WILHELM
REICH
Eine Persönliche Biografie
Ilse Ollendorff Reich
Smashwords Edition
Coverillustration: David Graves
Titel des amerikanischen Originals „Wilhelm Reich, A Personal Biography“
Nach der amerikanischen Ausgabe übersetzt von Ilse Ollendorff Reich
Lektorin der deutschen Ausgabe 2011: Petra Schweitzer
Copyright © der deutschen Ausgabe
© 1975Ilse Ollendoff Reich & 2011 by Peter Reich
Alle Rechte vorbehalten.
Deutsche Originalausgabe 1975
Kindler Verlag GmbH, München
Copyright © der amerikanischen Ausgabe
© 1969 by Ilse Ollendorff
© 2011 by Peter Reich
Alle Rechte vorbehalten.
For Eva, Lore, and Peter
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Anmerkungen zur deutschen Übersetzung
Ich habe mich bei der Übersetzung des Buches streng an den englischen Originaltext gehalten und nur an wenigen Stellen eine kurze Anmerkung zum besseren Verständnis beigefügt. Die Titel der Reichschen Bücher habe ich im Allgemeinen in der deutschen Übersetzung angeführt, selbst wenn sie bisher nur in englischer Sprache erschienen sind. Für die zwei Bücher People in Trouble und Listen, Little Man habe ich die von Reich in seinem deutschen Originalmanuskript gewählten Titel Menschen im Staat beziehungsweise Rede an den kleinen Mann benutzt. Die Bibliographie ist durch die seit 1968 erschienenen Bücher über Reich erweitert worden.
Rangeley, Maine, den 23. August 1974
Ilse Ollendorff Reich
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Vorwort der Autorin
Seit vielen Jahren, wann immer ich mit Freunden und Bekannten über Wilhelm Reich sprach, wurde mir geraten, eine persönliche Biographie meiner Jahre mit ihm zu schreiben. Ich habe eine geraume Zeit mit der Idee gespielt, eine solche Biographie zu schreiben, ohne diese Idee wirklich ernst zu nehmen. Aber jetzt, zu Beginn dieser Arbeit, bedauere ich, dass ich in den vergangenen Jahren nicht mehr Notizen gemacht habe.
Ich habe Reich im Oktober 1939 kurz nach seiner Ankunft in den Vereinigten Staaten kennengelernt. Ich wurde bald danach seine Frau, seine Sekretärin, Laborassistentin und Buchhalterin, seine »rechte Hand«, Hausfrau und 1944 die Mutter seines Sohnes; ich war stets eng mit seiner Person und seiner Arbeit verbunden, bis zu unserer Trennung im Jahre 1954. Selbst nach unserer Trennung blieben wir in enger, persönlicher Verbindung, obwohl ich mich von diesem Zeitpunkt an absichtlich von seiner Arbeit fernhielt. Der Grund dafür wird später klar werden.
Diese Biographie ist selbstverständlich sehr subjektiv, denn ich lege alle Tatsachen, die ich sammeln konnte, alle Unterhaltungen, die ich mit vielen alten Freunden und Mitarbeitern von Reich führte, alles Material, das ich zusammengetragen habe, jeweils so aus, wie ich persönlich Reich sah und wie ich ihn in Erinnerung behielt. Im Laufe dieser Materialsammlung habe ich oft erkennen müssen, wie unzuverlässig das Gedächtnis sein kann. Ein und dasselbe Ereignis, von verschiedenen Personen erzählt, kann aus einer großen Anzahl widersprüchlicher Einzelheiten bestehen, eine Erfahrung, die auch meine eigenen Erinnerungen bisweilen ungewiss erscheinen lässt. In vielen dieser Fälle habe ich einfach die verschiedenen Ausdeutungen meiner Quellen wiedergegeben, und ich überlasse es dem Leser, diejenige auszuwählen, die ihm am wahrscheinlichsten erscheint.
Ich habe keinen Zugang zu dem Material, das in den Archiven des Wilhelm Reich Infant Trust Fund ruht, jener Organisation, der die Obhut von Reichs Nachlass anvertraut ist. In diesen Archiven befinden sich Reichs Tagebücher, die er regelmäßig seit seiner Studentenzeit in Wien geführt hat, ferner Photographien, Briefwechsel und einige unveröffentlichte, unvollendete Manuskripte. Reichs Testament enthält die Bestimmung, dass die Archive erst fünfzig Jahre nach seinem Tode geöffnet werden dürfen, und diese Bestimmung gilt für das ganze Material. Es mag daher zukünftigen Biographen überlassen bleiben, die von mir im Folgenden angeführten Tatsachen zu bestätigen oder zu korrigieren.
Mir ist auch der Zugang zu der Bibliothek im Orgonenergie-Observatorium in Rangeley, Maine, versagt worden. Ich hätte dort wertvolle Hinweise auf Reichs besondere Interessen zu verschiedenen Zeiten seines Lebens gefunden. Diese Bibliothek ist mehr oder weniger intakt erhalten geblieben, seit Reich im Jahre 1930 Wien verließ. Sie hat ihn nach Berlin, Schweden, Norwegen und in die Vereinigten Staaten begleitet. Da Reich die Gewohnheit hatte, alles anzustreichen, was sein Interesse in einem Buch oder in einer Zeitschrift weckte, wäre es zum Beispiel sehr interessant gewesen, in den alten Ausgaben der revolutionären Zeitschrift Die Fackel von Karl Kraus zu sehen, was für einen Einfluss einige der Artikel auf Reichs eigene politische Entwicklung hatten.
Das meiner Biographie zugrundeliegende Material besteht vor allem aus meinen eigenen Erinnerungen; aus den vielen Briefen, die mein Sohn Peter und ich von Reich erhielten; aus Notizen, die von Reichs Studenten und Assistenten gemacht wurden; aus Briefwechseln, die mir einige alte Freunde, besonders A. S. Neill und Ola Raknes, zur Verfügung gestellt haben; aus den vielen Unterhaltungen mit Freunden und ehemaligen Mitarbeitern von Reich hier in den Vereinigten Staaten, in England, Deutschland und Norwegen; und aus biographischem Material, das bereits veröffentlicht wurde.
Ich betrachte meinen Versuch nur als eine vorläufige Biographie. Ich bin weder Wissenschaftlerin noch Psychiaterin, und ich muss es zukünftigen Wissenschaftlern überlassen, eine Bewertung von Reichs wissenschaftlichen Arbeiten zu schreiben. Ebenso bleibt es Menschen, die in Tiefenpsychologie ausgebildet sind, überlassen, Reichs Leben und Arbeit von ihrem Standpunkt aus zu beurteilen. Ich kann über diese Dinge nur so schreiben, wie ich sie erlebt und verstanden habe, was ich darüber empfinde.
Meine Absicht ist es, Reichs Leben so zu erzählen, wie ich es gesehen habe und wie ich es am besten rekonstruieren kann. Ich möchte zeigen, wie Ereignisse und Zeiten sein Leben und seine Arbeit beeinflusst haben und wie er seinerseits geholfen hat, die Gedanken seiner Zeitgenossen zu formen. Ich beabsichtige auch nicht, ihn oder seine Taten zu verteidigen oder ihn reinzuwaschen; auch will und kann ich nicht über ihn oder über seine Arbeit urteilen. Seiner Entwicklung folgend, hoffe ich aber, ein besseres Verständnis für den Menschen Reich zu gewinnen, ihn anderen näherzubringen, so dass sie besser verstehen, was ihn antrieb und warum er eine so tragische Persönlichkeit wurde.
Was für ein Mensch war Reich? Für manche war er ein Held, der nichts Falsches tun konnte und der jenseits von menschlichen Fehlern und Schwächen lebte. Für andere war er »dieser verrückte Wissenschaftler«. Aber alle hielten ihn zweifellos für ein Genie. In meinen Gesprächen mit Freunden und Gegnern von Reich trat eines vor allem hervor: seine große Vitalität. Sie wurde als seine hervorstehendste Eigenschaft immer zuerst erwähnt sein Elan, seine Energie, seine fast überwältigende Kraft. Ohne diese Vitalität hätte er die vielen Auswanderungen, den wiederholten Verlust von Heim, Lebensunterhalt und organisatorischen Verbindungen nicht überleben können. Jedes Mal hat er sich wieder davon erholt, fest entschlossen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er war ewiger Optimist oder wie er selbst einmal sagte das »ewige Stehaufmännchen«.
Er war ein Mensch von großen Widersprüchen, und ich will in meinen Erinnerungen diese verschiedenen Seiten seines Wesens klar zeigen. Eine Seite zeigt den sanften, naiven, fast kindlichen Mann, von dem Nic Waal, eine seiner norwegischen Mitarbeiterinnen, in dem Erinnerungsband Wilhelm Reich sagte: »Er hatte die echte Unschuld und den rastlosen, suchenden Sinn eines Schöpfers.« Er ging sanft mit Kindern um sein ganzes Leben lang behielt er seinen wundervollen, unmittelbaren Kontakt mit Kindern , und er war geduldig, wenn er das Gefühl hatte, dass eine Situation oder eine Person Geduld benötigte. Aber auf der anderen Seite konnte er ein strenger, ungeduldiger, furchteinflößender Mann sein, besonders bei seinen Assistenten und Mitarbeitern. Ich glaube, er hat niemals verstanden, dass Menschen im Allgemeinen nicht dieselbe Energie und Vitalität haben, wie er sie besaß, und er erwartete von allen dieselbe zielbewusste Entschlossenheit und Leistungsfähigkeit bei der Arbeit. Er war enttäuscht und gereizt und fühlte sich verraten, wenn andere nicht wie er produktiv arbeiteten. Er drängte Menschen oft erbarmungslos und verlor viele gute Mitarbeiter, weil sie mit ihm nicht Schritt halten konnten.
