Excerpt for A steht für Arschloch by Frank A. Furter, available in its entirety at Smashwords



A steht für Arschloch



Leben in einer Castingshow


von

Frank A.Furter,

Praktikant und Fernsehliebhaber


Copyright: © 2011 Frank A. Furter


Danke an Gentano




1. Das Casting

Inhalt


Prolog

Erstes Meeting

Facebook 1

Das Protokoll

Facebook 2

Das Protokoll schreiben

Zwischenspiel

Facebook 3

Meeting zum Recall

Facebook 4

Domrep

Facebook 5

Sponsoring

Facebook 6

Zwischenspiel

Facebook 7

Zurück auf Los

Facebook 8

CastingGeheimnisse

Facebook 9

Der Überflieger

Außer Kontrolle

Die Kandidaten

Facebook-Freunde

Mutti

Facebook 10

Alles anders als geplant

Facebook 11

Der Blender

Große Erwartungen

Facebook 12

Recherche vor Ort

Facebook 13

Erscheinung

Raum Rot

Mitleid

Das versendet sich

Warten

Facebook 14

Hoffnung

Facebook 15

Entscheidung

Verkündung

Facebook 16

Vorfreude

Facebook 17

Das Interview

Epilog



Prolog

»A steht für Arschloch, L für langweilig, G für Geschichte, U für unterhaltsam, T für tragisch und der Buchstabe M ist unsere Abkürzung für Megastar! Diese Kürzel lassen sich selbstverständlich auch beliebig miteinander kombinieren. Franki, ein U A T G M wäre dann zum Beispiel?«

»Ein unterhaltsames Arschloch mit tragischer Geschichte, das auch stimmlich das Zeug zum Megastar hat.«

»Korrekt, und damit hätten wir auch schon den ersten Top-Ten-Kandidaten für die große Fernsehshow!«

»Ich denke, ich habe es verstanden.«

»Sehr gut, Franki. Und ein großes M mit einem L wäre dann?«

»Ein Kandidat mit einer M wie Megastar-Stimme, sonst aber L wie langweilig.«

»Prima, Franki. Und damit wäre dieser Kandidat, obwohl er gut singen kann, sonst aber leider langweilig ist ...?«

»... schon gleich nach dem ersten Vorsingen raus aus dem Wettbewerb.«

»Wieder korrekt, Franki! Von diesen unerforschten Beruhigungsmitteln gibt es leider immer mehr, als wir verarzten können. Die Aufgabe unserer Redaktion ist es, alle Kandidaten nach ihrem ersten Casting in unsere Kategorien einzuordnen und für den Auftritt vor der Jury vorzubereiten. Zu einer guten Vorbereitung gehört auch eine lückenlose Recherche über das persönliche Umfeld jedes Bewerbers. Ein Kandidat, über den wir in der Show nichts erzählen können, interessiert keinen toten Frisör und lässt sich dem Zuschauer emotional nicht verkaufen. Wir brauchen keine Geschichten, mit denen every Tom, Dick und Harry schon über den Markt geturnt sind, denn ...«

»... dann ruft keiner für diese langweiligen Kandidaten an.«

»Genau. Wir suchen Real-Life-Loser, die wir aus ihren dreckigen Hartz-IV-Löchern holen und mit unseren grellen Megaspots auf der Bühne in Anwesenheit des Studiopublikums live für die Zuschauer zu Hause grillen. Wir brauchen Real-Life-Winner, die als Kind von ihren Eislaufmüttern mit den iPod-Kopfhörern an die Singstar-Konsole gefesselt worden sind und bei uns endlich richtig outperformen können, um sich von ihrer Vergangenheit zu befreien. Wir brauchen Menschen, die uns scheibchenweise ihre Seelen offenbaren und nicht davor zurückschrecken, dafür einen Pakt mit dem Teufel zu schließen. Das sind die Regeln, und schon beginnt das Spiel!«



Erstes Meeting

Tobias Winkler führte den Vorsitz in der ersten Produktionsbesprechung für die neunte Staffel ›Megastar macht’s möglich‹. Er war nicht nur ein erfahrener und routinierter Produzent, sondern auch risikobereit und leidenschaftlich. Er liebte es, Entscheidungen zu treffen, Verantwortung zu übernehmen und dabei für alle seine Mitarbeiter ausnahmslos in jeder Situation persönlich ansprechbar zu sein. Er dozierte gerne über »sein Format« und genoss es, während seiner Monologe die bewundernden Blicke seiner Zuhörer zu beobachten.

