Die
buddhistische Katze
Lebensweisheit
und Psychosomatik
Rainer
Poulet
Smashwords
Edition
Copyright 2011 Rainer Poulet
Alle Rechte beim Autor.
Titelbild: Dr. Armin Thommes
(www.galerie-thommes.de), Öl auf Leinwand 2011.
Autorenfoto:
Tina Kneib, 2011.
Fotografie der Büste der Nofretete
im neuen Museum, Berlin: Philip Pikart.
Fotografie des
Staubteufels in Arizona: NASA, Wikipedia public domain.
Fotografie
Spinnennetz und Coffein: NASA, Wikipedia public domain.
Inhaltsverzeichnis:
1. Körper,
Geist, Seele usw.
1.1. Innen und Außen
1.1.1. Ein Stück
Kreide
1.2. Seele
1.2.1. Ein Gewehrlauf
1.3.Pneuma,
Spiritus, Odem
1.4. Fühlen
1.4.1. Pflanzen
1.4.2.
Baby
1.4.2.1. Kolostrum
1.5. Individuum und Person
1.6. Die
Mutter aller Konflikte
1.6.1. „Ich“
1.6.2. Gespenster
1.7.
Geist
1.8. Der Auftritt des Bösen
1.8. Die Macht der Mode
1.9.
Softwarekonflikte
1.10. Salomo der Weise
1.11. Gefühl und
Emotion
1.12. Die Entstehung psychosomatischer Krankheiten
1.12.1.
„Lagerungsschäden“
2.
Die buddhistische Katze
2.1. Pandora
2.2. Indiana Jones und
Sir Galahad
2.3. Matrix und Mystik
2.4. Arnold Schwarzeneggers
mystischer Weg in die Pyramide
2.5. Da helfen keine Pillen
2.6.
Hobbits und Orks
2.7. Sehr mystisch!
3.
Warum wir lachen...
3.1. ...und weinen!
3.1.1. Tränen
lügen nicht!
4.
Warum das Runde ins Eckige muss
4.1. Vor und hinter dem
Tor
4.2. Vor wessen Tor steht der Torwart?
5.
Rausch und Sucht
5.1. Drei Phasen
5.1.1.
Erregungsphase
5.1.2. Anpassungsphase
5.1.3.
Erschöpfungsphase
5.2. Das Phasenmodell
5.3. Sucht
5.4.
Noch eine natürliche Gesetzmäßigkeit
5.4.1. Alkohol
5.4.2.
Koffein
5.4.3. Kokain
5.4.4. Nikotin
5.4.4.1. Montezumas
Rache
5.4.4.2. Cheeta
5.4.4.3. In die Raucherhölle...
5.4.4.4.
...und wieder hinaus!
5.4.5. Heroin
5.4.6. Cannabis5.4.6.1.
Amotivationssyndrom
5.4.7. Nicht-stoffgebundene
Räusche
5.4.7.1. Geschwindigkeit
5.4.7.2. Liebe
5.5. Der
Suchtwinkel
5.5.1. Amor
5.6. Schlussfolgerungen
5.6.1.
Depression
5.6.2. Seligkeiten
6.
Das Prinzig der Nachfolge
6.1. Vorbilder
6.2. „Stärke“
6.3.„Tyrannen“
6.4. Soft-Power
6.5. Nutzanwendung
6.6.
Autorität
6.7. Drachen und Prinzessinnen
6.8. Der Held
6.9.
Möge die Macht mit uns sein!
6.10. Begabungen
6.11.
Hoffnung
6.12. Dualität
6.13. Yin und Yang – und
Tao!
6.13.1. Positiv und Negativ
6.14. Erleuchtung
7.
Emotionale Ausgeglichenheit
7.1. Tugenden
7.2. Gewissen und
Sünde
7.3. Emotion und Durchblutung
7.4. Liebe und
Alkohol
7.5. Liebe und Kosmetik
7.6. Emotion und Magen
7.7.
Gleichgewicht
7.8. 1000 Elefanten
7.9. Hören und Sehen
7.10
Der Geschmack der Apfelsine
7.11. Erinnern und Vergessen
7.12.
Meditation
7.13. Das Paradies
7.13.1. Sagen vom König Mu
7.14.
Wir sind nicht von gestern
8.
Die Lebenskurve
8.1. Psychopharmaka und Gefühle
8.2.
Letzte Fragen
8.2.1. Der Fluch der Pharaonen
8.2.2. Motten und
Rost
Nachwort
Einleitung
Ich habe in diesem Buch auf Fußnoten und Literaturnachweis verzichtet, zu Gunsten – hoffentlich – der Lesbarkeit (auf jeden Fall der Schreibbarkeit!), und auch, um keinen wissenschaftlichen Geltungsanspruch anzudeuten. Dafür präsentiere ich viele Zitate, die mir gefallen und die meine Aussagen unterstützen. Ich möchte das Vorwort kurz halten, um den Leser, dem ich noch Einiges zumuten werde, nicht vorab schon zu langweilen. Wer sich nach der Lektüre noch für die Entstehungsbedingungen des Buches oder den Autor interessiert, findet dazu einige persönliche Ausführungen im Nachwort.
Hier
nur ein kurzer Abriss des Inhalts:
Das erste Kapitel bietet ein
einfach strukturiertes Erklärungsmodell an. Wenn gesagt wird, der
Mensch besteht aus „Körper, Geist und Seele“, klingt dies oft
etwas formelhaft, und meist wird nicht verstanden, was damit gemeint
ist. Das Kapitel geht darauf näher ein. Was ist Seele, was ist
Geist? Und was ist Körper? Was ist Denken, was ist Fühlen? Worin
besteht der Unterschied zwischen Gefühl und Emotion? Außerdem
werden Begriffen wie „Individuum“, „Person“ oder „Ich“
erläutert. Wir haben vielleicht den Eindruck, dass dies allenfalls
von philosophischem Interesse ist. Unsere Sprache trägt zu dieser
Verwirrung bei, ein Rückgriff auf antike Sprachen kann helfen. Aus
dem Strukturmodell ergeben sich Konsequenzen für das Verständnis
von Konflikten und psychosomatischen Erkrankungen. Diese Erklärungen
sind keineswegs umfassend, sondern nur exemplarisch gemeint. Ich
behaupte nicht, dass alle psychosomatischen Erkrankungen wie
beschrieben entstehen, weil es anscheinend mehr
Entstehungsmechanismen gibt, z.B. der Einfluss unbewusster muskulärer
Spannungen auf den Körper; das wäre ein umfangreiches Thema und
soll hier nicht weiter ausgeführt werden. Das hier dargestellte
Modell ist jedoch anschaulich, sehr einfach und kann zu einem
fundamentalen Verständnis beitragen.
Das zweite Kapitel – „Die buddhistische Katze“ – hat den Titel für das ganze Buch abgegeben. Die Fabel, mit der es beginnt, stellt nämlich das eigentliche Motto des Buches dar: Durch unser Denken und unsere Überzeugungen strukturieren wir unsere subjektive „Wirklichkeit“ – bis sie mit der wirklichen Realität, oft sehr schmerzhaft, kollidiert. Wir neigen dann dazu, die Schuld bei der Realität zu suchen, anstatt unsere Vorstellungen von derselben zu revidieren. Wir neigen außerdem dazu, die Dinge nicht durch unsere eigenen Augen zu sehen, was vieles vereinfachen könnte, sondern zu glauben, was uns gesagt wurde. Der Weg zu sich selbst geht aber nur durch die eigene Person und stellt das höchste Ziel des Menschen dar, symbolisiert seit altersher durch den Weg des Helden, wie er im Kern unverändert in den Produktionen des menschlichen Geistes (alte Sagen und neue Filme) erkennbar wird, wenn man weiß, worauf man achten muss. Selbsterfahrung ist kein kognitiver Vorgang, sondern im Wesentlichen ein mystisches Geschehen – auch, wenn das Wort „mystisch“ in unserem heutigen Sprachgebrauch einen eher ambivalenten Klang hat. Hierauf wird kurz, aber intensiv eingegangen.