Sein Verstand erfasste unglaublich schnell neue Tatsachen und Ideen; war ihm einmal etwas klar geworden, erwartete er von allen anderen, dass sie es ebenfalls verstünden. Wenn dies nicht eintraf, so erwuchs daraus eine andere Quelle der Enttäuschung und Ungeduld. In vielen seiner Veröffentlichungen, besonders in den späteren, setzt er bei dem Leser ein Verständnis von Tatsachen und Theorien voraus, die ihm selbstverständlich waren. Er scheint vieles zu überspringen und Lücken zu lassen, so dass meines Erachtens das Material schwieriger und unzusammenhängender erscheint, als es in der Tat ist.
Die meisten Menschen, die mit Reich in enger Verbindung standen, waren sich der Kluft zwischen ihrer Leistungsfähigkeit und der seinen vollkommen bewusst und reagierten darauf, indem sie ihn bereitwillig akzeptierten, was manchmal bis zur absoluten Heldenverehrung ging; andere zogen sich zurück, oft verärgert und enttäuscht. Aber ganz gleich, was die Reaktion war es scheint klar zu sein, dass niemand, der einmal in Reichs Nähe kam, von ihm unberührt blieb.
Noch eine andere Seite muss hier erwähnt werden. Viele, die seinen Namen hören, reagieren noch immer mit »Oh, der Mann, der von Sexualität besessen ist« darauf, und sie lassen durchblicken, dass ein Wissenschaftler nicht ganz ernst zu nehmen sei, der an Sexualität interessiert ist. Für Reich war Sexualität mit Leben an sich gleichgestellt. Er hat oft gesagt, dass Sexualität eine der am meisten vernachlässigten Seiten des Lebens ist, niemand wage es, sie anzurühren oder zu erwähnen, selbst in der Wissenschaft und selbst nach Freud. Reich hat sie lange in den Mittelpunkt seiner wissenschaftlichen Forschung gestellt, weil er sie für einen der mächtigsten und einflussreichsten Aspekte des menschlichen Lebens hielt. Für viele Menschen schien er daher »besessen von Sexualität«. Jedes Mal, wenn ihn jemand wegen seiner Entdeckungen oder seiner Forschung auf anderen Gebieten anzugreifen versuchte, wurde seine Arbeit über die Sexualität mit hineingezogen; auch in anderem Zusammenhang benutzte man dieses Argument, um ihn irgendwie herabzusetzen. Die Besessenheit von Sexualität, von Pornographie war im Bewusstsein des Kritikers stets präsent. Reich verabscheute Pornographie, schmutzige Witze und alle Perversionen der Sexualität. Ich habe ihn niemals einen schmutzigen Witz erzählen hören. Sein Motto war: Liebe, Arbeit und Wissen sind die Quellen unseres Lebens; sie sollten es auch beherrschen. In seiner idealen Zukunftswelt sollten diese drei Seiten des Lebens so gleichmäßig verteilt sein, wie er sie in seinem eigenen Leben zu verwirklichen wünschte.
Wie sah Reich sich selber? Natürlich können wir das nur nach seinen Schriften und seinen Worten beurteilen. Ich glaube, dass er sich mehr als Naturwissenschaftler denn als Arzt sah. Er fühlte sich Hunderte von Jahren seiner Zeit voraus und hat oft gesagt, dass es ohne Bedeutung sei, wenn man ihm zu seinen Lebzeiten die Anerkennung versagte, denn er würde durch seine Arbeit erst in fünfhundert oder tausend Jahren bekannt werden. Er glaubte, dass seine Entdeckungen ihn an die Seite von Galileo Galilei und Giordano Bruno stellten, und er akzeptierte seine sehr realen Verfolgungen als unvermeidliches Schicksal eines jeden großen Entdeckers. Er sagte wiederholt, dass, wenn man sich mit explosivem Material wie der Lebensenergie beschäftigt, man auf explosive Reaktionen gefasst sein müsse.
In seinen späteren Jahren fing er zweifellos an, sich mehr und mehr mit Christus zu identifizieren, dessen wahre Botschaft, wie Reich glaubte, von seinen Jüngern entstellt worden war, und er fürchtete, das gleiche würde mit seiner Arbeit geschehen. Reich wusste, dass er allein war, dass niemand ihm in seinen Ideen wirklich folgen konnte, aber er fand es sehr schwer, die Tatsache zu akzeptieren, dass er wie er es formulierte »außerhalb der Falle« war. Ein Zitat von Isaac Newton, das Reich ans Ende seines Buches People in Trouble (Menschen im Staat) gesetzt hat, deutet an, wie er sich selbst sah:
Ich weiß nicht, wie ich der Welt erscheine, aber mir selbst scheine ich nur ein Knabe gewesen zu sein, der am Strand spielte, und ich zerstreute mich dann und wann, wenn ich einen glatten Kiesel oder eine hübschere Muschel als gewöhnlich fand, während der große Ozean der Wahrheit ganz unentdeckt vor mir lag.
Ich glaube, es ist noch zu früh für uns, eine Bewertung von Reichs eigenem Urteil über sich selbst zu versuchen, aber ich zweifle nicht daran, dass er ein großer Mann war und dass sein Einfluss sich in vielen Gebieten des heutigen Denkens und Schreibens bemerkbar macht.
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Die frühen Jahre
Wir wissen über Reichs frühe Kindheit nur, was er selbst seiner Familie und seinen Freunden erzählt hat, aber er hat nicht sehr viel oder sehr oft darüber gesprochen. Wir wissen, dass er am 24. März 1897 in Dobrzcynica geboren wurde, in jenem Teil Galiziens, der zu Österreich gehörte. Die Familie seines Vaters, wie er einmal sagte, zählte einen berühmten weisen Rabbi zu ihren Angehörigen, jedoch war sein Vater kein frommer, sondern bereits ein assimilierter Jude. Er sprach mit seiner Frau und seinen Kindern nur Deutsch, und die Kinder erhielten keine religiöse Erziehung. Reichs Mutter Cecilia Roniger stammte aus dem Teil Österreichs, der jetzt zu Rumänien gehört.
Bald nach Wilhelm Reichs Geburt übersiedelte die Familie nach dem ukrainischen Teil Österreichs, nach Jujinetz in der Bukowina. Angehörige Reichs bestätigten mir, dass die Familie wohlhabend und angesehen war, etwas eingebildet sogar; sie legte indes großen Wert auf deutsche Kultur. Es gab Onkel in beiden Zweigen der Familie, die als Abgeordnete im österreichischen Landtag saßen, andere waren in akademischen Berufen tätig. Das neue Gut in der Bukowina war ein großer Besitz, der mit der finanziellen Unterstützung von Verwandten gekauft worden war, aber schließlich Reichs Vater allein gehörte. Die Familie bestand zu dieser Zeit aus dem Vater, der Mutter und den Kindern Wilhelm und Robert, der drei Jahre jünger als Wilhelm war. Der Vater züchtete hauptsächlich Rinder auf seinem Gut und lieferte nach einem Vertrag mit der deutschen Regierung Fleisch an die Armee, was einmal eine Reise nach Berlin notwendig machte. Die Mutter begleitete ihn bei dieser Gelegenheit und kaufte ein Kleid in Berlin, was zusammen mit der Reise ein vielbesprochenes Ereignis in der Familie wurde.
Der Vater wird als ein ziemlich brutaler, jähzorniger Mann beschrieben, der den Feldarbeitern und seiner Familie gegenüber eine feudale Haltung einnahm; aber er liebte seine Frau und war sehr eifersüchtig, wenn andere Männer Interesse an ihr zeigten. Ihren Bildern nach zu urteilen, war die Mutter eine sehr anziehende Frau, aber sie scheint von ihrem Mann unterdrückt worden zu sein. Man erzählt von ihr, dass sie nicht sehr gebildet und intelligent, aber eine gute Hausfrau war. Ihre eigene Mutter, Großmutter Roniger, hat sie immer nur »das Schaf« genannt. Wir vermochten keine Spielkameraden aus Reichs Kindheit zu finden, mit denen wir über das Familienleben auf dem Gut hätten sprechen können. Reich hatte wiederholt gesagt, dass er sich sehr viel selbst überlassen war und wenig Spielgefährten hatte, da es ihm verboten war, mit den Bauernkindern oder den jiddisch sprechenden Kindern der paar jüdischen Familien im nächsten Dorf zu spielen. Mich hat immer wieder überrascht, dass Reich so wenig von seinem Bruder erzählte, obwohl die zwei Brüder sehr viel aufeinander angewiesen waren. Tatsächlich wussten einige seiner alten Freunde überhaupt nicht, dass er einen Bruder hatte, und sie waren erstaunt, als ich ihn erwähnte. Zwar ist sein Bruder mit sechsundzwanzig Jahren sehr früh gestorben, aber trotzdem bleibt Reichs Beziehung zu ihm ein rätselhafter Umstand seiner Kindheit. Ein Freund Reichs aus der Wiener Studentenzeit, der den Bruder kannte, beschreibt ihn als eine schwache Kopie von Reich. Die Photographie von Robert mit fünfundzwanzig Jahren, die ich gesehen habe, zeigt eine bestimmte Familienähnlichkeit, aber er scheint ein sanfterer Mensch als Reich gewesen zu sein. Gespräche mit Roberts Witwe enthüllten einige interessante Tatsachen über die Beziehung der zwei Brüder. Beide waren intelligent, und es scheint, dass sie von Anfang an im Wettstreit miteinander lagen. Wie Reich erzählte, hatte er sich als Kind eine Schwester und keinen Bruder gewünscht, und als man ihm die Geburt eines Bruders mitteilte, zeigte er keinerlei Interesse, sondern sagte vielmehr, dass man ihn sofort zurückschicken solle. Die Brüder scheinen ständig um die Liebe der Mutter gewetteifert zu haben, und jeder behauptete, der Liebling der alten Köchin Soscha gewesen zu sein, die immer nur seine Lieblingsspeisen gekocht habe. Selbst in späteren Jahren, wenn sie Kindheitserinnerungen austauschten, war das Element des Wettstreits stets vorhanden; jeder behauptete, der bessere Reiter oder der bessere Jäger gewesen zu sein. Reich muss ein ziemlich wilder Junge gewesen sein. Er liebte Pferde und lernte sehr früh reiten. Beide Brüder scheinen die Neigung des Vaters zu jähzornigen Ausbrüchen geerbt zu haben, und der eine hat oft auf einen solchen Ausbruch des anderen mit der Bemerkung reagiert: »Du benimmst dich genau wie Vater«, was fast einer Beleidigung gleichkam.