Mit der Ausstrahlung eines charismatischen Gewinnertyps, unabhängig und selbstbewusst, optimistisch und aufrichtig trieb der 40-Jährige, zähe, nur 1,65 Meter große Fernsehmann mit immer wieder neuen brillanten Ideen sein Team selbst in schwierigen Situationen unnachgiebig und bislang auch äußerst erfolgreich zu Höchstleistungen.

Seit zehn Jahren hütete Tobias Winkler das bekannteste Castingformat Deutschlands wie seinen Augapfel. Die Show ›Megastar macht’s möglich‹, die von den Fans und Machern gerne mit »MMM« abgekürzt wurde, hatte zwar bei verschiedenen Medienkritikern einen zweifelhaften Ruf, Tobias Winkler aber genoss in der gesamten TV-Branche neidlos den Respekt und die Anerkennung aller Kollegen für seine hervorragende, erfolgreiche TV-Arbeit.

Der Redaktionspraktikant Frank Furter, kurz Franki genannt, hatte gerade seinen ersten Aufmerksamkeitscheck vor der Redaktion zur Zufriedenheit des Produzenten bestanden und versuchte, den Gesprächen konzentriert zu folgen. Er notierte sich die Informationen, die ihm am wichtigsten erschienen, schaute immer wieder eifrig in die Runde und versuchte, ebenso andächtig zu wirken wie die anderen.

Es war sein erster Tag in der Redaktion einer TV-Produktion, und alles war neu und aufregend für ihn. Als Praktikant war es seine Aufgabe, bei allen Sitzungen des Produzenten Protokoll zu führen. Er musste sich in diesem ersten Meeting enorm konzentrieren, um all die für ihn neuen Begriffe zu erfassen und zu verarbeiten. Man hatte ihn nicht nur als Praktikanten, sondern gleich als persönlichen Assistenten des Produzenten eingestellt, und so konnte er bei allen wichtigen Meetings und Entscheidungen rund um die Produktion dabei sein. Er notierte jeden Punkt, der angesprochen wurde, für sein Protokoll und speicherte sich die für ihn persönlich interessantesten Informationen zusätzlich in einem besonderen Dokument, das er unter dem Titel »TV-Geheimwissen« ablegte, in seinem Notebook. Hier wollte er alle für ihn neuen wissenswerten Tipps und Tricks sammeln. Er war sehr gespannt, was er da in den nächsten Monaten zusammentragen würde.

»Franki, dir ist bewusst, dass du in diesem Jahr das einzige neue Redaktionsmitglied in unserem Team bist. Wir freuen uns auf eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit dir! Sollte allerdings etwas von diesen nur uns bekannten internen Informationen an die Presse oder nach draußen zu den Kandidaten gelangen, mache ich dich persönlich für diesen Vertrauensbruch verantwortlich. Du wirst dann als Konsequenz das Team sofort verlassen müssen.«

»Selbstverständlich, Tobias, du kannst mir da voll und ganz vertrauen.«

Frank fühlte sich ertappt, obwohl er eigentlich nichts Unrechtes getan hatte, und ließ das Dokument »TV-Geheimwissen« reflexartig in der Menüleiste am Rand seines Bildschirms verschwinden. Er beschloss, diese gerade erst angelegte Datei mit einem besonderen Kennwort zu versehen.

»Wir casten in fünf Städten: München, Köln, Berlin und Frankfurt. Dazu kommt noch eine kostengünstige Alibi-Location im Osten. Aus den neuen Bundesländern kommen in der Regel nur Ls, also Langweiler, oder schlimme Ts, die tragischen Wendeopfer der ersten und inzwischen zweiten Generation, für die sich unser ganzer professioneller Aufwand nach wie vor nicht lohnt. Die Ossis sind für uns so spannend wie Weihnachten auf dem Stellwerk. Was wir brauchen sind Monster, Mythen, Mutationen und zwei, drei gute Sänger ... Daher sollten wir für den Osten maximal zwei Produktionstage einplanen und alles finanziell wie organisatorisch schön klein halten. Unser Budget hat sich in diesem Jahr um 20 Prozent verringert, und ihr wisst, dass der Sender dafür 50 Prozent mehr Leistung erwartet.«