Das dritte Kapitel beschäftigt sich mit den elementaren instinktiven Verhaltensweisen Lachen und Weinen. Es soll gezeigt werden, in welcher Weise uns diese angeborenen Verhaltensschemata hilfreich sein können. Insbesondere aus dem psycho-physiologischen Tränenreflex ergeben sich konkrete Schlussfolgerungen für unser Alltagsverhalten, die nach meinem Wissensstand in dieser Weise noch nicht beschrieben wurden. Wir erfahren, wie liebevoll und wirksam Mutter Natur uns auf unsere enorme Sensibilität und Labilität vorbereitet hat. Tränen lügen nicht!
Noch mehr „Instinkt“: Im vierten Kapitel – „Warum das Runde ins Eckige muss“ – wird ein wichtiger Teil unserer Instinktnatur und -geschichte am Beispiel der überaus beliebten Sportart Fußball beleuchtet. Wir hatten gerade Fußball-Weltmeisterschaft, und es gab diesen interessanten „Schland“-Effekt. Was sind das für Energien? Wann sonst gehen so viele Menschen einmütig auf die Straßen, wie in den „Fan-Meilen“ (350.000 in Berlin!), obwohl jeder daheim vor dem Fernseher viel bequemer sitzen könnte? Vielleicht kann ein Fußball-Fan, der dies liest, sich danach mehr für eine psychologische Sichtweise öffnen, oder psychologisch interessierte Leserinnen sich diesem Sport mit anderen Augen zuwenden.
Im fünften Kapitel wird das Thema „Rausch und Sucht“ behandelt. Hier versuche ich, ein ebenso einfaches wie originelles Modell anzubieten, das diese Phänomene erklärt, unter sorgfältiger Vermeidung des moralischen Zeigefingers. Am konkreten Beispiel der Wirkweise einiger Drogen wird ein Drei-Phasen-Modell vorgestellt, das aber auch die nicht-stoffgebundenen Räusche (z.B. den Liebesrausch!) beschreibt. Die Kenntnis dieser Vorgänge mag vor Fehleinschätzungen schützen und Vorhersagen ermöglichen.
Das sechste Kapitel trägt die Überschrift „Das Prinzip der Nachfolge“ und beschreibt meist unbewusste Vorgänge, die hauptsächlich non-verbal zwischen Menschen stattfinden, wenn es darum geht: Wer folgt wem, und warum. Dieses Prinzip wird immer dann wirksam, wenn Führung, Schule oder Erziehung geschehen soll. Es wirkt sich störend oder fördernd aus, je nach den realen emotionalen Bedingungen. Hier kommt die Bedeutung der emotionalen Ausgeglichenheit zum Tragen. Dieses Kapitel mag insbesondere alle diejenigen interessieren, die mit Führungsaufgaben betraut sind – sei es im Berufsleben, als Lehrer, als Eltern, in Showbusiness oder Politik. Aber auch diejenigen, von denen Nachfolge erwartet wird.
Das siebente Kapitel erläutert das Konzept der emotionalen Ausgeglichenheit näher. Am Beispiel der psycho-physiologischen Reaktion von Haut und Schleimhäuten zeigt sich, dass es eine natürliche Tendenz zum Ausgleich extremer emotionaler Zustände gibt und worin ein emotionales Gleichgewicht besteht. Die Wichtigkeit der sinnlichen Wahrnehmung wird geschildert, aber auch die Bedeutung „transzendenter“ Erfahrung am Beispiel der Meditation.
Mit dem achten Kapitel – die Lebenskurve – schließt das Buch ab.
Das Modell sagt aus: Wir entwickeln uns anfangs sehr schnell, erleben
dabei viel mehr, als wir verstehen können. In der Lebensmitte
gleicht sich das allmählich aus, danach wird das Erleben ruhiger,
während das Verstehen (hoffentlich) weiter zunimmt, sodass wir gegen
Ende des Lebens im Idealfall mehr verstehen als erleben. Das Leben
ist abgerundet und der Kreis schließt sich. Am Ende haben wir die
Möglichkeit, uns selbst (und andere) besser zu verstehen. Das Modell
ist einfach und stellt nur einen Idealfall dar, gefällt mir aber,
weil es viel erklärt und zudem die zweite Lebenshälfte nicht so
negativ darstellt, wie unsere soziale Wirklichkeit uns befürchten
lässt. Vielmehr misst es dem Altern einen eigenen und besonderen
Wert zu.
1. Körper, Geist, Seele usw.
In all den Jahren
therapeutischer Arbeit in einer psychosomatischen Abteilung habe ich
immer wieder gefunden, dass dieses Thema nicht nur bemerkenswert
viele Patientinnen und Patienten fasziniert (immer, wenn im Folgenden
der Einfachheit halber ‚Patienten’ steht, sind natürlich beide
Geschlechter gemeint), sondern auch das therapeutische Personal: Wie
kann man sich überhaupt einen Zusammenhang zwischen Körper und
Seele vorstellen? Was ist „Seele“? (Was ist Körper? wird nie
gefragt. Als wäre das bereits klar!) Und was meint man mit „Geist“?
Ich möchte im Folgenden ein einfaches Strukturmodell darstellen, in welchem die genannten Begriffe anschaulich und differenziert beschrieben und voneinander abgegrenzt werden.
1.1. Innen und außen
„Wir müssen über Lehrbücher hinausgehen, in die
Seitenwege und in die unbetretenen Tiefen der Wildnis hineingehen,
und wandern und forschen und der Welt von der Herrlichkeit unserer
Reise berichten“
-John Hope Franklin
(1915 - ), Historiker.
In der inneren Medizin gibt es die Möglichkeit, das Innere des Körpers darzustellen, um so Krankheiten zu erkennen und entsprechend zu behandeln. Insbesondere die Endoskopie (aus dem Griechischen, endo=innen; skopein=sehen) mit ihren Geräten und dem dazugehörigen Personalaufwand ist der Stolz einer inneren Abteilung, sowie Röntgen, Ultraschall, Kernspin, mit denen man auch das Innere darstellen kann.
Die bildgebende Technologie ist heute so weit entwickelt, dass immer kleinere Strukturen gesehen werden können. Es ist heute möglich, ein einzelnes Atom darzustellen. Wie sieht es aus? Auf dem Foto sieht man einen verschwommenen weißen Fleck auf dunklem Hintergrund. Auf der anderen Seite können wir bis fast ans Ende des Universums schauen (die Objekte dort sehen aus wie ein verschwommener weißer Fleck auf dunklem Hintergrund…).
1.1.1. Ein Stück Kreide
"Es ist sehr gut denkbar, dass die Herrlichkeit
des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt,
aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit. Aber sie liegt
dort, nicht feindselig, nicht widerwillig, nicht taub. Ruft man sie
mit dem richtigen Wort, beim richtigen Namen, dann kommt sie".
-Franz
Kafka
Mit dem Endoskop sehen wir die Schleimhäute mancher innerer Organe, wie Magen oder Darm. Dabei handelt es sich immer um Oberflächen! Das „Innere“ können wir nicht sehen. Das liegt nicht an der Technik, sondern ist ein grundsätzliches Problem. Welche Farbe hat ein Stück Kreide innen? Auf diese Frage sagt garantiert jemand im Publikum: weiß!, und die anderen sagen nichts, weil ihnen die Frage zu leicht und daher verdächtig vorkommt. Nächste Frage: Woher wissen Sie das? Antwort: Wenn man die (weiße) Kreide zerbricht, sind die Bruchflächen weiß. Frage: Zeigen die Bruchflächen das Innere? Jetzt merken viele, das ist gar nicht so einfach. Wir können nicht in die Kreide hineinsehen. Schnell ein Loch bohren und ein Endoskop einführen, nachschauen, fotografieren – es ist immer nur die Außenseite einer Oberfläche. Egal, mit welcher noch so hochentwickelten Technologie wir arbeiten, am Ende muss mit den Augen gesehen werden, und mit denen sehen wir die Welt immer von außen, dafür sind sie da, und etwas anderes können sie nicht.