Sein ganzes Leben lang hat Reich seine Mutter vergöttert. In all den Jahren konnte keine Frau sich mit ihrer Kochkunst messen. Elsa Lindenberg, Reichs zweite Frau, erzählte mir, dass sie niemals imstande war, einen ebenso guten Apfelstrudel wie seine Mutter zu backen. Und ganz gleich, wie oft ich es versuchte ich konnte nie ein besonderes Kohlgericht so gut zubereiten wie seine Mutter. Einmal, als der Kohl leicht anbrannte, schien ich seinen Geschmack getroffen zu haben, aber seit dieser Zeit hege ich leichte Zweifel an Frau Reichs vollendeter Kochkunst.
Reichs Vater war ein eifriger Jäger und lehrte seinen Sohn früh, wie man mit einem Gewehr umgeht. Obgleich Reich in späteren Jahren die Jagd als Sport nicht ertragen konnte, hatte er immer große Freude am Scheibenschießen und an der Handhabung eines guten Gewehrs. Er besaß eine kleine Sammlung von Gewehren auf Orgonon in Maine und unterrichtete unseren Sohn Peter sehr früh in der Kunst, mit einem Gewehr umzugehen.
Reich sprach sehr wenig über seine Beziehung zu seinem Vater. Ich habe das Gefühl, dass es eine sehr widerspruchsvolle Beziehung war, denn zu verschiedenen Zeiten hat Reich anzudeuten versucht, dass er nicht wirklich der Sohn seines Vaters sei, dass seine Mutter vielleicht ein Verhältnis mit einem der ukrainischen Bauern hatte eine ziemlich unwahrscheinliche Geschichte zu jener Zeit und an jenem Ort. Schließlich ging er so weit, die noch unwahrscheinlichere Behauptung aufzustellen, dass er der Sohn seiner Mutter und eines Mannes aus dem Weltraum sei. Wie auch immer die Situation gewesen sein mag, der Vater war so besorgt um seinen Sohn, dass er ihn nach Wien zu einer ärztlichen Behandlung brachte, als der junge Willie einen ernsthaften Ausschlag am Ellbogen bekam, der auf die gewöhnliche Medizin des Dorfarztes nicht ansprach. Das Kind blieb sechs Wochen lang in einem Wiener Krankenhaus, aber trotz rechtzeitiger Diagnose und Behandlung hat Reich an diesem Hautausschlag sein ganzes Leben gelitten.
Wie Reich es selbst beschrieben hat, erhielt er seine Schulbildung zu Hause von Hauslehrern, die ihn auf den Besuch des Deutschen Gymnasiums in Czernowitz im Alter von vierzehn Jahren vorbereiteten. Vor diesem Ereignis jedoch erlitt er das schwerste Trauma seiner frühen Jahre durch den Tod der Mutter, die sich das Leben nahm. Ich habe den Eindruck, dass dieses Trauma sein Leben in sehr kritischer Weise beeinflusste.
Es scheint nach allem, was ich aus Gesprächen mit Reich, seiner Familie und einigen intimen Freunden entnehmen konnte, kein Zweifel daran zu bestehen, dass er eine Rolle am Tode seiner Mutter gespielt hat, indem er ihr Liebesverhältnis mit einem der Hauslehrer seinem Vater verriet. Die Tatsache, dass Reich nicht imstande war, dieses Problem zu lösen, ist vermutlich ein Grund dafür, warum er niemals erfolgreich seine eigene Analyse beenden konnte. Es gab gewisse Probleme, denen er nicht ins Auge sehen konnte.
Familienberichten zufolge war der Vater vom Tode der Mutter so erschüttert, dass nur der Gedanke an seine zwei Söhne ihn davon abhielt, sein eigenes Leben zu beenden. Er nahm eine hohe Lebensversicherung auf und zog sich bald darauf eine Lungenentzündung zu, indem er stundenlang in kaltem Wasser im Teich stand, während er zu fischen vorgab. Die Lungenentzündung entwickelte sich zu einer Tuberkulose, und er starb im Jahre 1914. (Die Lebensversicherung für seine Söhne wurde nie ausgezahlt. Reich entwickelte daher gegen jede Art von Lebensversicherung ein solches Misstrauen, dass er auch in seinem späteren Leben niemals eine Versicherung zum Schutz seiner eigenen Familie abschloss.)
Vor dem Tode seines Vaters lebte Reich als Pensionär bei einer Familie in Czernowitz, wo er das Gymnasium besuchte. Er verbrachte seine Ferien auf dem Gut und half seinem Vater bei der Arbeit. Nach dem Tode des Vaters übernahm Reich dessen Arbeit, während er gleichzeitig weiter aufs Gymnasium ging. Er machte sein Abitur 1915. Seit einem Jahr herrschte Krieg, und da seine Heimat ein Schlachtfeld geworden war, trat er in die österreichische Armee ein und rückte im Jahre 1916 zum Leutnant auf. Sein Bruder wurde nach Wien geschickt, wo er bei Verwandten lebte.
Reich sprach oft mit einem gewissen Heimweh von seinen Kindheitsjahren auf dem Gut. Er erinnerte sich besonders gern an die jungen, ukrainischen Mädchen, die seine Kindermädchen waren, an ihre Erdgebundenheit und an die Wärme, mit der sie ihn hätschelten und kosten. Er erinnerte sich an die Volkslieder, die sie oft sangen, und an die Volkstänze, an denen er manchmal teilnahm. Er erzählte von den großen Fischteichen, in denen Karpfen gezüchtet wurden, aber obwohl er gern frisch gefangene Süßwasserfische aß, hat er selber nie gefischt und betrachtete Fischen als einen grausamen Sport. Er hat oft gesagt, dass er dabei immer an einen großen, starken Riesen denken müsse, der ein saftiges Beefsteak vor der Nase eines Menschen herumtanzen lässt, nur um ihn dann schnell an einem scharfen Haken zu fangen, wenn er versucht, danach zu schnappen. Er erinnerte sich daran, wie er stundenlang über Felder ritt, um die Ernte zu überwachen; er erinnerte sich an den Duft der Felder und des frischgemähten Heus. Aber er ist niemals auf das Gut zurückgekehrt, nachdem er es verlassen hatte und in die Armee eingetreten war.
Es gibt einige Photographien in den Archiven, die Reich sich manchmal mit uns zusammen ansah. Sie zeigten ihn als schneidigen jungen Leutnant der österreichischen Armee. Er trug einen kleinen Schnurrbart und war, in der Tat, ein sehr gutaussehender junger Mann. Ich glaube, dass er im Allgemeinen seine militärische Zeit genossen hat. Er war von Natur aus kein Pazifist und schätzte es, die Verantwortung für eine Gruppe von Menschen zu übernehmen. Er stand in aktivem Dienst an der italienischen Front, und er erzählte manchmal, wie sie oft tagelang unter Granatfeuer lagen, wie sie aus der Deckung einer nach dem anderen herausschlüpften, um Nahrungsmittel und andere Sachen zu holen. Er erinnerte sich an die sehr hilfsbereiten italienischen Mädchen, die ihm oberflächliche Kenntnisse der italienischen Sprache beibrachten; und er machte jene unselige Episode, als er drei Tage lang in einem feuchten Graben lag, dafür verantwortlich, dass sein Hautausschlag erneut ausbrach und nie mehr vollkommen geheilt werden konnte.
Es hat ihm wahrscheinlich Spaß gemacht, die Leutnantsuniform zu tragen. Er erzählte uns, dass er immer Sporen trug, obgleich er bei der Infanterie war, und dass er während der seltenen Urlaube sehr gern in der Wiener Reitschule reiten ging.
Ich habe das Gefühl, dass zu dieser Zeit sein soziales Gewissen noch nicht besonders entwickelt war und dass er den Krieg einfach hinnahm, ohne sich viel um Recht oder Unrecht zu kümmern. Er war zu dieser Zeit keinesfalls ein Rebell.
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Wien: 1918-1930
Nachdem er Ende des Krieges 1918 nach Wien zurückgekehrt war, immatrikulierte Reich sich zuerst an der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Wiener Universität. Aber das trockene Studium befriedigte ihn nicht, und so wechselte er noch vor Ende des ersten Semesters zur medizinischen Fakultät über. Als Kriegsteilnehmer hatte er ein Anrecht darauf, sein Studium schneller als gewöhnliche Medizinstudenten zu absolvieren. Es gelang ihm, das sechsjährige Studium in vier Jahren zu beenden.