»Warum gehen wir denn dann auf unserer Castingtour überhaupt in den Osten, wenn es da nur langweilige und tragische Kandidaten gibt?«

Tobias, die anwesenden Redakteure und Markus Müller, der Produktionsleiter von ›Megastar macht’s möglich‹ sahen ihn überrascht an. Frank schaute mutig motiviert, freundlich und offen zurück, dachte an sein Einstellungsgespräch und die Aufforderung des Produzenten: »Wenn du Fragen hast, dann frag ruhig. Wir sind eine große Familie, und alle Ideen, Anregungen oder auch Kritik bringen uns gemeinsam weiter auf dem Weg zum Erfolg!«

Mit einem sanften, erklärenden Ton wandte sich Markus dem enthusiastischen Anfänger zu: »Weißt du, Franki, mit dem Osten haben wir so unsere Probleme: unzuverlässige Kandidaten, Ärger mit den Behörden, miserabler Service und eine zeitraubende, lange Anreise, die nicht nur unsere Reisekosten erheblich in die Höhe treibt, sondern auch jedes Mal die Stimmung im gesamten Team auf eine harte Probe stellt. Da wir aber nun mal Deutschlands Megastar suchen, gehört der Osten theoretisch irgendwie dazu. Wir haben da drüben in den letzten Jahren jede Menge schwieriger Situationen erlebt.«

»Ja, das ist wohl war, Markus«, unterbrach Christiane Schneider, die Castingleiterin, ihn. »Es war oft schwierig, aber manchmal auch amüsant. Ich erinnere mich an das letzte Casting in Magdeburg, als von den angemeldeten 300 Kandidaten nur 120 gekommen sind, 36 Jungs und genau 84 Mädchen, von denen exakt 27 Mandy hießen.«

»Ja, das war allerdings großartig«, ergänzte Tobias Christianes Bemerkung. »Alle Mandys wurden dann von unserer allseits geschätzten und erfahrenen Redaktionsleiterin Sabine eine nach der anderen ohne Unterbrechung zum Vorsingen vor die Jury geschickt. Und unsere sonst eher mies gelaunten Juroren konnten an diesem Tag bereits mit dem Lachen beginnen, als sich die Tür zum Studio öffnete, eins der Mädchen den Raum betrat und sich mit ›Hallo, ich bin die Mandy aus Magdeburg‹ vorstellte.«

»Auf jeden Fall hat es uns die Stimmung an dem sonst ziemlich öden und erfolglosen Castingtag gerettet«, ergänzte Sabine Schulte, die für diese Inszenierung damals verantwortlich gewesen war, zufrieden.

»Das glaub ich jetzt nicht, das ist doch von ›Pur Comedy‹ ...«, platzte Frank dazwischen. »So was hab ich doch schon mal irgendwo gesehen. Da gibt’s doch die Familie Mandy, die Mutter heißt Candy Mandy, ist gelernte Kaugummiautomaten Auffüllerin, der Vater ist arbeitsloser Mandolinenspieler und die Tochter heißt Mandy Mandy und will arbeitslose Handy Verkäuferin werden. Das müsst ihr euch mal im Internet ansehen, ich finde das ziemlich witzig«.

»Tja, Franki, die Geschichte mit den Mandys haben die ›Comedy‹-Leute ja vielleicht von uns. Nur bei unserem Casting war es nicht ganz so drastisch. Dennoch hatten wir es wirklich mit 27 Mandys zu tun, von denen keine Einzige singen konnte. Wir wollten das damals so nicht erzählen und senden, weil uns das keiner geglaubt hätte, und ehrlich gesagt: Witzig waren die leider auch nicht.«

»Dazu kommt ...«, ergänzte Markus, »... um die Geschichte zu Ende zu bringen, dass wir auch im Osten wichtige Zuschauer in der Zielgruppe haben, die wir nicht verärgern und dadurch verlieren dürfen. Das mit den Mandys wäre einfach zu viel Realität gewesen. Wenn ihr mich fragt, stehen Mandy, Sandy und Chantal nach wie vor immer noch am erfolgreichsten in Berlin mit kurzen Röcken und hohen Stiefeln an der Oranienburger Straße und gehören nicht auf unsere ›MMM‹-Bühne. Stimmt doch, Tobias, oder?«

»So genau wollten wir deine persönliche Meinung zu den Kandidaten jetzt auch nicht wieder wissen, Markus. Du bist für die Organisation verantwortlich und wir für die Inhalte.«