Also, was ist jetzt „innen“? Gibt es das überhaupt? Wie groß oder wie klein ist es? Und wie weit entfernt? Und was kann es bedeuten?
Dieses „Innen“ liegt nicht im Erfassungsbereich der technischen Ausstattung der Inneren Medizin. Es liegt im „Jenseits“, hinter einer Grenze, die wir nicht mit unserer Wahrnehmung überschreiten können.
Jetzt kommen folgerichtig oft Begriffe ins Spiel wie Seele und Geist. Das, was man nicht sehen kann.
1.2. Seele
Das Wort Seele ist in der modernen Welt ein
etwas schwieriger Begriff, und nicht einmal in der Psychologie hört
man noch viel von der Seele. Leider hat man das Thema Seele
weitgehend den Religionen überlassen - und die machen teilweise
recht unterschiedliche Aussagen darüber. Dabei scheint es grob
gesagt zwei Typen von Religionen zu geben: In vielen asiatischen
Religionen (Hinduismus, Sikhismus, Buddhismus) beschäftigt man sich
ausführlich mit der Vorgeschichte der Seele, um das gegenwärtige
Dasein mit Geschehnissen aus früheren Leben zu begründen („Karma“).
Was habe ich im letzten Leben getan, um in die gegenwärtige
privilegierte (oder vermutlich häufiger, defizitäre) Lage zu
kommen? Was ist demzufolge zu tun, um im nächsten Leben eine bessere
Ausgangslage zu bekommen? In anderen Religionen (Christentum,
Judentum, Islam) wird stärker das zukünftige Schicksal der Seele
thematisiert: Wo geht es hin? Was muss man tun, um für immer an den
guten Ort zu kommen? Und nicht an den schlechten? Und
diese beiden Orte sind zwar streng getrennt, beide jedoch nicht in
dieser Welt oder in diesem Leben erreichbar.
„Der Durchschnittsmensch, der nicht weiß, was er
mit diesem Leben anfangen soll, wünscht sich ein anderes, das ewig
dauern soll."
-Anatole
France; fr. Schriftsteller;
1844-1924.
Die traditionellen mythischen Beschreibungen dieser Orte erinnern allerdings deutlich an die Erfahrungen des diesseitigen Lebens. Es handelt sich wohl weniger um „Orte“, als um geistige Zustände. In der Hölle sind viele, aber niemand hilft einem. Es gibt keine Verbesserungsmöglichkeiten, nur Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Es ist dunkel bis auf unterschiedliche Erscheinungsformen von offenem Feuer. Es ist laut, hauptsächlich vom Schreien der gequälten Seelen. Es gibt stärkste Schmerzen, bevorzugt durch Verbrennungen und Verbrühungen, sowie Verstümmelungen. Man wird von einer überwiegend anonymen Kaste übermächtiger Teufel gemartert, die deutliche Züge eines Familienunternehmens aufweisen (mit etwas vertrottelter, aber noch immer gefährlicher und mächtiger Großmutter!). Persönliche Beziehungen mit einem der ihren sind möglich, aber problematisch. Es erinnert an die Willkürherrschaft des Adels in feudalen Zeiten, nur dass man dieser wenigstens durch den Tod entrinnen konnte, eine sehr wichtige Hoffnung im Diesseits. Die Grausamkeit des Justizvollzugs jener Zeit lässt erkennen, dass man entschlossen war, die auf das Diesseits beschränkten Möglichkeiten, Menschen zu quälen, mit bemerkenswerter Kreativität zu nutzen.
Auch diesseitige Erfahrungen mit der juristischen Bürokratie werden erkennbar, man denke an die herausragende Bedeutung unterschriebener vertraglicher Regelungen (mit Blut! Heute im Zeitalter digitaler Erfassung würde man sagen, damit ist eine eindeutige Identifizierung durch DNA-Analyse möglich. Andere Körperflüssigkeiten haben außerdem eine zu geringe Farbstärke für Schreibzwecke). So etwas kam natürlich immer nur vom Teufel, nie von der anderen Seite. Das klassische Vertragsschema enthielt obligatorisch: Tausch der Seele gegen Wunscherfüllung. Buy now, pay later. Ja, unsere Wünsche haben es mehr in sich, als man glauben möchte. Aber dazu später.
Zum Thema Himmel erscheinen die archetypischen Vorstellungen dagegen vergleichsweise unscharf. Er liegt irgendwie weiter weg als die symbolisch unter dem Erdboden platzierte Hölle, in deren Richtung uns sowieso unablässig die Schwerkraft zieht, und ist besser beleuchtet. Es gibt ein Tor, welches im Normalzustand geschlossen ist (und natürlich eine Mauer, ein Tor hätte ja sonst wenig Sinn), dazu ein Aufnahmeritual, eine Art Prüfung, meist nach Aktenlage. Dies geschieht noch vor dem Tor oder in einem Schleusenbereich und ist somit noch dem Diesseits symbolisch zugeordnet. Es gibt Musik! Es wird viel gesungen, man hört es schon vor dem Tor. Was dann bei bestandener Prüfung hinter der Mauer geschieht, bleibt eher diffus. Man trifft geliebte Verstorbene wieder. Sexualität spielt keine Rolle mehr. Man ist unkündbar, braucht vor allem keine Angst mehr zu haben, vielleicht doch noch in die Hölle zu müssen. Man braucht nicht mehr an Gott zu glauben, weil man endlich direkten Kontakt mit ihm haben kann. Nichts tut weh, konstante Raumtemperatur im Optimalbereich. Kein Schmutz. Kein Verbrechen, die Verbrecher sind ja alle in der Hölle. Kein Geld, das braucht man hier nicht. Keine Arbeit, höchstens gewisse geheime Schutz- und Überwachungsaufgaben im Diesseits. Es ist viel Platz da, in drei Dimensionen. Man kann fliegen. Die Zentralverwaltung agiert wohlwollend und kompetent.
Wer wollte nicht lieber an diesen Ort? Vor allem im Hinblick auf den Kontrast zur Hölle fällt die Entscheidung nicht schwer. Allerdings muss man es glauben, sonst lässt sich daraus keine Motivation ableiten. Wenn man es aber glaubt, dann wird es natürlich wichtiger als alles andere, und jedes Opfer lohnt sich. Das Leben ist kurz, die Ewigkeit lang. Dies ist der Glaube der Religionen, aus dem sie ihre Macht beziehen und auf den sie nicht verzichten können. Die Religionen versuchen die Menschen davon zu überzeugen, dass nur sie über das Wissen verfügen, wie man das gewünschte Ziel im Jenseits erreicht – wobei leider ausgerechnet der Tod die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits ist und somit garantiert keine Möglichkeit besteht, die geglaubten Vorstellungen zu überprüfen. Alles bleibt zwangsläufig spekulativ; es ist von vornherein so angelegt.
„Er ist doch nicht der Gott der Toten, sondern der
Gott der Lebenden.“
-Jesus von
Nazareth, in: Matthäus 22,32
Für die Psychologie als Wissenschaft ist allein die Zeit interessant, in der die Seele im Körper ist, und nicht vorher oder nachher. Das wäre Gegenstand von Glauben und Religion, es herrscht diesbezüglich eher ein Überangebot, sogar mit Konkurrenz. Aber was bedeutet die Seele im Körper?
1.2.1. Ein Gewehrlauf
Es erleichtert die Betrachtung, wenn
man sich hier auf die nicht-religiöse Bedeutung des Wortes Seele
beschränkt. Die gibt es erstaunlicherweise in der Technik. Ein Kabel
hat eine Seele! Damit ist die innerste Faser gemeint, die oft
auch die Funktion trägt. Alles andere ist Isolierung oder Mantel.