In diesen ersten Studienjahren teilte Reich eine kleine Wohnung mit seinem Bruder Robert und einem anderen Studenten Nach seiner Rückkehr aus dem Kriege hatten die Brüder beschlossen, dass Willie als Erster studieren sollte, während Robert arbeitete, um das Geld zu verdienen, das sie zu ihrem Unterhalt brauchten. Später würde dann Willie für Robert sorgen. Sie waren unsäglich arm und hungrig. Einer ihrer Freunde erinnerte sich daran, dass er einmal an ihrem Eisschrank einen Zettel fand, auf dem stand: »Willie, ich habe ein paar Kartoffeln übriggelassen, aber iss' nicht alles auf, lasse' etwas für Robert.«
Andere Studienkollegen erinnerten sich, dass er keine Zivilkleidung besaß und weiterhin seine Uniform und seinen Militärmantel zu den Vorlesungen trug. Die für das Studium notwendigen Instrumente und Bücher erhielt er von der Wiener Medizinischen Gesellschaft leihweise oder geschenkt. Eine seiner Studienkolleginnen und Freundinnen erzählte, dass sie immer eine doppelte Portion belegter Brote zum Mittagessen in die Uni mitbrachte, zum großen Erstaunen ihrer Mutter, die sich den Heißhunger ihrer schlanken Tochter nicht erklären konnte und ihn auf einen »Bandlwurm« zurückführte. Ein anderer Freund erinnerte sich, dass der Psychoanalytiker Dr. Paul Federn Reich oft zum Essen in sein Haus einlud, einmal, weil ihn die Unterhaltungen mit dem jungen Studenten erfreuten, zum anderen, weil er ihm auf diese Weise die nötige Nahrung zukommen lassen wollte. Nach dem ersten Semester jedoch gelang es Reich, damit etwas Geld zu verdienen, dass er anderen Studenten die Fächer einpaukte, die er selbst gerade abgeschlossen hatte.
Dieselbe Freundin, die ihn mit Butterbroten versorgte, berichtet auch, dass Reichs treibende Energie, seine schnelle Auffassungsgabe und die Erwartung, dass alle anderen genauso wie er seien, schon damals sehr offenkundig waren. Sie erinnert sich daran, dass sie in der Anatomie noch beim Sezieren eines Fingers war, während Reich bereits ein Gehirn sezierte, und wie ungeduldig er wurde, als sie den Einzelheiten seiner Arbeit nicht folgen konnte. Damals entdeckte er auch das Skilaufen, das er schnell meisterte, und er lud sie ein, mit ihm Skilaufen zu gehen. Aber da sie Anfängerin war und auf den unteren Hängen bleiben musste, ließ er sie dort allein und verschwand, ohne sich weiter um sie zu kümmern. Sie berichtet auch, dass er im Allgemeinen ein hervorragender Student war, führend in Studentendebatten, beliebt bei vielen, aber unbeliebt bei anderen wegen seiner Intelligenz.
Im Jahre 1919 lud ihn ein Studiengenosse ein, mit ihm zu einer Vorlesung über Psychoanalyse zu gehen. Dieses Thema machte einen solchen Eindruck auf ihn, dass er sich bald danach entschied, sein Leben der Psychiatrie zu widmen. Er zeigte so viel Energie und Interesse für die damals noch ziemlich neuen und revolutionären Ideen der Psychoanalyse, dass man ihm noch als medizinischem Studenten erlaubte, der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft beizutreten, eine ziemlich ungewöhnliche Auszeichnung. Die erste Arbeit, die er unter dem Einfluss psychoanalytischen Denkens schrieb, war »Ibsens ›Peer Gynt‹, Libidokonflikte und Wahngebilde«. Sie wurde nie veröffentlicht, aber Reich hat sie gelegentlich in Unterhaltungen erwähnt.
Reich erhielt sein medizinisches Doktorat von der Wiener Universität im Jahre 1922 und setzte seine psychiatrische Ausbildung in den nächsten Jahren unter Professor Wagner-Jauregg und Professor Paul Schilder fort. Wenn er in späteren Jahren über sein Studium an der Universität sprach, erinnerte er sich mit besonderer Vorliebe an die Biologievorlesungen von Professor Paul Kammerer, auf den er sein bleibendes Interesse an der Biologie zurückführte. Wenn ich mich recht erinnere, pflegte er zu sagen, dass die einzigen Fächer des Medizinstudiums, die er nicht leiden konnte, die Gerichtsmedizin und die Arzneiwissenschaft waren.
Eine andere Sphäre, die er in diesen ersten Jahren des Studiums entdeckte, war die Welt der Musik. Er wurde Mitglied des Schönberg-Vereins. Reich hatte als Kind Klavierstunden erhalten und spielte, wie Annie Reich berichtete, auch Cello, ehe sie ihn traf. Seine Freundschaft mit Rudolf Kolisch, dem bekannten Geiger und Schwager von Schönberg, geht auf diese Tage zurück und wurde später in den Vereinigten Staaten erneuert. In späteren Jahren hat Reich sehr gern Klavier gespielt und in den letzten Jahren auch Orgel. Sein Musikgeschmack war ziemlich konservativ. Er liebte Beethoven über alles, besonders die Symphonien; er hörte gern Mozart und Haydn und die meisten romantischen Komponisten, aber er zeigte wenig Interesse an Bach und der Barockmusik. Eine seiner Lieblingskompositionen war die Rhapsodie von Brahms, gesungen von Marian Anderson, aber im Allgemeinen fand er die Musik von Brahms zu germanisch, zu professoral. Ich erinnere mich an die endlosen und fruchtlosen Debatten mit seinem Freund und Mitarbeiter Dr. Theodor Wolfe in New York in den vierziger Jahren. Sie diskutierten über die besonderen Vorzüge von Beethoven und Bach, und keiner war je imstande, den anderen von der Überlegenheit seines musikalischen Helden zu überzeugen.
Als wir im Jahre 1941 in ein größeres Haus in Forest Hills umzogen, gelang es Reich, einen sehr guten, gebrauchten Steinway-Flügel zu finden, auf dem er oft zu spielen pflegte, meistens seine eigenen Phantasien, die angenehm anzuhören, ziemlich sentimental und romantisch, aber etwas abgedroschen waren. Später, als wir auf Orgonon wohnten, kaufte er eine kleine Orgel, auf der er seine eigenen Kompositionen spielte. In den ersten Jahren, die wir im Sommer in Maine verbrachten, pflegte er Ziehharmonika als Ersatz für sein geliebtes Klavier zu spielen. Er war als Komponist und Musiker eher ein Dilettant, wie auch in seinen anderen Versuchen in den verschiedenen Künsten, aber ich glaube, dass er große Dinge hätte schaffen können, wenn er sich beruflich auf eine der Künste konzentriert hätte. Er träumte oft davon, ein berühmter Dirigent zu sein, und war ein großer Bewunderer von Bruno Walter.
Um auf die Wiener Zeit zurückzukommen: Nach den Berichten von Studienkollegen an der medizinischen Fakultät war Annie Pink eine der anziehendsten, intelligentesten und begehrtesten Studentinnen der Wiener Universität. Wie nicht anders zu erwarten, gewann Reich, einer der hervorragendsten Studenten, den Wettbewerb um ihre Gunst. Er heiratete Annie im Jahre 1921. Beide setzten ihr Medizinstudium fort. Reich hatte angefangen, mit seiner psychoanalytischen Praxis einen recht guten Lebensunterhalt zu verdienen, und Annies Vater unterstützte sie mit Studiengeldern. Sie wurde gleichfalls Psychoanalytikerin, und es war unausbleiblich, dass sie von Reich in die sozialistische Bewegung hineingezogen wurde. Damals wie später gab es für ihn keine persönliche Beziehung, wenn man seine beruflichen und sozialen Interessen und Überzeugungen nicht teilte.
Es war unumgänglich, dass die sehr aktiven Studentengruppen an der Universität und die stark geladene politische Atmosphäre in jener Zeit Reich neue und erregende Horizonte öffneten. Jedoch waren die Probleme der psychoanalytischen Theorie und Praxis in den Jahren zwischen 1920 und 1924 brennender für ihn, und sein Interesse an Bioenergie stand weiterhin im Vordergrund.
Reich hat immer behauptet, dass ein roter Faden der Logik ihn von einer Stufe zur nächsten führte. Die Tatsache, dass er die Grenzen der verschiedenen Disziplinen überschritt, war nicht erstaunlich, wenn man bedenkt, dass sein Hauptinteresse von Anfang an immer der Begriff der Energie war.
So wie ich es verstehe, war er von Freuds Libidotheorie fasziniert und suchte nach der biologischen Grundlage dieses theoretischen Konzepts der sexuellen Triebe. Diese Suche führte ihn zur Entdeckung der bioenergetischen Funktionen, zur Entwicklung der Orgasmustheorie und zur Entdeckung dessen, was er die Lebensenergie oder Orgonenergie nannte, die er dann in ihren verschiedenen Manifestationen verfolgte, sein ganzes Leben lang, im Menschen, in der Natur, in der Atmosphäre und schließlich im Weltraum. Er sprach davon, dass wir in einem endlosen Ozean aus Orgonenergie leben, von dem alle lebende Natur ihre sie erhaltende Energie bezieht.