»Is’ aber so«, entgegnete der Produktionsleiter beleidigt, »geht da mal hin, auf den Strich in Berlin, da könnt ihr sie alle nebeneinander stehen sehen und euch an meine weisen Worte erinnern.«

»Gut, um nicht nur aus Zeitgründen diesen intellektuell hochkarätigen Gedankenaustausch an dieser Stelle zu Ende zu bringen, fasse ich zusammen: Wir suchen einen Megastar und nicht den Pornokönig von Magdeburg! Wir suchen Typen, die was können, sich leidenschaftlich in die erste Reihe stellen und dafür ihre Seele verkaufen. Und ich ergänze für alle, die es interessiert: Markus freut sich jetzt schon auf seine freien Stunden bei unserem nächsten Casting in Berlin.«

»Du bis heute wirklich extrem witzig, Tobias, auch wenn das hier außer dir noch keiner bemerkt hat. Als ob irgendjemand von uns während der Castingwochen auch nur eine freie Stunde hätte. Das ist jetzt echt ein Brüller, oder wie seht ihr das Kollegen?«

»Sagt mal ...«, meldete sich Frank erneut in der lachenden Runde zu Wort, »habt ihr eigentlich auch immer Probleme mit dem Begriff ›neue Bundesländer‹? Also ich denke immer, die alten sind die neuen und umgekehrt. Ich meine, weil die alten Bundesländer einfach viel hipper sind als die neuen. Versteht jemand, was ich meine?«

»Noch einmal auf den Punkt gebracht ...«, fuhr Tobias fort, ohne auf die Zwischenbemerkung des Praktikanten einzugehen, »... wir suchen einen Popstar, der die Massen mit seinem Können, seiner Ausstrahlung und seiner persönlichen Geschichte begeistert. Und bisher ist uns so jemand im Osten unseres Landes noch nicht begegnet.«

Die Anwesenden stimmten dem Produzenten amüsiert zu und Franks Gedanken überschlugen sich in seinem Kopf.

Dann hielt er eilig für seine privaten Notizen fest: Im Osten gibt es schlechten Service, überwiegend Kandidaten mit tragischen, deprimierenden Geschichten, bisher keine Megastars und darum nur eine Castinglocation!

Das Produktionsmeeting zog sich bis in den späten Nachmittag. Frank war es nicht gewohnt, sich so lange an einem Stück auf eine Sache zu konzentrieren und fühlte sich am Ende der Sitzungen total erledigt und hoffnungslos überfordert. In seinem vor Schmerzen pochenden Kopf mischten sich die vielfältigen Informationen, die auf ihn einstürmten, mit seinen bisherigen idealisierten Vorstellungen und Erfahrungen als passiver Fernsehzuschauer zu einem wirren Brei aus glamouröser Fiktion und soeben erlebter TV-Realität. Er hatte tatsächlich noch nie darüber nachgedacht, warum welche Kandidaten mit welchen Geschichten bei »MMM« zu sehen waren. Absolut überrascht war er von dem großen organisatorischen Aufwand, der hinter so einer Produktion stand. Unglaublich, wie viele Menschen an einem einzigen Format arbeiteten!

Am liebsten wäre er noch während dieses ersten Treffens aufgestanden, um den Raum zu verlassen und nach Hause zu fahren. Das war alles so anstrengend und ungewohnt für ihn. Wäre er seinem inneren Impuls wie sonst so oft gefolgt, wäre er nach der ersten Stunde dieses ersten Arbeitstags einfach gegangen, hätte sich auf den Weg in seine Wohnung gemacht, um sich dort auf sein geliebtes Sofa zu legen, den Fernseher anzuschalten und sich ohne Nachdenken sinnlos vom laufenden Programm berieseln zu lassen und einfach nur zu amüsieren. Nur die Glotze anmachen und lachen und sonst nichts.

Doch an diesem Tag spürte er, dass diese schönste Art der Entspannung für ihn ab sofort mit einem Schlag vorbei war. Er war jetzt »beim« Fernsehen und saß nicht mehr davor. Er hatte bereits an seinem ersten Arbeitstag in der Produktionsfirma einen Teil seines naiven Zuschauerblicks verloren. Seine Unschuld als Zuschauer hatte er eingetauscht gegen einen Wissensvorsprung, um den ihn allerdings in Zukunft sicher alle seine Freunde beneiden würden.