Werkstücke haben eine Seelenachse. Soldaten lernen über ihr
Gewehr, dass dessen Lauf eine Seele hat! Das ist eine gedachte
Linie, die genau durch die Mitte des Laufs geht. Sie soll gerade
sein, damit das Gewehr nicht um die Ecke schießt. Sie ist keine
Glaubenssache, sondern etwas Reales und sehr Wichtiges für ein
Gewehr, auch wenn man sie nicht mit den Augen sehen kann.
Glaubenssache hingegen wäre: Woher kommt die Seele, bevor sie im
Gewehrlauf ist, und was geschieht hinterher mit ihr, wenn der
Gewehrlauf z.B. einmal zur Pflugschar umgeschmiedet würde. Dies
entspräche etwa dem Geltungsbereich der Religionen.

Mit
Seele ist also etwas gemeint, von dem man sagen möchte, dass es sich
genau in der Mitte, im „Innersten“ befindet. Diese Definition von
„innen“ geht deutlich über die endoskopische Sichtweise hinaus,
vermeidet jedoch die spekulativen Inhalte der Religionen.
1.3. Pneuma, Spiritus, Odem
„Wir lieben, was uns gleich ist, und verstehen,
was der Wind in Sand geschrieben“
-Hermann
Hesse (1888-1962), dt. Dichter.
Die alten Griechen nannten diese Seele „Pneuma“. Auch dieses Wort kennen wir aus der Technik, da heißt es soviel wie Druckluft. Das griechische Wort Pneuma bedeutet gleichermaßen Geist und Atem! Das griechische Wort für ‚Heiliger Geist’ heißt genau so auch ‚heiliger Atem’. Das zeigt ein sehr anschauliches und praktisches Verständnis der Griechen. Wenn ein Mensch geboren wird, beginnt er zu atmen. Alle, die dabei sind, warten ungeduldig auf diesen Moment. Natürlich warten alle auch gespannt darauf, das Geschlecht des Neugeborenen bestimmen zu können, früher konnte man das ja nicht vorher wissen. Aber noch wichtiger ist: Atmet es? Egal, ob männlich oder weiblich. Wir fangen an zu atmen, wenn Luft an unser Gesicht kommt. Wir schreien; der erste Atemzug ist angeblich schwerer als alle darauf folgenden zusammen. Die Nabelschnur hört auf zu pulsieren und kann durchgetrennt werden. Wir verfärben uns von bläulich nach rosa. Wir fangen an zu zappeln. Wir öffnen unsere großen (meistens) blauen Augen. Wir lassen uns trösten und hören auf zu weinen. Wir sind angekommen. Dies ist eine Wirkung des Pneuma, der Seele. Gelebt haben wir irgendwie schon vorher, im Mutterleib. Unsere Mutter hat es oft genug gemerkt, wenn wir gewissenhaft unser Muskelaufbautraining übten. Gelebt haben wir da schon, so wie gleichermaßen die anderen Organe unserer Mutter lebten. Auch die Plazenta lebt im Mutterleib. Aber sie brauchte kein Muskeltraining (Gott sei Dank!) und hielt still, hat uns nur die ganze Zeit perfekt versorgt. Auch die Plazenta kommt bei der Entbindung heraus, aber sie atmet nicht. Niemand ist deswegen traurig. Eine Patientin erzählte mir übrigens, was dann mit der Plazenta geschehe: Sie komme in einen Container, werde nicht entsorgt, sondern verkauft, weil sie viele für die Pharma- und Kosmetikindustrie interessante Substanzen enthält. Angeblich für 25 € (die vermutlich nicht die Patientin erhält). Die Patientin bekommt das atmende Baby, das jetzt keine Plazenta mehr braucht, allein atmen kann, seine eigene Energieversorgung hat, und damit geht unsere Reise ins Menschenleben los.
Wenn aber das Baby nicht atmet, wird die Stimmung im Kreißsaal sehr schnell hektisch und bedrückt. Kein freudiges Ereignis! Das freudige Ereignis ist nicht der Durchtritt des Kindes durch den Geburtskanal, sondern der Eintritt des Atems, zumeist gefolgt vom ersten Schrei. Eine Welle von Freude geht durch die gesamte Abteilung, von der Putzfrau bis zum Chefarzt. Das ist die Signatur des Pneuma.
Im weiteren Verlauf bewirkt Pneuma, dass wir uns entwickeln, wachsen, herumlaufen und viele Dinge tun können, dass unser Körper Sauerstoff, Gifte, Strahlen, Bakterien, Viren, Schimmelpilze und eine insgesamt eigentlich sehr feindliche Umwelt aushält. Es schützt uns. Wir können 100 Jahre alt werden. Unser Körper bleibt lange schön – länger als ein Auto. Am anderen Ende unserer Reise wird dann wieder gespannt gewartet, diesmal auf das Ausbleiben des Atems. Danach beginnt der Körper unverzüglich, sich so schnell wie möglich wieder in Erde zu verwandeln, woraus er im Grunde die ganze Zeit bestanden hat. Nach einer Weile findet sich keine Spur mehr von uns.
Die Römer nannten dieses Phänomen anima oder spiritus, wird meistens mit Geist übersetzt, und auch in diesem Wort steckt der Atem (spirare = atmen). Spiritus sanctus heißt der Heilige Geist auf lateinisch. Die Inder nannten es Atman oder Prana; die Chinesen nannten es Qi (Chi). Die Hebräer nannten es Ruach. Im Arabischen heißt es Ruh.
Es gibt auch ein deutsches Wort dafür: Der Odem. Klingt in unseren Ohren etwas altertümlich, wie eine altmodische Version von Atem. Aber es sind unterschiedliche Dinge gemeint: Atem ist Luft, Odem ist Geist. Eine Maschine kann uns notfalls mit Atem versorgen, aber nicht mit Odem. Wir sprechen nicht gerne vom Odem, weil wir ihn nicht verstehen. Das Wort hat einen mythischen Klang: Adam bestand aus Lehm, wurde nur durch den Odem des Schöpfers lebendig. Das hat sich nicht geändert. Adam besteht immer noch aus Lehm, und wird noch immer durch den Odem Gottes animiert. Einfacher kann man es nicht sagen.
Wenn wir heute von Geist sprechen, meinen wir meistens etwas ganz anderes. Darauf komme ich später.

Also, kurz gesagt, ohne diese Seele ist der Körper tot, eine Leiche. Und anders als mit Atem bzw. Odem kriegt man ihn nicht lebendig, auch wenn im Roman oder Film der Baron Frankenstein einen Blitz in den toten Körper seines selbstgebastelten Monsters schlagen lässt, um es zum Leben zu erwecken. Zwar weiß man, dass ein lebender Körper nach Blitzschlag tot sein kann, umgekehrt kommt das nicht vor. Möglicherweise spiegeln sich in jenem Roman die zeitgenössischen eindrucksvollen Experimente Galvanis, der damals mit Elektrizität Froschschenkel zucken ließ. Aber Leben wird man das nicht nennen wollen. Genauso gut könnte man einen Gegenstand vom Dach werfen und behaupten, er flöge. Zur Wiederbelebung beatmet man den Körper, das klappt manchmal. Auch der elektrische Impuls eines Defibrillators bringt nicht das Leben zurück, sondern ist nur ein Versuch, den Herzmuskel gezielt zum Arbeiten zu bewegen, kombiniert mit Beatmung. Aber Pneuma ist eben nicht Druckluft, sondern Geist, und der lässt sich nicht mit Geräten erzeugen.
1.4. Fühlen
Was kann die Seele? Sehr viel, wie wir gehört
haben. Sie gibt dem Körper Leben, und beschützt ihn auch. Wie tut
sie das?
Der Körper ist eine unglaublich perfekte super-nanotechnologische „Maschine“, deren Entwicklung mehrere Milliarden (!) Jahre gedauert hat, seit es Leben gibt auf der Erde. Wir repräsentieren das derzeitige Spitzenmodell, die seit ca. 40.000 Jahren im Wesentlichen unveränderte Baureihe. Fast vollständig automatisiert und (fast!) idiotensicher, leise und pflegeleicht. Allerdings gibt es doch noch einige Wartungsvorgänge, um die wir uns nachgeburtlich selbst kümmern müssen, die nicht schon im Mutterleib abschließend vorweggenommen werden konnten. Wir verlieren ständig Wasser; der Salzgehalt des Körpers muss konstant bleiben, wir brauchen also regelmäßig Wasser. Und ein paar (leider nur erstaunlich wenige) Kalorien. Die Temperatur wird automatisch geregelt, wir brauchen einen bestimmten engen Temperaturbereich für optimale Funktion und müssen uns darum kümmern. Wir wissen, ob es uns zu warm, zu kalt oder gerade richtig ist.