Durch seinen großen Enthusiasmus und seine Leistungsfähigkeit wurde Reich ein wertvolles Mitglied der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft. Sein erster Beitrag in einer Sitzung am 14. Dezember 1921 war ein Vortrag über den Konversionshysterischen Symptomenkomplex. Ich kann mich nicht erinnern, ob es bei dieser Gelegenheit war, dass Freud Reich den Rat gab, niemals wieder einen Vortrag zu verlesen. Er verglich einen Vortragenden, der seine Arbeit abliest, mit einem Lokomotivführer, der seinen Zug mit größter Geschwindigkeit fahren lässt, während die Fahrgäste hinterherlaufen und versuchen, ihn einzuholen. Reich folgte Freuds Rat getreulich, und ich glaube, dass er nie wieder einen Vortrag abgelesen hat, obwohl er immer gut für alle Vorlesungen oder Seminare vorbereitet war.
Seit dieser Zeit blieb Reich ein regelmäßiger Teilnehmer der Sitzungen der Psychoanalytischen Gesellschaft und ein Mitarbeiter an der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse. Seine erste größere Arbeit über sein Hauptthema wurde jedoch im Jahre 1923 in der Zeitschrift für Sexualwissenschaft unter dem Titel »Zur Triebenergetik« veröffentlicht.
Trotz seiner Hauptbeschäftigung mit wissenschaftlichen Problemen musste die aufregende politische Stimmung jener Zeiten einen tiefen Eindruck auf ihn machen. Der Einfluss der Russischen Revolution auf die besonders aktiven österreichischen Sozialisten, die vielen hochbegabten Intellektuellen, die überall über Marxismus schrieben und diskutierten, konnten den aktiven und forschenden Geist Reichs nicht unberührt lassen. Er begann mit der ihm gewohnten Gründlichkeit, Marx und die marxistische Philosophie zu studieren. Er trat auch in die Sozialistische Partei Österreichs ein.
Reichs Arbeit in der Psychoanalytischen Poliklinik von Freud in den zwanziger Jahren brachte ihn in engere Beziehung zu der Arbeiterklasse; er begann im Jahre 1924 sein Studium über die sozialen Ursachen der Geisteskrankheiten. Dieses Studium führte ihn zu Versuchen, Freuds und Marx' Lehre in Einklang miteinander zu bringen. Diese Versuche wurden später sowohl von Marxisten als auch von Anhängern Freuds zurückgewiesen. Mit dem ihm eigenen Enthusiasmus stellte er einige ziemlich übereilte und naive Postulate über die psychische und sexuelle Hygiene des Proletariats auf, die er später korrigieren musste.
Im Jahre 1922 hatte Freud in Wien die Psychoanalytische Poliklinik gegründet, in der Reich Erster Klinischer Assistent wurde, eine Stellung, die er bis zum Jahre 1928 behielt, als er zum Vizedirektor ernannt wurde. Er blieb Vizedirektor bis 1930, bis zu dem Zeitpunkt also, da er Wien verließ. Zur selben Zeit, zwischen 1924 und 1930, war Reich Direktor des Seminars für Psychoanalytische Therapie, dem Ausbildungsinstitut für Psychoanalytiker. Viele amerikanische Analytiker, die nach Wien zur Ausbildung kamen, nahmen nicht nur an Reichs Seminaren teil, sondern es war ihnen wie der Psychoanalytiker Dr. Walter Briehl in Psychoanalytic Pioneers 1966 berichtete von ihren amerikanischen Ausbildungsanalytikern und von Ferenczi geraten worden, sich bei Reich auch persönlich analysieren zu lassen.
Reich machte seine erste eigene Analyse bei Dr. Isidore Sadger. Diese Analyse wie auch alle folgenden wurde von Reich vorzeitig abgebrochen. Der Grund für den Fehlschlag aller Versuche Reichs, eine persönliche Analyse bis zum Ende durchzuführen, muss, wenn überhaupt, erst in der Zukunft entdeckt werden, und dann von jemandem, der in Tiefenpsychologie ausgebildet ist.
Reichs Hauptbeiträge zur psychoanalytischen Theorie und Praxis der zwanziger Jahre waren erstens die Entwicklung seiner Orgasmustheorie, die mit seinem Artikel »Über Genitalität« im Jahre 1923 begann und mit Vorlesungen und Seminaren über die Orgasmustheorie bis 1926 fortgesetzt wurde. Reich schuf mit dieser Theorie eine biologische und wissenschaftliche Grundlage für die psychoanalytische Theorie. Sein zweiter Beitrag gehört in den Bereich der psychoanalytischen Praxis. In der Entwicklung der Charakteranalyse entfernte sich Reich mehr und mehr von der passiven Rolle des Therapeuten als Interpret des von dem Patienten angebotenen Materials. Er schritt zu einer aktiveren Therapie fort, die den Charakter des Patienten einschloss, seine charakterologisch begründete Art des Reagierens, sein gesamtes Verhalten einschließlich der muskulären Ausdrücke und Haltungen, was Reich später den »muskulären Panzer« seines Patienten nannte. Die erste Arbeit über diese neuen, aktiveren Konzepte der psychoanalytischen Praxis wurde 1928 in der Internationalen Zeitschrift für Psychoanalyse unter dem Titel »Über Charakteranalyse« veröffentlicht. Sie war ein Vorläufer des Buches Charakteranalyse, das im Jahre 1933 erschien. Analytiker, die in jenen Jahren an Reichs Seminaren in Wien teilnahmen, haben sie als einen der anregendsten und provozierendsten Abschnitte ihrer Ausbildung in Erinnerung behalten. Reichs Vitalität und sein Enthusiasmus übertrugen sich auf die ganze Gruppe; niemand konnte sich seinem Einfluss entziehen. Die Charakteranalyse, so wie sie damals gelehrt wurde, ist für viele Psychoanalytiker ein untrennbarer Bestandteil ihres Berufes geworden.
Eines von Reichs vielen Talenten war seine schauspielerische Begabung. Er erzählte, dass er die verschiedenen Arten von Geisteskrankheiten oder typische neurotische Gesichtsausdrücke und Körperhaltungen nachahmte, um auf diese Weise seinen Studenten einen Punkt klarer zu machen. Und dies gelang ihm immer.
Sein Familienleben war zu dieser Zeit sehr geordnet. Seine Tochter Eva wurde 1924 geboren, und er zog mit seiner Familie in eine größere Wohnung, die er, nach Berichten von Freunden, mit sehr feinen und eleganten Möbeln und mit sehr viel Geschmack einrichtete. Annie Reich erinnert sich, dass ihr Leben im Großen und Ganzen sich nicht sehr viel von dem ihrer Freunde und Kollegen unterschied, mit denen sie beruflich und gesellschaftlich hauptsächlich verkehrten.
Ich habe etwas früher die Widersprüche in Reichs Persönlichkeit erwähnt, aber erst hier, wo ich über Reichs persönliche Umstände berichte, kommt mir solch ein Widerspruch in Bezug auf seine Haltung in Geldangelegenheiten in den Sinn.
Reich konnte überaus großzügig sein. Es machte ihm Freude, schöne Sachen zu schenken, wann immer es ihm einfiel, und er liebte schöne Dinge in seiner Umgebung das Beste und Geschmackvollste in Kleidung, Einrichtung und selbstverständlich Instrumenten und Werkzeugen. Aber er konnte andererseits ein absoluter Geizhals sein, besonders wenn es um tägliche Haushaltsausgaben ging. Er war bereit, eine Menge Geld für die Wohnungseinrichtung auszugeben, aber er wurde böse, wenn Annie Geld benötigte, um Wintermäntel für die Familie zu kaufen. Sie erinnert sich daran, dass ihr Vater sie nicht nur mit den Studiengeldern unterstützte, sondern auch oft andere finanzielle Hilfe gewähren musste. Auch ich erinnere mich an Szenen wegen der sehr bescheidenen Summe, die Reich zum medizinischen Studium seiner Tochter Eva beizutragen bereit war. Meine Freunde waren immer erstaunt über die geringen Mittel, die Reich mir für den Haushalt bewilligte, eine Summe, zu der ich immer von meinem eigenen Gehalt beitragen musste, um überhaupt auszukommen und um nach unserer Trennung für den Unterhalt unseres Sohnes Peter zu sorgen. Reich bestand darauf, mir eine Zulage von zehn Dollar für das wöchentliche Haushaltsgeld zu verweigern, um mir dann eine Woche später einen besonders eleganten und außerordentlich teuren Lederkoffer zum Geburtstag zu schenken, den ich eigentlich gar nicht brauchte. Wir hatten einmal großen Streit, als ich ihn um elf Dollar bat, um einen Dampfkochtopf zu kaufen, der meine Hausarbeit erleichtern würde, während er in derselben Woche zweitausend Dollar für ein Mikroskop ausgab. Seine Einstellung zu Geld wurde oft in Interviews von Freunden und Mitarbeitern erwähnt, und sie spielte zweifellos eine wenn auch geringe Rolle in seinen Beziehungen zu anderen und zu mir.
Seine Haltung in Geldangelegenheiten war auch einer der Gründe, warum er mit seinen Verwandten in Wien kurz nach seiner Rückkehr aus der Armee vollkommen brach. Er warf ihnen vor, nicht genügend für seinen Bruder gesorgt zu haben, so dass sich dieser später eine Tuberkulose zuzog, die schließlich zu seinem frühen Tode führte. Sein Bruder war zu mütterlichen Verwandten in Rumänien gezogen und hatte dort sehr jung geheiratet. Er kam 1925 mit Frau und Kind nach Wien zurück, schwer krank und bettelarm. Einem Bericht nach hat Reich seinen Bruder zu dieser Zeit unterstützt und für gute ärztliche Behandlung gesorgt. Aus einer anderen Quelle geht hervor, dass er nicht nur dem Bruder nicht half, sondern sich auch absolut geweigert hat, später der Witwe und dem Kind in irgendeiner Weise beizustehen. Wahrscheinlich ist an beiden Versionen etwas Wahres dran, denn in Geldsachen waren Reichs Reaktionen nicht vorauszusehen. Es scheint jedoch sicher zu sein, dass er zusammen mit anderen Verwandten zum Unterhalt seines Bruders, seiner Schwägerin und seiner Nichte bis zum Tode des Bruders im Jahre 1926 beitrug, aber dass er später nur noch gelegentlich der Witwe half. Er brach schließlich jede Verbindung mit ihr ab.