Er war jetzt ein Teil des erfolgreichsten TV-Teams Deutschlands und somit Bestandteil der erfolgreichsten TV-Show der Welt. Er gehörte zum Team, zum inneren Kreis der Eingeweihten und sie alle waren auf der Suche nach dem Megastar, nach einem Ausnahmetalent mit einer großartigen Stimme, jemandem, der heute noch unbekannt war, der aber in wenigen Monaten an der Spitze der Charts stehen würde. Er selbst sah sich am Anfang einer großen TV-Karriere hinter den Kulissen und wollte alles dafür geben, um eines Tages selbst ein erfolgreicher Produzent zu sein.

Dieses Praktikum, das ihm sein Vater, der mit dem Produktionsleiter Markus gemeinsam zur Grundschule gegangen war, besorgt hatte, sollte der Anfang seiner künftigen erfolgreichen Laufbahn beim Fernsehen werden. Er wollte nicht mehr nur zusehen, er wollte mitmachen und mitgestalten. Bisher war sein Leben in geordneten Bahnen verlaufen, man könnte es auch trotz seines nicht geschafften Abiturs als spießig und durchschnittlich bezeichnen, und irgendwie fühlte er sich heute, nach seinem ersten Tag im neuen Job, älter, erwachsener und auf eine nicht genau erklärbare Art und Weise wichtiger als zuvor. Er meinte, sich innerhalb von Stunden total verändert zu haben und glaubte, endlich etwas Sinnvolles tun und Eindrücke sammeln zu können, die ihm in seinem späteren Leben wirklich weiterbringen würden. Alles, was er in den vergangenen Jahren in seiner Schulzeit gelernt hatte, erschien ihm jetzt noch viel offensichtlicher als absolut sinnloses und überflüssiges Wissen.



Frank war ein Durchschnittstyp mit durchschnittlichen Fähigkeiten, durchschnittlichen Noten und trotz seines passablen Aussehens und seiner nachgewiesenen sensiblen Art einfach zu langweilig, um einschlagenden Erfolg bei den Mädchen zu haben. 178 Zentimeter groß, mittelblonde halb lange Haare, Brille, Jeans, T-Shirt, ganz passable Zähne und zu große Füße. Typen wie ihn gab es mehr, als die beste aller Singlebörsen verkraftete. Während er sich auf den Weg in sein Büro machte, wurde ihm klar, dass er castingtechnisch gesehen wahrscheinlich ein großes L mit wenig U war, und zum Glück fehlte ihm das T, ansonsten hätte man ihn womöglich für einen Ossi halten können.



Es war bereits 18 Uhr, als er sich zum ersten Mal an seinen eigenen Schreibtisch setzte. Er fuhr den Rechner hoch und öffnete sein Facebook-Profil.



Facebook 1

Frank:

Ist jetzt bei DSDM und sucht für euch den Megastar!


Steffi:

Na, dann schau mal in deinem Bett nach, vielleicht findest du da ’ne scharfe Braut ;-)


Fanki:

Sehr lustig, ich hab jetzt einen Job und nehme die Sache sehr ernst!


Steffi:

Megalaaaangweilig! Heute Abend online Battle world of warcraft?


Frank:

Nee, hab Kopf und Rücken und muss noch arbeiten.


Steffi:

Na, dann ciao mit au.


Frank:

Tschööö mit ö.


Steffi:

Tschüss mit üss und nimm ’ne Aspirin.


Frank:

Ja, ich bestell die Ratiopharm-Zwillinge gleich zu mir ins Büro!!


Steffi:

Franki! Spinnst du? Ich bin auch noch da!


Jako:

Also, ich hab ja gehört, dass die Zwillinge jetzt einen Lieferservice haben. Die transportieren ab sofort die Tabletten zwischen ihren Brüsten direkt zum Kunden nach Hause.


Steffi:

@ Jako: Wer bist du denn?


Frank:

Das wär allerdings ’ne coole Idee für ’ne geile Homestory ;-) Wenn die beiden dann auch noch Mandy und Sandy heißen, sind sie auf jeden Fall in der nächsten Show.


Jako:

Was für ’ne Story?


Frank:

Eine Homestory. Das ist ein Dreh bei einem Kandidaten zu Hause oder an einem anderen Ort, der mit ihm zu tun hat, um die Person so besser kennenzulernen.


