ein. Während Kim sich
ebenfalls in die Sonne legte und döste, sah man die drei Brüder
über ein äußerst interessantes Buch gebeugt, das Hugg mitgenommen
hatte. „Der Fallensteller im Wilden Westen“ hieß es und Hugg
verkündete vollmundig, heute werde er für das Abendessen
sorgen.
Bald waren die drei damit beschäftigt, Weidenruten zu
suchen und zu schälen, um eine der Fallen aus dem Buch
nachzubauen.
Der Nachmittag verging schnell, zwischendurch musste
neues Holz gesammelt werden, das mit der Fallenkonstruktion erwies
sich schwieriger als erwartet.
Kim und Tamara waren längst
aufgewacht und sahen seit geraumer Zeit mit wachsender Ungeduld den
Bemühungen zu.
Kim stellte das kleine Transistorradio an, dass
sie mitgenommen hatten. „Unsere letzte Verbindung zur
Zivilisation“, hatte Hugh gesagt.
Plötzlich schrie sie: „He!
Hört mal!“ Sie stellte das Gerät lauter. Es waren die achtzehn
Uhr Nachrichten.
„… die Bevölkerung von Bruckingen und
Umgebung wird deshalb gebeten, vorläufig kein Wasser aus der
öffentlichen Trinkwasserversorgung zu benützen.
Für
sachdienliche Hinweise auf den Erpresser hat die Gemeinde Bruckingen
eine Belohnung von fünftausend Euro ausgesetzt.“
„Da hat
gestern einer bei der Stadt angerufen und gesagt, wenn er nicht
innerhalb von achtundvierzig Stunden eine Million bekommt, dann
vergiftet er das Trinkwasser!“, schimpfte Kim.
Die Brüder
schien das jedoch nicht weiter zu interessieren, sie arbeiteten
weiter an ihrer Falle, nur die kleine Tamara fragte: „Krieg ich
dann heute Abend keinen Kakao?“