Seine Einstellung hinsichtlich finanzieller Unterstützungen war in den späten zwanziger Jahren stark von seinem militanten Sozialismus beeinflusst. Jeder musste arbeiten, um sich selbst zu erhalten. Bürgerliches Parasitentum war für ihn verächtlich. Nach der großen finanziellen Krise im Jahre 1929 wurde er von Verwandten ersucht, eine ziemlich bescheidene Summe monatlich zur Unterstützung seiner Großmutter beizusteuern. Sie hatte ihr gesamtes Einkommen aus Dividenden, von denen sie bis dahin hatte gut leben können, verloren. Man berichtete mir, dass er jede Hilfe mit der Rechtfertigung verweigerte, dass Großmutter ihr ganzes Leben nie gearbeitet und nur von der Arbeit anderer gelebt hätte, so dass es nur gerecht sei, wenn sie jetzt ins Armenhaus gehen müsse. Er wäre andererseits gern bereit, die alte Köchin Soscha zu unterstützen, sollte sie einmal Hilfe benötigen.
Reich hatte große Freude an seiner Tochter Eva, und es besteht kein Zweifel daran, dass seine Erstgeborene immer sein Lieblingskind war. Den Begriff der Selbstregulation, der später eine so bedeutende Rolle in seiner Arbeit spielte, gab es damals noch nicht, und das Baby wurde nach einem sehr strengen Ernährungsplan aufgezogen eine Tatsache, die Reich später bedauerte.
Freud hielt Reich in seiner frühen Tätigkeit in der psychoanalytischen Bewegung für einen seiner brillantesten Assistenten. Er war ein »bevorzugter Sohn« und hatte freien Zutritt zu Freuds Haus. Er konnte dorthin gehen, um Probleme mit Freud zu besprechen, wann immer dies notwendig schien. Damals nahm Freud Reichs Beharren auf der sexuellen Grundlage jeder Neurose als Reichs »Steckenpferd« hin, wie er es in einem seiner Briefe an Lou Andreas-Salomé beschrieben hat.
Reich hatte niemals seine Bewunderung für Freuds Leistungen verloren, auch nicht nach seiner Trennung von der Psychoanalyse. Er hat die Verpflichtung, die er Freuds Lebenswerk schuldete, stets betont. Seine persönliche Anhänglichkeit an Freud währte sein ganzes Leben lang, selbst nach Freuds ablehnender Haltung ihm gegenüber. Eines von Reichs hochgeschätzten Besitztümern, das noch heute in seiner Bibliothek hängt, ist eine Photographie Freuds mit der persönlichen Widmung: »Herrn Dr. Wilh. Reich zur freundlichen Erinnerung an Sigm. Freud. März 1925.«
Anfang 1927 geriet Reich in einen schweren Konflikt mit Freud. Es ist schwierig, die richtigen Schlussfolgerungen aus diesem so wichtigen Geschehen zu ziehen. Freunde, Gegner, Familie, Biographen von Freud, Reichs eigene Schilderungen alle kommen zu verschiedenen Auslegungen.
Einige behaupten, dass Reichs politisches Engagement, seine Versuche, die Psychoanalyse marxistisch zu interpretieren, den Anstoß zu diesem Konflikt gegeben habe, obwohl Reich sich politischen Bewegungen erst 1928 anschloss. Andere scheinen zu denken, dass Reichs Beharren auf der sexuellen Grundlage jeder Neurose Freud immer unbequemer wurde. Annie Reich behauptet, dass Freuds Weigerung, Reich in persönliche Analyse zu nehmen, der Grund für den ernsthaften Bruch war. Anfangs schien durchaus noch die Möglichkeit zu bestehen, dass Freud ihn akzeptieren würde, aber Freud entschied später, dass er seine eigene Regel, niemanden aus seinem Wiener Kreis für eine persönliche Analyse anzunehmen, nicht verletzen wollte oder konnte. Reich selber schrieb den Bruch theoretischen Meinungsverschiedenheiten zu, insbesondere solchen, welche die sozialen Implikationen der Psychoanalyse und Versuche anderer Analytiker, unter ihnen Dr. Paul Federn, betrafen, ihn bei Freud aus beruflicher Eifersucht heraus in Misskredit zu bringen.
Es scheint kein Zweifel daran zu bestehen, dass einige Wiener Analytiker versuchten, Reichs theoretischen Einfluss auf die jüngere Generation von Analytikern zu untergraben. Und es besteht gleichfalls kein Zweifel, dass die theoretischen Unterschiede zwischen Freud und Reich schärfer wurden. Aber von meinem eigenen Verständnis der Person Reichs ausgehend und nach den Beobachtungen zu urteilen, die ich über Reichs Reaktionen in ähnlichen Situationen machen konnte, neige ich eher dazu, Annie Reichs Version des Konflikts zu akzeptieren. Wie ich es sehe: Freud war für Reich ein Vaterersatz geworden. Die Zurückweisung, als welche Reich sie empfand, war für ihn unerträglich. Reich reagierte auf diese Zurückweisung mit einer schweren Depression.
Fast zur gleichen Zeit erkrankte Reich an einer Lungentuberkulose und musste mehrere Monate in einem Schweizer Sanatorium in Davos zubringen. Ob diese Krankheit psychosomatisch mit dieser Aufregung in Zusammenhang stand, ist unbekannt. Reichs Vater und Bruder sind beide an dieser Krankheit gestorben.
Reich verbrachte die Monate in Davos nicht in Untätigkeit. Er schrieb verschiedene Kritiken und Artikel für die Internationale Zeitschrift für Psychoanalyse und blieb mit der Arbeit in der Klinik und dem Seminar in Verbindung. Er beendete sein Buch Die Funktion des Orgasmus, das im Jahre 1927 im Internationalen Psychoanalytischen Verlag erschien. Ich will versuchen, hier kurz und in einfacher Terminologie die Hauptpunkte dieser wichtigen Stufe in der Entwicklung von Reichs Werk am Beispiel des Energiebegriffs und seiner Funktion im menschlichen Körper wiederzugeben. Reichs Theorie beinhaltet, dass sexuelle Energie im Körper aufgebaut wird und dass diese Energie für den Ausgleich des Energiehaushalts die Auflösung durch den Orgasmus benötigt, an dem der gesamte Körper teilnimmt. Wenn die natürliche Auflösung der Energie aus irgendeinem Grunde verhindert wird, setzt eine Energiestockung ein, die ihrerseits zum Auftreten aller Arten neurotischer Mechanismen führt. Die Auflösung der gestauten Energie durch die Wiederherstellung der Funktion des Orgasmus sei das therapeutische Ziel, denn sie würde die natürliche Strömung der Energie wieder in Gang setzen und damit die Neurose beseitigen.
Annie Reich und andere Psychoanalytiker glauben, dass ein »zersetzender Prozess« in Reich während seines Aufenthaltes im Sanatorium begann, dass er nach seiner Rückkehr ein veränderter Mensch war und neue Einsichten in seine eigenen Probleme gefunden haben müsse, die ihn beunruhigten. Diese Ansicht wird immer wieder von jenen geteilt, die Reichs Theorien damals oder später angegriffen haben. Ich glaube, dass diese Ansicht im Allgemeinen falsch ist und besonders von Seiten Annie Reichs eine Rationalisierung ihrer persönlichen Schwierigkeiten im Zusammenleben mit Reich darstellt, denn er war ein ungewöhnlicher Mensch mit ungewöhnlicher Energie. Reich hatte eine so treibende Kraft, dass es für jeden schwer war, ihm zu folgen oder mit ihm eine Zeitlang zu leben. Er war von jähzornigem Temperament und belastete die Menschen um ihn herum aufs Äußerste, aber es war gleichzeitig außerordentlich anregend, mit ihm zusammen zu sein, und man fühlte sich besonders bevorzugt, an seinem Enthusiasmus teilnehmen und seine Einsichten teilen zu dürfen.
Ich habe Reich 1939 kennengelernt, und bis 1951 hatte ich nicht das Gefühl, dass ein »zersetzender Prozess« vor sich ging, obgleich unser Zusammenleben nicht immer glatt verlief. Er hatte zu dieser Zeit sehr reale und unglaubliche Verfolgungen hinter sich. Er war aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung ausgeschlossen worden; er wurde wiederholt zur Auswanderung getrieben von Kollegen, für die er durch seine politischen Verbindungen, oder von politischen Organisationen, denen er durch seine Arbeit an der Sexualität unbequem geworden war; er hatte die unerfreuliche norwegische Zeitungskampagne ertragen müssen ich werde versuchen, alle diese Geschehnisse im Zusammenhang ausführlicher zu beschreiben.
Während dieser Jahre wurde Reich gegen viele Menschen misstrauisch, oft mit Recht. Aber trotz allem gelang es ihm, sowohl in Skandinavien als auch in den Vereinigten Staaten eine Gruppe ernsthafter und gut ausgebildeter Ärzte und Psychologen um sich zu versammeln, gut funktionierende Organisationen aufzubauen und seine Arbeit mit unverminderter Energie und Kraft weiterzuführen.