Steffi:

Du bist ja schon richtig eingestiegen in deinen neuen Job


Franki. Hört sich cool an.


Frank:

Ja, es ist total toll hier.


Jako:

Gaaanz großartig. Und? Was haben wir davon?


Frank:

Ich mache euch eine tolle Megashow!!!


Jako:

Du ... is’ klar, Angeber! Alles, was man macht, hat man auch nötig.


Frank:

Steffi, wer ist eigentlich dieser Jako?


Steffi:

Keine Ahnung, der taucht immer auf, wenn ich was poste.


Jako:

@ Steffi: Jako wäre gerne mit Steffi befreundet.


Steffi:

Ich denke mal drüber nach. Du kannst ja solange vor dem Rechner auf meine Antwort warten.


Das Protokoll

Am nächsten Morgen saß Frank schon um 9 Uhr im Büro. Zwar hatte er am Abend zuvor noch bis 23 Uhr am Schreibtisch gesessen, aber mit seiner eigentliche Aufgabe, dem Verfassen des Protokolls, hatte er noch nicht einmal angefangen. Der gestrige Abend war irgendwo im Netz zwischen Facebook, Myspace und Youtube verloren gegangen. Jetzt saß er mit schlechtem Gewissen an seinem Platz im Vorzimmer des Produzenten, fühlte sich erschöpft und überfordert, aber trotzdem enorm wichtig in seiner Position. Eigentlich ging es morgens in der Produktionsfirma Starlight Entertainment immer erst um 10 Uhr so richtig los, doch heute hatte er viel zu tun und noch nicht einmal angefangen. Er musste Tobias die getane Arbeit bis 11 Uhr zur Kontrolle vorgelegt haben. Wie schreibt man eigentlich ein Protokoll? Gab es da irgendetwas zu beachten? Wer bekam das dann eigentlich zu lesen und warum wusste er das nicht?



Facebook 2

Frank:

Versuche, ein Protokoll zu schreiben. Weiß einer, wie das geht?


Steffi:

Oh, unsere Tippse hat ihren ersten Auftrag bekommen, und jetzt findet jeder raus, dass sie außer so gucken, als wäre sie intelligent, nichts kann ;-)


Frank:

Keine Verarsche jetzt. Wer kann mir helfen?


Steffi:

Deutschland sucht das Megaprotokoll ... Na, das kann dauern ... lol ...


Jako:

Schau doch mal bei Google unter Hochstapeln beim Einstellungsgespräch nach ;-))))


Steffi:

@ Jako, da bist du ja wieder.


Jako:

Ja, mit ahhhhhh ;-)


Steffi:

@ Jako gefällt mir.


Jako:

Du mir auch ...


Steffi:

@ Jako, so war das nicht gemeint.


Frank:

Haaaloooooo, ist da jemand?


Frank:

Kann mir vielleicht jemand helfen?


Frank:

Hallo? Jemand da, der schon mal ein Protokoll geschrieben hat?


Frank:

Hilfe! Mein Facebook-Account hat mehr Freunde als ich!


Das Protokoll schreiben

»Toll, das nenne ich ein funktionierendes Netzwerk!« Frank schloss die Facebook-Seite und dachte nach. Facebook gibt einfach keine vernünftigen Antworten auf Fragen und hilft auch nicht wirklich weiter, wenn man etwas Bestimmtes sucht oder einen Rat benötigt. Seltsam, wie viel Zeit er in diesem Netzwerk verbrachte und wie unverbindlich eigentlich alles war, was dort geschah. Irgendetwas störte ihn an den Bemerkungen seiner sogenannten Freunde, die er zum Teil gar nicht persönlich kannte.

Wahrscheinlich muss man im Netz demnächst einen Bezahlbutton kaufen, um Freunde zu finden, die einem bei echten Fragen und Problemen sinnvoll weiterhalfen. Schon wieder hatte er etwas gelernt: Virtuelle Freunde sind lustig und unkompliziert, wenn man Langeweile hat, und leider genauso witzig und unverbindlich, wenn man sie ernsthaft braucht.