Überflüssiges Material soll entsorgt werden. Wir wissen, wann das zu geschehen hat, müssen nur noch lernen wo und wie.
Wir bedürfen regelmäßiger Ruhepausen an einem sicheren Ort. Wir brauchen Bewegung. Wir sind gehalten, uns von schädlichen Reizen fernzuhalten. Wir brauchen Menschen, die uns freundlich gesonnen sind, und wir brauchen irgendwann Fortpflanzungspartner - das scheint das Schwierigste zu sein, weil der Organismus es nicht allein machen kann. Wir sollen uns an jede mögliche Umgebung anpassen können. Darum müssen wir uns selber kümmern. Die Natur hat uns auch Verstand gegeben, aber die wirklich wichtigen Dinge im Leben hat sie nicht dem Verstand anvertraut. Außerdem dauert es lange, bis wir zu Verstand gekommen sind, und manchmal will es anscheinend überhaupt nicht recht klappen. Deswegen ist eine der hervorragendsten Eigenschaften der Seele das FÜHLEN.
Wenn wir tot sind, fühlen wir nicht. Es ist niemand da, der fühlt. Die Rezeptoren sind noch da, aber am anderen Ende der Leitung ist niemand mehr. Wir Lebenden wissen das, auch wenn diese Erkenntnis uns manchmal schwer fällt. Der Körper ohne Seele ist so tot wie ein Kotelett im Kühlschrank. Es friert nicht, und in der Pfanne wird ihm nicht heiß. Deswegen kann eine Leiche verbrannt werden, ohne dass sich bei den Lebenden Mitleid regt, außer mit den Hinterbliebenen, wohl aber gegebenenfalls Trauer um die verstorbene Person. Für einen lebenden Körper hingegen sind selbst geringfügige Brandverletzungen äußerst schmerzhaft. Wir haben Reflexe, die uns veranlassen, die Hand (oder andere Körperteile) schnellstens zurückzuziehen, wenn wir uns verbrennen würden. Das könnte auch eine Maschine. Sie könnte auch lernen, zukünftig Hitze zu meiden. Aber wir Lebenden FÜHLEN Schmerz und Hitze. Etwas ist in uns, das fühlt, etwas sehr Persönliches. Dies ist unser Zentrum, unsere „Seele“. Es gibt keine Verwechslungsmöglichkeit, wer das ist, der/die da fühlt: Das bin wirklich ich. Niemand anderes kann fühlen, was mein Körper an Reizen vermittelt. Der Nerv leitet nur einen Reiz weiter, das Gehirn organisiert alles Nötige. Das könnte auch ein Computer, der mit den entsprechenden Sensoren ausgestattet ist. Vielleicht könnte der es sogar noch besser und schneller. Aber fühlen kann weder Nerv noch Gehirn, noch Computer, noch Sensor. Das Fühlen ist keine materielle Leistung, die sich irgendwann gleichsam von selbst einstellt, wenn die Maschinerie nur kompliziert und unverständlich genug ist. Die Fähigkeit zu fühlen konstituiert eine wesentliche Qualität der Seele. Der Körper ist ohne diese Seele nur Fleisch und muss entsprechend kühl aufbewahrt werden, um nicht zu zerfallen. Mit dieser Seele jedoch würden wir bei solchen Temperaturen frieren und alles Erdenkliche tun, um unsere Wärme zu halten. Wir entwickeln z.B. die Neigung, besonders empfindliche Körperregionen zusätzlich mit einem Bekleidungsstück zu schützen, etwas Kulturübergreifendes, und dies ist sehr wirksam durch Schamgefühle gesichert, die eine Neigung zu scheinbar religiöser Fundierung aufweisen. Man wird dieses Verhalten zwar mental modulieren, aber nicht kontrollieren können.
Mit der Seele brauchen wir nicht zu befürchten, dass der Körper sich auflöst, selbst bei Innentemperaturen, die sonst in einem Brutschrank herrschen. Es ist dafür gesorgt, dass alle beteiligten Zellen, Mikroorganismen, Organe und Organellen, Enzyme und andere Eiweiße sich darin einig sind, den Körper heil und funktionsfähig zu erhalten, viele Jahrzehnte lang, unter sehr unterschiedlichen und schnell wechselnden Außenbedingungen. Wir nennen es LEBEN.
Dies ist aber nur ein Wort für einen Vorgang, den wir nicht wirklich verstanden haben oder verstehen können. Wir kommen nicht mit einem Bordbuch für diesen Körper auf die Welt. Wörter ändern ihre Bedeutung, und nach Jahrhunderten würde man die Bedienungsanleitung nicht mehr sicher verstehen. Die Ideologien, Sitten und Bräuche, Umgebungen – dies alles ändert sich ständig und wiederholt sich nie. Wir haben z.B. heute Schwierigkeiten, nur wenige Jahrhunderte alte Arzneirezepte zu verstehen, selbst wenn sie in Deutsch geschrieben wurden, weil die genaue Bedeutung der Wörter nicht mehr bekannt ist. Die Natur hat es deshalb so eingerichtet, dass die wirklich wichtigen und notwendigen Dinge in unserem Leben nicht durch Wörter, sondern durch Gefühle geregelt werden. Diese ändern sich nicht im Laufe eines Lebens, und anscheinend auch nicht über die Jahrhunderte. Angst ist Angst, Freude ist Freude, Schmerz ist Schmerz, Wut ist Wut. Es sind natürlich andere Dinge, vor denen wir mit 3 Jahren Angst haben oder über die wir uns freuen, als mit 30 oder mit 90 – aber die Gefühle selbst ändern sich nicht. Die Verzweiflung einer Filmschauspielerin, die im Spiegel ihre Falten zählt, ist dasselbe Gefühl wie die Verzweiflung eines Alkoholikers, dem seine letzte Flasche zur Neige geht. Vieles bleibt im Laufe eines Lebens überraschend konstant: Wir mögen keinen Schmerz, von Anfang an bis zum Ende unseres Lebens. Wir mögen keinen Hunger, keinen Durst. Wir mögen nicht angeschrien werden. Es gibt Vieles, das wir von Anfang an nicht mögen, und dies ändert sich nicht im weiteren Verlauf. Anderes wiederum mögen wir zu jedem Zeitpunkt unseres Lebens: Geborgenheit, Zärtlichkeit, Freude, Schönheit, Verständnis. Wir mögen Sonne, Mond und Sterne. Diese tauchen auch oft als dekorative Symbole schon in unseren Kinderzimmern auf, sowie Tiere und Pflanzen. Wir mögen sogar Steine. Wir interessieren uns sehr für Menschen, mögen aber nicht alle. Auch dies wird so bleiben, egal, wie alt wir werden.
So können wir ebenfalls davon ausgehen, dass im Laufe der Geschichte unsere Gefühle in sich unverändert geblieben sind. Dafür spricht u.a., dass uns selbst die älteste überlieferte Literatur vergangener Kulturen verständlich ist, sofern sie vom Menschen handelt – und dass wir sogar mit den Tieren sympathisieren können. Über die Artengrenzen hinweg können wir, Offenheit vorausgesetzt, z.B. verstehen, ob ein Tier sich ärgert oder freut.