Ich habe mit vielen seiner früheren Freunde, Kollegen und Mitarbeiter in Skandinavien gesprochen. Einige von ihnen haben sich von Reichs späterer Arbeit in Orgonomie abgesondert; manche vertreten andere Ansichten über gewisse Aspekte seiner Psychotherapie; andere wieder mögen enttäuscht gewesen sein von seiner persönlichen Einstellung zu ihnen aber jeder einzelne war sich der Größe dieses Menschen bewusst, und keiner von ihnen zweifelte an seiner geistigen Gesundheit. Wenn irgendwelche Anzeichen von Größenwahn oder Verfolgungswahn sichtbar wurden, so wäre er der erste gewesen, sie zu erkennen und sich über sie lustig zu machen. Und wenn er solche Tendenzen nach seinem schweren Herzanfall 1951 entwickelte, nachdem die sehr realen Angriffe auf seine Arbeit an Stärke und Bösartigkeit zugenommen hatten, so tut das seinen Leistungen nicht den geringsten Abbruch. Reichs wissenschaftliche Theorien und Beiträge können nur wissenschaftlich bewertet werden.
Reich kehrte nach Wien im frühen Sommer 1927 zurück, nachdem er sich von seiner Tuberkulose schnell erholt hatte. Mit gewohnter Kraft und Energie übernahm er wieder seine Funktionen und seine Praxis. Zu dieser Zeit wurde sein politisches Leben besonders aktiv. Nach seiner Enttäuschung mit den österreichischen Sozialisten, denen er 1927 Verrat an die Parteibonzen vorwarf, trat er 1928 in die Kommunistische Partei ein. Trotz der großen Anforderungen, die seine Arbeit in der Poliklinik, in dem Ausbildungsseminar, in seiner blühenden Privatpraxis an ihn stellte, und trotz der sehr intensiven theoretischen Arbeit wurde er ein sehr aktives Parteimitglied. Er nahm an Demonstrationen teil, half bei der Verteilung von Flugblättern und sprach in Versammlungen und zu Jugendgruppen, meistens über Probleme der Mentalhygiene. In seinem Buch Menschen im Staat schreibt er über die unglaubliche Naivität, mit der er damals glaubte, dass die Kraft der revolutionären Hingabe politische Gegner überwinden könnte. Er spricht über den Grund seiner aktiven Teilnahme, über sein Bedürfnis, die Arbeiterklasse und die Reaktion der Massen auf Zwänge und politische Situationen zu verstehen. In diesem Buch sieht er sich selbst im Rückblick als einen unpolitischen Teilhaber, ausschließlich als Arzt, der an den mentalhygienischen Problemen des Proletariats interessiert war. Er hat in späteren Jahren immer behauptet, dass er nie ein politisch tätiger Mensch gewesen sei. Es stimmt, dass er nie ein politisches Amt bekleidet hat, aber es ist klar, wenn man die Berichte über seine Tätigkeit liest und wenn man mit Menschen spricht, die mit ihm zu dieser Zeit zusammen waren, dass er politisch sicher sehr engagiert war, auch wenn seine Tätigkeit sich hauptsächlich auf das mentalhygienische Gebiet dieser Bewegungen und Organisationen ausdehnte.
Reich erkannte früher als viele seiner Zeitgenossen die brennende Notwendigkeit für sexualhygienische Kliniken. Mit vier psychoanalytischen Kollegen und drei Frauenärzten gründete er die Sozialistische Gesellschaft für Sexualberatung und Sexualforschung. Im Januar 1929 eröffneten sie die ersten Sexualberatungskliniken für Arbeiter und Angestellte, die unentgeltlich Auskunft über Geburtenregelung, Kleinkindererziehung und sexuelle Aufklärung für Kinder und Jugendliche gaben und in denen öffentliche Vorlesungen und Diskussionen stattfanden. Reich widmete sich diesen Kliniken zwei Jahre lang, bis er 1930 beschloss, Wien zu verlassen und nach Berlin zu ziehen, wo er Anstalten getroffen hatte, sich einer persönlichen Analyse bei Dr. Sandor Rado zu unterziehen.
Seine zweite Tochter Lore wurde 1928 geboren. Reich und seine Frau waren aktiv in der psychoanalytischen Organisation tätig; ihr gesellschaftliches Leben spielte sich im Kreise anderer Kollegen und ihrer Familien ab. Annie nahm in einem gewissen Ausmaß an seiner politischen Arbeit teil, aber ich vermute, dies war mehr darauf zurückzuführen, dass man Reichs Leben nur teilen konnte, wenn man auch seine Interessen vollkommen teilte, als auf ihr eigenes Interesse an diesen Problemen. Die Sommerferien verbrachten die Reichs mit den Kindern und mit Freunden in den österreichischen Alpen. Reich liebte das Bergsteigen; in den Archiven liegen Photographien von den Kindern mit ihren Eltern in den Bergen, andere zeigen Reich als stolzen Bezwinger von Alpengipfeln.
In den Jahren zwischen 1928 und 1930 richteten sich Reichs Bemühungen zu einem großen Teil darauf, die marxistische Theorie und die Psychoanalyse in Einklang miteinander zu bringen. Diese Bemühungen gipfelten in dem Buch Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse, das zuerst 1929 in der Moskauer Zeitschrift Pod Swaminjen Marxisma, No. 718, veröffentlicht wurde. Ein Auszug daraus erschien 1930 in Wien im Almanach der Psychoanalyse unter dem Titel »Die Dialektik im Seelischen«. Das Buch wurde schließlich vom Sexpol-Verlag in Dänemark 1934 wieder aufgelegt.
Der Muensterverlag in Wien veröffentlichte zwischen 1929 und 1930 zwei kurze Druckschriften, die Reich mehr oder weniger für diejenigen geschrieben hatte, die die Sexualberatungskliniken besuchten. Sie beruhten auf seinen Erfahrungen und Beobachtungen in den Kliniken und erschienen unter dem Titel Sexualerregung und Sexualbefriedigung beziehungsweise Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral. Die letztere Arbeit wurde in das Buch Die Sexualität im Kulturkampf aufgenommen, das später im Jahre 1936 erschien. Diese Schriften waren vom Standpunkt eines militanten Kommunisten aus geschrieben und sehr kritisch gegenüber der bürgerlichen Moral und ihren Gesetzen; aber abgesehen von dem politischen Vorurteil enthalten sie korrekte Einsichten in Probleme der Sexualhygiene und der sexuellen Einstellungen der Bevölkerung im Allgemeinen.
Die aufregenden Entwicklungen auf dem Gebiet der Mentalhygiene zwischen 1917 und 1927 in Sowjetrussland, wie zum Beispiel die liberale Gesetzgebung in Bezug auf Ehe, Scheidung, Abtreibung, Homosexualität, Geburtenregelung, die neuen Einsichten in Kindheitsentwicklung, Kleinkindererziehung, Jugendkriminalität, die Erziehungsversuche von Pädagogen wie Vera Schmidt, über die auf internationalen Kongressen und in Zeitschriften berichtet wurde, all das erregte Reichs Neugierde, und er beschloss nach Russland zu fahren, um mit eigenen Augen zu sehen, was in diesem Lande vor sich ging. Er arrangierte mit russischen Kollegen eine Vorlesungsreise und die Möglichkeit, einige der experimentellen Kinder- und Säuglingsheime zu besuchen. Im September 1929 machte er eine kurze Reise nach Moskau. Er hielt eine Vorlesung über »Soziologie und Psychologie« an der Kommunistischen Akademie in Moskau, eine andere über »Neurosenverhütung« am Neuropsychiatrischen Institut. Er traf Vera Schmidt und andere Pädagogen, mit denen er lange diskutierte, und er besuchte eine Anzahl von Kindergärten und Kinderheimen. Aber er fand dort nicht jenes volle Verständnis für seine Ideen, das er erwartet hatte. Obwohl ihn die technischen Einrichtungen dieser Zentren beeindruckten, spürte er, dass viele Ärzte und Pädagogen, die er beobachtet und mit denen er gesprochen hatte, dieselben »bürgerlichen« Moraleinstellungen gegenüber der kindlichen Sexualität hatten wie seine Kollegen in den kapitalistischen Ländern. Er schrieb über seine Enttäuschung, nachdem alle oder die meisten liberalen Gesetze in der Sowjetunion wieder umgestoßen worden waren, im zweiten Teil der im Jahre 1945 erschienenen Ausgabe von Die Sexualität im Kulturkampf unter dem Titel: »Der Kampf um das ›Neue Leben‹ in der Sowjetunion«.
Nach seiner Rückkehr aus Russland arbeitete Reich noch ein Jahr in seiner Wiener Privatpraxis, in enger Verbundenheit mit der psychoanalytischen Bewegung, und war aktiv in den Sexualberatungskliniken tätig. Im Herbst 1930 zog er nach Berlin.
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Berlin: 1930-1933
Reichs politische Tätigkeit wurde für die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft immer unbequemer und führte notwendigerweise zu weiteren persönlichen Konflikten. Er fühlte, dass eine persönliche Analyse unumgänglich notwendig wurde, und auf Anraten Freuds und einiger anderer Kollegen beschloss er, nach Berlin zu gehen, wo der Psychoanalytiker Rado zugestimmt hatte, ihn für eine Analyse anzunehmen. So zog Reich Ende September 1930 nach Berlin.
Annie Reich hat Rado dafür kritisiert, dass er Reich kommen ließ, denn zu der Zeit, als er die Abmachung mit Reich traf, wusste er bereits, dass er innerhalb von sechs Monaten in die Vereinigten Staaten gehen würde. Ihrer Ansicht nach ließ er Reich mitten in einer Depression und mit einer unabgeschlossenen Analyse zurück. Sie glaubt, dass dies weiter zu Reichs »zersetzendem Prozess« beitrug.