»Guten Morgen, Franki. Na, was suchst du denn so früh hier? Arbeitest du etwa schon?«

»Hallo, Tobias, ja, ich bin hier zum Arbeiten. Ich war nur kurz bei Facebook, um meine Mails zu checken und mache jetzt noch schnell das Protokoll von gestern fertig.«

»Verstehe, kennst du dich bei Facebook gut aus?«

»Na ja, ich gehe da schon regelmäßig rein. Irgendwie hab ich mich daran gewöhnt, öfter nachzuschauen, was meine Freunde so machen und zu erzählen haben.«

»Klar, damit liegst du natürlich voll im Trend. Ich mache das inzwischen auch schon fast regelmäßig. Aber sag mal: Hast du vielleicht schon einmal darüber nachgedacht, warum du das tust oder was Facebook möglicherweise mit einem Castingformat gemeinsam hat?«

»Nein, ehrlich gesagt. Gedanken hab ich mir darüber noch nie gemacht. Irgendwann hab ich einfach so, weil ein Freund mich eingeladen hat, mit Facebook angefangen. Zuerst fand ich’s ein bisschen seltsam und wusste nicht, was ich schreiben sollte. Ich dachte immer, dass ich mich auf keinen Fall vor den anderen blamieren möchte, aber nach und nach hat sich das Schreiben irgendwie so ergeben. Dann war es mir egal, weil es alle gemacht haben, und schließlich hab ich mir einfach gar nichts mehr dabei gedacht.«

»Ja, so geht es bestimmt den meisten. Den meisten Facebook-Usern und den meisten Castingkandidaten.«

»Das verstehe ich nicht, das hat doch nicht speziell was mit Casting zu tun, wenn man etwas macht, das, indem man es öfter tut, plötzlich selbstverständlich wird.«

»Das ist aber ein interessanter Gedanke, Franki: Facebook, Casting und Sex haben, wenn man es aufs Wiederholen reduziert, auch etwas gemeinsam.«

»Ich hab nichts von Sex gesagt, Tobias.«

»Ja, ja, beruhige dich, Franki. Jetzt mal im Ernst, ich meine eigentlich etwas anderes: Facebook ist, wenn man sich die Entwicklung der letzten Monate ansieht, in zwei Jahren wahrscheinlich unser härtester Konkurrent im Kampf um die für uns so wichtige Zuschauergunst. Das immer erfolgreicher werdende soziale Netzwerk läutet sozusagen das drohende Ende der Castingshows ein. Facebook ist heute schon vor Youtube die größte Castingplattform der Welt. Youtube war schon gefährlich, aber auf gewisse Weise durch die Anonymität der User und Performer kein echter Konkurrent für uns. Bei Facebook ist das jetzt anders. Facebook-User kennen sich oder wollen sich kennenlernen und tauschen unterhaltsame, informative Gedanken oder Botschaften aus, die sich direkt an ihre Zielgruppe richten. Jeder User ist Redakteur und Zuschauer, Sender und Empfänger zugleich. Das ist noch nicht weiter tragisch, aber überleg doch mal: Was passiert, wenn du zum Beispiel da etwas postest?«

»Was soll schon passieren? Ich schreibe und freue mich, wenn jemand mit einem Kommentar darauf reagiert.«

»Nein, Franki, da möchte ich dir widersprechen. Du freust dich nicht, wenn jemand reagiert. Du wartest darauf, dass du ein Feedback bekommst. Du sitzt vor dem Bildschirm und möchtest wahrgenommen werden. Du bemühst dich, eine möglichst witzige oder intelligente Statusmeldung zu posten und hoffst, dass du dafür ein positives Feedback, einen anerkennenden Kommentar oder wenigstens einen Daumen-hoch-gefällt-mir-Klick bekommst. Und genauso wie du setzen sich täglich über 80 Millionen Selbstdarsteller freiwillig dem nicht immer wohlmeinenden Urteil der unzähligen angemeldeten Mitglieder auf Facebook aus und hoffen auf eine gute Bewertung. Bei Facebook wird regelmäßig gesungen, getanzt, getextet und gedisst.«

»Na ja, getanzt habe ich noch nicht, das würde ich auch nie tun.«

»Aha, aber hast du nicht schon mal gesungen oder ein Video von dir online gestellt?«

»Ich nicht, aber ein Freund hat eins hochgeladen, auf dem ich auch zu sehen bin. Wir haben da zusammen einem Kumpel zum Geburtstag gratuliert.«

»Gratuliert?«

»Ja, also ja ... Wir haben ›Happy Birthday‹ gesungen ...«

»... und wie viele Kommentare gab es dazu?«

»Ziemlich viele, wir haben den ganzen Abend vorm Computer verbracht und uns über die Kommentare kaputtgelacht ...«