1.4.1. Pflanzen
Vielleicht gibt es entsprechende
Beobachtungen sogar im Pflanzenreich. Es ist eigentlich ziemlich
simpel: Wir sagen, eine Pflanze fühlt sich wohl, wenn sie wächst,
blüht, gedeiht, sich fortpflanzt. Sie muss gar keine
besonderen Kunststücke aufführen, sie darf einfach unter optimalen
Bedingungen leben. Sie reagiert auf Pflege und Vernachlässigung. Sie
zieht sich zurück, geht ein, wenn sie nicht bekommt, was sie
braucht. Sie blüht nicht, lässt ihre Blätter hängen, die Farben
verblassen. Sie fühlt sich dann nicht wohl - wenn man bereit ist,
ihr Gefühle zuzugestehen. Viele Menschen sprechen mit ihren
Zimmerpflanzen (mit wilden Pflanzen wohl seltener) und meinen zu
beobachten, dass diese darauf reagieren. Vielleicht verstehen die
Pflanzen uns, vielleicht können wir die Pflanzen verstehen, in einem
tiefen, emphatischen Sinn, ohne Worte. Dass wir mit ihnen sprechen,
sie jedoch nicht mit uns, liegt wahrscheinlich nur daran, dass wir
sprechen können, sie hingegen nicht. Das heißt nicht, dass nur der
fühlen kann, der spricht. Sprechen und fühlen haben nichts
miteinander zu tun. Wenn das Fühlen eine Funktion des Lebens ist,
haben auch die Pflanzen teil daran, auf ihre Art.
1.4.2.
Baby
Aber zurück zu unserem Baby:
Fühlen strengt uns
nicht an. Wir fühlen sogar im Schlaf noch, wenn wir etwa Hunger oder
Durst bekommen oder falsch liegen, d.h. die Blutversorgung nicht
ausreicht; wir fühlen Kälte, Hitze und Schmerz. Wir hören im
Schlaf. Wir fühlen, dass wir aufwachen müssen. Wir fühlen, dass
wir schreien müssen. Am Anfang ist alles Gefühl! Wenn alles in
Ordnung ist, fühlen wir das auch, aber für dieses wundervolle
Gefühl haben wir keinen Namen. Wir nennen es gerne: nichts. Wir
kommen auf die Welt, beginnen zu atmen und wir öffnen unsere Augen.
Diese Vorgänge scheinen, von außen gesehen, automatisch abzulaufen,
wie der Programmschalter einer Waschmaschine. Von innen – d.h. von
der Seele aus – sind sie jedoch von Gefühlen gesteuert. Wir
brauchen unbedingt Luft, deswegen fangen wir an zu atmen. Die
Unterbrechung der Luftzufuhr wird unser Leben lang sofort absolute
Panik in uns auslösen, weil unser wichtigstes Bedürfnis gefährdet
ist. Ohne Essen und Trinken halten wir es eine Weile aus, aber ohne
Atem sind wir nach wenigen Minuten tot. Atmen ist unser stärkstes
Bedürfnis. Bewusst wird uns das allerdings nur, wenn die
Luftversorgung bedroht ist. Nichts kann uns dann trösten oder
ablenken. Dies wird unser Leben lang so bleiben. Die Atmung wird von
einem relativ bewusstseinsfernen Regelzentrum im Zentralnervensystem
gesteuert, ist dem Bewusstsein aber zu jedem Zeitpunkt zugänglich.
Wir können unseren Atem fühlen, wann immer wir wollen.
Für
die Augen gibt es zwei Grundstellungen: offen und geschlossen. Das
Baby öffnet seine Augen nicht, weil es das tun muss, sondern weil es
sich aktuell besser anfühlt, sie zu öffnen. Das Baby wird immer das
tun, was sich gut anfühlt, und wird im Verhalten stark reagieren,
wenn es darin eingeschränkt wird. In dem Moment, wenn es sich besser
anfühlt, die Augen zu schließen, werden sie geschlossen – bis es
sich wieder besser anfühlt, sie zu öffnen. Auch dies wird unser
Leben lang so bleiben. Damit ist nicht der Lidschlussreflex gemeint,
der das Auge vor Austrocknung oder Beschädigung schützt.

Wir fühlen, dass es uns gut tut, die Augen schließen zu können, wenn sie sich müde anfühlen. Es ist auch schön, wenn wir sie öffnen und etwas sehen können. Es ist schön, wenn wir das Bedürfnis nach Bewegung haben, uns auch bewegen zu können. Wir hampeln und strampeln nach Herzenslust. Es sind keine Zuckungen, sondern zeigt bloß Mangel an motorischer Koordination, bei bereits vollständig ausgebildeter Fähigkeit, Freude an Bewegung zu haben. Wir können aber auch das Bedürfnis erleben, gehalten zu werden, gut eingepackt zu sein. Dann ist das schön. Wir mögen es nicht, wenn wir hampeln und strampeln möchten, aber daran gehindert sind; ebenso wenig mögen wir, wenn wir gehalten und eingepackt sein wollen, dies aber nicht geschieht. Babys können schon ganz schön kapriziös sein! Aber sie haben keine Absichten, sie folgen nur ihren Gefühlen. Dies tun sie, weil dieser zarte, feine Körper nach relativ komplexen Wartungsvorgängen verlangt, damit er sich optimal entwickeln kann. Dafür haben wir unsere Gefühle! Anstelle einer mitgelieferten Bedienungsanleitung. Damit dieses Spitzenprodukt einer langen Evolution eine angemessene Existenz haben kann und nicht unnötig geschädigt wird. Niemand außerhalb des Körpers kann so genau wissen – d.h. fühlen – wie wir selbst, was uns fehlt, was uns gut tut und was uns schadet. Auch die Mutter ist für optimale Versorgung auf unsere Äußerungen angewiesen.
Uns selbst ist sowieso klar, dass das, was uns gefällt, auch gut für uns ist, und dass nicht gut für uns sein kann, was uns nicht gefällt. Am meisten gefällt uns natürlich zu jenem frühen Zeitpunkt eine gute Kommunikation mit einer verständnisvollen Mutter. Das ist sehr gut für uns. Wir müssen aber auf die Möglichkeit vorbereitet sein, in einer weniger förderlichen Umgebung aufzuwachsen. Auch für diesen Fall gibt es natürliche Vorkehrungen, ich komme darauf noch zurück.
1.4.2.1.
Kolostrum
Mit dem ersten Atemzug wird die Versorgung des
Babykörpers durch die Nabelschnur beendet, sie hört auf zu
pulsieren. Daraufhin setzt unsere eigene Energieversorgung ein, der
Blutzuckerspiegel sinkt, worauf der Organismus mit einem Gefühl
reagiert, das wir später Hunger nennen werden. Wir wissen noch
nicht, wie es heißt, aber wir wissen, dass wir es nicht mögen. Wir
werden es unser ganzes Leben lang nicht mögen.
Wir bekommen nach der Geburt umgehend Nahrung angeboten, und zwar vom Feinsten. Ähnlich, wie wenn eine neue Boutique aufmacht, und alle Kunden bekommen am ersten Tag ein Glas Sekt in die Hand gedrückt. Direkt nach der Niederkunft produziert die mütterliche Brustdrüse das Kolostrum, die „Erstmilch“, die besonders reich an Proteinen, Enzymen, Vitaminen, Mineralien, Wachstumsfaktoren, Aminosäuren und Antikörpern ist, in der Beschaffenheit dickflüssiger und schleimiger, sie bildet gleichzeitig eine Schutzschicht auf den empfindlichen Schleimhäuten der Verdauungsorgane des Babys. Sie enthält Carotine, was ihr eine gelblich-orange Farbe verleiht. Erst nach etwa 5 Tagen wird endgültig die „normale“ Muttermilch hergestellt. Aber das wichtigste für das Fühlen des Babys: Es schmeckt hervorragend! Das Baby nimmt die Nahrung nur an, wenn sie gut schmeckt, sonst kann es nicht trinken. Babys lieben süß, verabscheuen bitter. Sie verziehen das Gesicht, wenn etwas nicht gut schmeckt, und verweigern die Nahrungsaufnahme. Wenn einem Baby die Nahrung nicht schmeckt, haben die Eltern ein Problem! Aber die Erstmilch ist nicht nur die perfekte Nahrung für das Neugeborene, sie schmeckt ihm Gott sei Dank auch gut. Babys trinken still und andächtig. Typisch für unsere wissenschaftliche Literatur ist natürlich, dass überall nur auf den enormen gesundheitlichen Nutzen der Muttermilch, insbesondere der Erstmilch hingewiesen wird, nicht aber auch auf den geschmacklichen Reiz. Es heißt in wissenschaftlicher Literatur, menschliche Muttermilch enthält – unter anderem - 7% Kohlenhydrate (die der Kuh nur 4,8%). Damit ist Zucker gemeint! Die Mutter schmeckt deutlich süßer als die Kuh. Das Baby trinkt nicht, weil es etwas für seine Gesundheit tun will, sondern weil ihm der Geschmack gut gefällt. Eine bittere Medizin würde es wieder ausspucken. Es vertraut vollständig und ausschließlich seinem Gefühl. Es weiß auch genau, wann es genug getrunken hat, weil es das fühlt. Deswegen hört es auf. Wenn man es weiter füttert, läuft es über.