Es scheint wiederum befremdlich, dass er, während sie über seine »schwere Depression« und »Zerrüttung« spricht, anderen zufolge in dieser Zeit mit seiner gewohnten Energie ein aktives Mitglied der Berliner Psychoanalytischen Gesellschaft und eine wirksame Kraft in der Kommunistischen Partei war. Einige der damaligen deutschen Psychoanalytiker, unter ihnen Erich Fromm und Siegfried Bernfeld, vertraten marxistische Anschauungen. In zahlreichen Diskussionen mit ihnen und anderen entwickelte Reich eine Theorie, die versuchte, Marxismus und Psychoanalyse in Einklang miteinander zu bringen, und er stieß bei ihnen auf Aufmerksamkeit und Verständnis.
Reich hatte diese Theorie aufgrund seiner Überzeugung entwickelt, dass jeder Psychotherapeut die Verpflichtung hat, nicht nur die Probleme des einzelnen Patienten zu lösen, sondern auch die Probleme der Gesellschaft im Allgemeinen. Es genügte nicht, Geisteskrankheiten zu heilen; man musste deren gesellschaftliche Ursachen erforschen und was noch wichtiger war deren Verhütung.
Der Psychoanalytiker Dr. Otto Fenichel, der zum beruflichen und gesellschaftlichen Kreis der Reichs in Wien gehört hatte und gleichfalls nach Berlin gezogen war, nahm oft an diesen Diskussionen teil. Zusammen mit Reich begann er die jungen deutschen Psychoanalytiker in einer Gruppe von dialektisch-materialistischen Psychoanalytikern zu organisieren.
Im November 1930 hielt Reich eine Vorlesung über Neurosenverhütung in der Berliner Sozialistischen Ärztegesellschaft, die gut aufgenommen wurde. Der Boden für politisch orientierte Medizin und Psychiatrie war zu dieser Zeit in Berlin fruchtbarer als in Wien. Reich hielt eine Reihe von Vorlesungen an der Marxistischen Arbeiter-Schule (MASCH), einem sozialistischen Fortbildungszentrum. Obgleich ich ihn damals noch nicht persönlich kannte, erinnere ich mich an einen begeisterten Bericht über diese Vorlesungen, die ein junger Arbeiter, der Student an der MASCH gewesen war, einer Gruppe von ausgewanderten Genossen in Paris im Jahre 1934 gab.
Reichs Engagement in der politisch orientierten mentalhygienischen Bewegung wurde mehr oder weniger der bestimmende Faktor in seinem Leben in Berlin. Die Kommunistische Partei Deutschlands war mit der Gründung einer Gesellschaft einverstanden, die auf der Grundlage von Reichs sexualpolitischem Programm aufgebaut war. Der Deutsche Reichsverband für Proletarische Sexualpolitik hatte bald eine Mitgliedschaft von mehr als 20 000. Das Programm enthielt die folgenden Forderungen als Hauptpunkte:
bessere Wohnungsbedingungen für die Massenbevölkerung;
Aufhebung der Gesetze gegen Abtreibung und Homosexualität;
Änderung der Ehe- und Scheidungsgesetze;
freie Auskunft über Geburtenregelung und Empfängnisverhütungsmittel;
Gesundheitsschutz für Mütter und Kinder;
Einrichtung von Krippen und Kindergärten in Fabriken und anderen großen Betriebsanlagen;
Aufhebung der Gesetze, die sexuelle Aufklärung verbieten;
Heimurlaub für Strafgefangene.
Reich reiste viel in ganz Deutschland herum; er hielt Vorlesungen und half, Sexualberatungsstellen in den großen Industriestädten einzurichten, die unter der Leitung des Reichsverbands standen.
Der Aufstieg des Faschismus und die Reaktion der Massenbevölkerung darauf wurden ein wichtiger Teil seiner theoretischen Arbeit. Sie gipfelte in dem Buch Die Massenpsychologie des Faschismus, das im Jahre 1933 auf Deutsch und 1946 auf Englisch erschien. Obgleich dieses Buch unter dem Eindruck des Erlebnisses des deutschen Faschismus geschrieben war, sind die massenpsychologischen Einsichten auf totalitäre Gesellschaften im Allgemeinen anwendbar. Es gehört, nach der Charakteranalyse, zu den Büchern Reichs, die am meisten gelesen wurden und den meisten Beifall fanden.
Im Jahre 1931 gründete Reich zusammen mit einigen Kollegen den Verlag für Sexualpolitik (Sexpol-Verlag) in Berlin. Als erstes veröffentlichten sie einige Druckschriften über sexuelle Aufklärung für Kinder: Wenn dein Kind dich fragt, und für »proletarische« Jugendliche: Der sexuelle Kampf der Jugend. Dieses Büchlein wurde später von Reich wegen der darin ausgesprochenen politischen Vorurteile verworfen. Reich erweiterte seine Kritik der bürgerlichen Moral und benutzte Malinowskis anthropologische Studien der Trobriander, The Sexual Life of Savages in North-Western Melanesia (Das Geschlechtsleben der Wilden in Nordwest-Melanesien), als Unterlage. Er versuchte darin eine theoretische Erklärung für die Entwicklung der Menschheit vom Matriarchat zur patriarchalischen und autoritären Gesellschaft zu geben. Seine These besagt, kurz zusammengefasst, dass aufgrund ökonomisch bestimmter Tabus jede sexuelle Unterdrückung schließlich zur Unterwerfung führen muss, zur autoritären Familie, zum autoritären Staat, die Brutstätten für Geisteskrankheiten und totalitäre Regimes sind. Diese Studien erschienen in Buchform 1932 im Sexpol-Verlag unter dem Titel Der Einbruch der Sexualmoral. Malinowskis Einstellung war grundsätzlich verschieden von der des Anthropologen Géza Róheim, dessen Forschungen von den meisten Analytikern als Studien angesehen wurden, die die orthodoxe Psychoanalyse bestätigen. Reichs Buch gab den Anlass zu hitzigen Diskussionen zwischen den beiden wissenschaftlichen Schulen.
Reich vernachlässigte zu dieser Zeit weder die theoretische noch die praktische psychoanalytische Arbeit. Obwohl es ihm nicht erlaubt war, als Ausbildungsanalytiker in der Berliner Psychoanalytischen Gesellschaft zu wirken, da er weiterhin auf seiner charakteranalytischen Technik bestand, so arbeitete er trotzdem im Rahmen dieser Gesellschaft und hielt Vorlesungen, hauptsächlich über das Thema der Charakteranalyse. Sein Buch Die Charakteranalyse, das ursprünglich zur Veröffentlichung im Internationalen Psychoanalytischen Verlag vorgesehen war, wurde später von diesem Verlag abgelehnt und erschien 1933 im Sexpol-Verlag in Berlin.
Gegen den Rat Rados war Annie Reich mit den Kindern ihrem Mann nach Berlin gefolgt. Reichs Identifizierung mit der proletarischen Bewegung war zu dieser Zeit so stark, dass er Annie vor die Alternative stellte, entweder damit einverstanden zu sein, die Kinder in ein kommunistisches Kinderheim zu schicken, oder sich mit einer Trennung abzufinden. Annie gab nach, und die Kinder wurden in das Heim geschickt; heute gibt sie zu, dass sie damit einen großen Fehler gemacht hat. Für die Kinder bedeutete das Heim eine sehr unglückliche Zeit. Es war nicht einfach für sie, den ihnen auferlegten Anforderungen zu folgen, gute kleine Kommunisten zu werden. Annie erinnert sich an eine Gelegenheit, als die zweijährige Lore eine ernste Verwarnung von ihrem Vater erhielt, weil sie anstatt eines revolutionären, proletarischen Liedes »O Tannenbaum ...« sang.
Reichs aktive Unterstützung der vom Reichsverband geleiteten Sexualberatungskliniken und deren ständig wachsende Mitgliedschaft zwischen 1931 und 1932 begegneten einer wachsenden Opposition von Seiten der Funktionäre der Kommunistischen Partei Deutschlands. Sie fürchteten, dass das große Interesse an den sexualhygienischen Problemen den revolutionären Eifer besonders der Jugendgruppen für die Partei schwächen würde. Noch vor der Niederlage der Kommunisten durch Hitler wurde Reich schließlich aus der Partei ausgestoßen. Man befahl, dass seine Literatur aus den Bücherläden verschwinden sollte, und verbot den Verkauf und die Verteilung seiner Bücher und Druckschriften innerhalb der kommunistischen Organisation. In seiner Beschreibung dieser Ereignisse erklärt Reich, dass es einige Opposition in den Reihen der unteren Mitglieder gegen diese Maßnahmen gab, die von den höheren politischen Funktionären angeordnet worden waren.
Ebenso wie die Psychoanalytiker Reichs starkes politisches Engagement in dieser Zeit des politischen Aufruhrs außerordentlich kompromittierend fanden und Anstrengungen machten, ihn aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung auszuschließen, so fanden auch die Kommunisten Reichs Festhalten an der Sexualpolitik zu kompromittierend, um es tolerieren zu können. Er wurde offiziell im Jahre 1933 aus der Partei ausgeschlossen.
Niemand, der mit einigem politischen Verständnis zu dieser Zeit in Deutschland lebte, konnte dem Gefühl einer unmittelbar bevorstehenden Katastrophe entgehen. Aber trotzdem gab man die Hoffnung nicht auf und setzte seine Bemühungen fort, die ständig anschwellende Woge des Faschismus aufzuhalten. Reich arbeitete mit seinem gewohnten Optimismus für seine Ziele, obwohl alles gegen ihn stand, bis zum Tage von Hitlers Machtergreifung.