»Und nicht ferngesehen.«

»Stimmt, Tobias.«

»Das ist genau das, was ich meine: Unterhaltungsplattformen auf der Grundlage von sozialen Netzwerke werden mit ihren unerschöpflichen Möglichkeiten meiner Meinung nach in Zukunft das herkömmliche Fernsehen ersetzen. Jeder findet dort vielseitige, gezielt auf ihn zugeschnittene Zerstreuung oder Information. Je besser die sozialen Netzwerke in Zukunft programmiert sind, umso präziser können die Inhalte systematisch auf den Einzelnen abgestimmt werden, und jeder kann sich dort direkt über die Inhalte mit anderen austauschen.«

»Und wo kommen die Inhalte her?«

»Die kommen vom Zuschauer selbst, der spaziert geradewegs vom Sofa in die Show hinein. Gute Unterhaltung besteht nicht darin, dass man etwas Interessantes sagt, sondern dass man sich jeden Mist anhören kann.«

»Das ist mir jetzt ein bisschen viel so früh am Morgen.«

»Mir auch, Franki. Wie sind wir überhaupt auf das Thema gekommen?«

»Ich wollte eigentlich arbeiten, und dann war ich bei Facebook ...«

»Genau, arbeiten, darum sind wir hier. Bis später, Franki.«


Frank war verwirrt. Hatte Tobias ihm gerade klarmachen wollen, dass seine Arbeit, mit der er gerade so begeistert angefangen hatte, keine Zukunft hatte? Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Tobias liebte seinen Job, Unterhaltung aus dem Internet konnte für jemanden wie ihn keine Alternative sein. Für Frank war klar: Fernsehen würde es immer geben und die großen Fernsehshows konnten durch kein Internetformat der Welt ersetzt werden. Niemals.

Er machte sich wieder an seine eigentliche Arbeit und wusste nach wie vor noch immer nicht, wie ein Protokoll erstellt wurde. Er googelte sich durchs Netz. Nach kurzer Zeit wurde er bei Wikipedia fündig und musste sich nur noch zwischen Verlaufsprotokoll, Ergebnisprotokoll und Stundenprotokoll entscheiden. Er entschied sich für die zweite Form und beschloss, lediglich die Ergebnisse des Meetings kurz zusammenzufassen.


»Anwesende: Tobias Winkler, Produzent; Markus Müller, Produktionsleiter; Sabine Schulte, Redaktionsleiterin; Christiane Schneider, Castingleiterin.« Das waren also die wichtigen Drahtzieher von »Megastar«. Jeder von ihnen betreute eine Abteilung mit mehreren festen und freien Mitarbeitern. Über ihnen schwebte wie ein Geist mit pulsierendem Heiligenschein der wichtigste Mann und unangefochtene Zuschauermagnet der TV-Show: Mike Planke. Er war das bekannteste TV-Gesicht Deutschlands und als Vorsitzender der ›MMM‹-Jury eine magische Persönlichkeit, vor der nicht nur die Castingkandidaten Angst wie Respekt hatten. Frank kannte ihn nur aus dem Fernsehen und bewunderte seine klare, direkte, manchmal auch zu direkte Art, mit der er jedem Bewerber unmissverständlich klarmachte, was er von ihm und seinen Leistungen hielt. Mikes Art war umstritten, er war gnadenlos, verletzend, aber auch ehrlich, leidenschaftlich, und seine Methode, mit der er die Castingbewerber beurteilte, war legendär.

Mike hatte als gelernter Elektriker jahrelang auf dem Bau Schlitze geklopft und sich als Hobby-DJ und Alleinunterhalter mit seinem Keyboard an den Wochenenden von einem Talentwettbewerb zum Nächsten hochgearbeitet. Irgendwann hatte er dann begonnen, mit seinem Musikinstrument Klingeltöne für Handys zu komponieren, um seine Sounds auf einer eigenen Internetplattform als kostenpflichtigen Download anzubieten. Damit hatte er als Erster eine absolut neue Idee zum richtigen Zeitpunkt realisiert und heute war er stolzer Besitzer des größten und erfolgreichsten Unternehmens im Mobilfunkgeschäft. Seine international agierende Firma verdiente traumhaft mit der Entwicklung und dem Verkauf von Handyklingeltönen und verschiedenen Mobilfunkanwendungen.


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