1.5.
Individuum und Person
Für Erwachsene ist es kaum vorstellbar,
was es heißt: vollständig dem Fühlen zu vertrauen. Wir sind leider
kaum fähig, uns an die Zeit zu erinnern, als wir selbst uns noch in
diesem Zustand befanden. Die Erfahrungen und Erlebnisse aus dieser
Zeit - das sind immerhin die ersten zwei bis drei Jahre – die sich
zudem deutlich länger anfühlen als z.B. die letzten zwei bis drei
Jahre – sind von einer so sehr andersartigen Qualität als die
späteren Erlebnisse, dass unser Gedächtnis nicht imstande ist, sie
zu reproduzieren. Wir haben für dieses angeborene primäre
Dateiformat sozusagen keine Wiedergabemöglichkeit mehr. In der
Psychologie spricht man von „Primärprozessen“. Die
Erlebnisintensität und Unmittelbarkeit des Fühlens überfordert den
erwachsenen Betrachter, der sein Bewusstsein weitgehend nur noch auf
die Identifikation von Begriffen trainiert hat. Es bleiben uns
Begriffe, Wörter und Zahlen in Erinnerung. Alles hat einen Namen
bekommen. Die eigentliche Qualität eines Gefühls kann nicht
unmittelbar gespeichert werden. Wir vergessen, wie Schmerz sich
anfühlt, wenn wir ihn nicht unmittelbar fühlen. Wir behalten nur
das Wort: Schmerz, und erinnern uns an Dinge, die damit
zusammenhingen. Wir vergessen das Gefühl Hunger, sobald wir satt
sind. Und umgekehrt: Wir vergessen, wie es war, satt gewesen zu sein,
wenn wir wieder Hunger haben. Wir behalten nur eine abstrakte
begriffliche Erinnerung, sozusagen eine Verknüpfung, die genauso
heißt wie das Original-Gefühl, dieses jedoch nicht enthält. Wir
erkennen das Gefühl aber sofort wieder, wenn wir es erleben. Wenn
wir kommunizieren wollen, müssen wir die ausschließlich subjektive
Gefühlsebene verlassen und auf einer gelernten gemeinschaftlichen
Symbolebene operieren. Mit unseren Gefühlen sind wir immer allein,
aber die Wörter und Begriffe ermöglichen die Kommunikation. Der
Teil von uns, der fühlt, ist das „Individuum“ – lateinisch für
das „Unteilbare“. Es gibt etwas, das – im Gegensatz zu den
Atomen (griechisch für das „Unteilbare“), von denen man das über
lange Zeit auch angenommen hatte – eine Einheit darstellt, nicht
weiter teilbar. Der Versuch, diese Essenz unseres Wesens beschreibend
darzustellen, führt allerdings zu keinem Ende. Man findet nur immer
mehr von dem, was diese Seele nicht ist, ähnlich wie in der
Yoga-Lehre ein Erkenntnis-Stadium durchlaufen wird, das die Yogis
„neti-neti“ nennen – „weder dies noch das“.
Gefühle lassen sich nicht vollständig in Wörter und Begriffe übersetzen. Wir nehmen gern noch Musik und Bilder hinzu, in unserem Bemühen, mit anderen Individuen zu kommunizieren. Wir suchen nach gemeinsamen Symbolen, die eine Verständigung ermöglichen. In diese Richtung wird unsere Entwicklung gefördert, durch den Erwerb von Sprache und Kultur. Dies geht jedoch auf Kosten der ursprünglichen Gefühlswelt, die uns dadurch immer fremder wird. Wir können uns noch nicht einmal mehr daran erinnern, obwohl sie die persönlichste Schicht unseres Bewusstseins darstellt und auch noch vorhanden ist. Wenn man genau hinhört, klingt aus den Tiefen des Unbewussten noch immer eben dieses einmalige Individuum heraus – die „Person“! Das Wort Person enthält die lateinische Silben „per“, d.h. „durch“, und „sonare“, d.h. „klingen“. Die Person ist das, was durchklingt, was trotz der gemeinsamen Sprache einmalig und individuell, d.h. unteilbar ist.
Wieder zurück zu unserem Baby: Die Natur hat dafür gesorgt, dass wir unsere individuellen Bedürfnisse – als Gefühl – wahrnehmen und angemessen zum Ausdruck bringen können, als Person. Dies geschieht mit größter Präzision, und mit Hilfe uns liebender Bezugspersonen können wir die Babyzeit überleben und uns weiterentwickeln. Wir folgen einfach unseren Gefühlen. Es kommt jedoch der Zeitpunkt näher, an dem das nicht mehr so einfach geht!
„Die
größte Verletzung, die man einem Kind zufügen kann, ist die
Zurückweisung seines wahren Selbst. Wenn die Eltern die Gefühle,
Bedürfnisse und Wünsche ihres Kindes nicht respektieren, weisen sie
das wahre Selbst des Kindes zurück und zwingen es dazu, ein unechtes
Selbst zu entwickeln.“
-John
Bradshaw, Das Kind in uns.
Wir müssen vieles tun, damit der Körper sich zu einem gesunden, voll funktionsfähigen erwachsenen Organismus entwickelt. Damit der Bewegungsapparat störungsfrei bleibt, brauchen wir sehr viel Bewegung, vor allem in der Wachstumsphase. Dafür sorgen wir als Kind, indem wir uns freiwillig, lustvoll und gerne bewegen, in den Augen der Erwachsenen möglicherweise ziellos und unnötig. Diese erleben unseren natürlichen, gesunden Bewegungsdrang vielleicht als eher störend und anstrengend – wir als Kinder jedoch nicht. Es tut uns gut. Typisches Beispiel: Wenn Kinder längere Zeit – d.h. länger als 3-4 Minuten – still sitzen, entsteht leicht der Drang, sich nach hinten gegen die Rückenlehne zu lehnen und den Stuhl zu „kippeln“, zu balancieren. Wir wollen nicht umfallen, halten uns gerne irgendwo fest, z.B. am Tischtuch. Warum tun wir das?
1.6.
Die Mutter aller Konflikte
Probieren Sie es bewusst aus:
Kippeln sie auf einem geeigneten Stuhl (die Stühle früher in der
Schule waren ganz gut!) und achten Sie auf das Gefühl, das dadurch
erzeugt wird. Wenn es gut läuft, bekommen wir umgehend im unteren
Rückenbereich ein angenehmes und wohltuendes Gefühl von Entlastung.
Manchmal knackt es sogar, tut aber gut. Wir nennen dieses Manöver
„Bandscheibenstütze“, weil wir als Erwachsene wissen, dass die
Bandscheiben keine Blutversorgung haben und zu ihrer Ernährung,
Erhaltung und Pflege auf die umgebende Gewebsflüssigkeit angewiesen
sind. Dieser Vorgang wird durch eine Bewegung bewirkt, in der sich
die Bandscheiben so verformen, dass sie sich abwechselnd vollsaugen
und wieder auswringen. Dies ist für den Erwachsenen notwendig, aber
noch viel mehr in der Wachstumsphase. Die spätere
Funktionstüchtigkeit und Beschwerdefreiheit der Wirbelsäule, ein
besonders wichtiges Bauelement unseres Körpers, hängt davon ab. Wir
sind deswegen mit Gefühlen ausgestattet, die uns motivieren, uns in
bestimmter Weise zu bewegen, damit dieses Bauteil richtig wächst.
Wir strecken und dehnen uns, winden und drehen uns, meistens
unwillkürlich, aber dem Lustprinzip folgend. Es handelt sich um ein
echtes Bedürfnis aus der eingebauten Bedienungsanleitung für
unseren Körper. Bei Kindern ist dieses Bedürfnis noch deutlich
intensiver, wegen der besonderen Bedeutung der Wachstumsphase. Wenn
da etwas schief geht, lässt es sich später schwer korrigieren.
Deswegen entwickeln Kinder in hohem Maße eine Eigenschaft, die
Erwachsenen leicht an die Grenzen ihrer Geduld und Energie bringen
kann und die wir etwas missbilligend „motorische Unruhe“ nennen.
Aus dem Bereich der Seele kommt z.B. ein Signal: Tu etwas für deinen
Rücken und kippele mit dem Stuhl. Dass das gut für dich ist, merkst
du daran, dass es sich im Rücken gut anfühlt. Das genügt zunächst,
von Gesundheit hat das Kind in dem Alter noch kein Konzept. Es wird,
dem Gefühl folgend, ohne Zögern beginnen zu kippeln. Es wird
kippeln, so lange das sich besser anfühlt als nicht zu kippeln. Es
wird aufhören zu kippeln, wenn sich das besser anfühlt,
keine Sekunde später. Es wird dann etwas anderes tun, was sich im
Moment gut anfühlt. Es folgt, wie alle belebte Natur, dem von
Sigmund Freud so genannten Lustprinzip, wo immer es geht und
so lange es kann.
Also, das Kind folgt seiner Seele, d.h. seinem primären, unschuldigen Gefühl, und es tut etwas Richtiges für seinen kostbaren Körper, was es nur selber tun kann, wenn es sich von dem Gefühl leiten lässt: jetzt kippeln!
Nun sitzt aber neben dem Kind sein Vater oder sonst eine von den mächtigen Personen, mit denen das Kind zusammenlebt. Der Vater schaut sich das Kippeln eine kleine Weile an und wird dann vermutlich dazu Stellung nehmen. Er hat im Prinzip zwei Möglichkeiten:
1) Ah, ich sehe, du kümmerst dich gerade um deine Wirbelsäule, damit dieses anspruchsvolle Bauteil sich perfekt entwickelt und du später keine schwer behandelbaren Rückenbeschwerden bekommst, womöglich vorzeitig invalid wirst und uns im Alter nicht beistehen kannst. Ich möchte dich unterstützen. Soll ich deinen Stuhl ein wenig halten, damit du dich nicht an der Tischdecke festhalten musst und nicht nur dich, sondern auch unser Essen versehentlich in Gefahr bringst?
Oder:
2) Sitz still!
Möglichkeit 1) ist inhaltlich nicht so weit hergeholt, wie es uns zunächst erscheinen mag, ist jedoch eher unwahrscheinlich, entspricht in der Regel nicht unseren Erfahrungen. So viel Verständnis würde uns überwältigen und sehr glücklich machen! Da ist jemand in der Außenwelt wirklich auf unserer Seite! Großes, großes Glück.
Der Vater, oder wer immer mit der Sache befasst ist, erlebt das anders. Er hat vielleicht den Kopf voll mit Problemen, die nur er kennt und für deren Bewältigung er seine ganze Kraft braucht, er fühlt sich belastet und allein gelassen, enttäuscht, ängstlich und wütend. Er liebt auch sein Kind, kann sich aber wegen seiner eigenen emotionalen Zwangslage nicht für dessen Bedürfnisse öffnen. Er sieht nur den negativen Teil der Situation, die Gefahr, und versucht folgerichtig, dieser entgegenzutreten: Sitz still. Auch er meint es nur gut, so gut wie er im Moment kann.
Eine derartige Situation, in der im Bewusstsein zwei unvereinbare Impulse frontal aufeinander treffen, nennt man: Konflikt.
Wie geht es weiter? Es mag Kinder geben, die sofort kapitulieren, weil sie aufgrund ihrer Intelligenz oder ihrer Erfahrung die Aussichtslosigkeit der Lage erkennen, oder deren Bestreben, den Eltern entgegenzukommen, so stark ist, dass die einmalige Aufforderung: sitz still! genügt, und sie „folgen“. Aber selbst dann ist der entstandene Konflikt nur oberflächlich gelöst.
Es ist nämlich ein Konflikt zwischen dem persönlich gefühlten Bedürfnis des Kindes und den Anforderungen der Außenwelt entstanden. Dieser Konflikt kann nicht auf Dauer ertragen werden und bewirkt, dass wir nach Lösungswegen suchen, wie wir die gegensätzlichen Impulse der Innen- und Außenwelt unter einen Hut bringen können. Wir beginnen, die Möglichkeiten unseres Gehirns zu entdecken und zu gebrauchen: Wir denken! Wir machen Beobachtungen, experimentieren, planen, erwarten, entwickeln Theorien, versuchen, Ereignisse vorherzusagen, korrigieren unsere Erwartungen, speichern Erfahrungen, kurz: wir lernen. Die geschilderte Situation mit dem Kippeln ist nur ein kleines Beispiel für diesen wichtigen Vorgang, der sich unser Leben lang ständig abspielt, aber nie mehr so intensiv wie in der frühen Kindheit. Wir müssen denken, weil ein Widerspruch zwischen den Ansprüchen der gefühlten Innenwelt (Seele) und der erlebten Außenwelt besteht. Und wir können nicht mehr aufhören damit, weil die Lösungen immer nur vorläufig sind und ständig neue Anpassungen notwendig werden. Solche frühe fundamentale Vorgänge nennt man Prägung; die Programminformation wird in das Material eingearbeitet, ist selbst nach vollständiger Entfärbung noch erkennbar. Schwer zu vergessen, da nicht gelernt. Schwer zu modulieren, da überwiegend unbewusst und/oder unabsichtlich entstanden.
Zurück zu unserem Kippelkind: Es besteht also ein Konflikt zwischen dem eigenen, unschuldig gefühlten Bedürfnis nach besserer Durchflutung der Bandscheiben auf der einen Seite und dem Wunsch des Vaters nach Wohlverhalten. Wenn das Kind dem Vater folgt, muss es das eigene Bedürfnis opfern. Um dies vor sich selbst zu rechtfertigen, wird es möglicherweise bestrebt sein, herauszufinden, was denn die Alternative dazu ist. Dazu braucht es lediglich so zu tun, als hätte es die Aufforderung nicht gehört, und es kippelt weiter. Der Vater versteht intuitiv dieses Manöver: Er muss deutlicher werden. Je nach seiner persönlichen Befähigung wird er dann deutlicher, das Spektrum ist breit zwischen ruhiger Verhandlung und offener Gewaltanwendung. In jedem Fall wird er bestrebt sein, dem Kind klar zu machen, wo letztlich der Hammer hängt: Die Ansprüche der Außenwelt haben Vorrang! Für das Kind und seinen Lernprozess ist wichtig, herauszufinden, wie weit der Vater dabei gehen wird. Es wird versuchen, die Grenzen auszutesten. Dies geschieht nicht aus Trotz oder Bosheit, sondern bedeutet eine wichtige und gefahrvolle Expedition in eine unbekannte Welt, der man sich anpassen möchte, wenn man sie nur verstünde. Anders kann das Kind eine wichtige Stellgröße für seine weiteren Erkenntnisse nicht erfahren. Jugend forscht! Immerhin geht es um die Gesundheit des kostbaren Körpers. Dies geschieht dem Kind zwar nicht bewusst, bedingt aber die Wichtigkeit und Beharrlichkeit, mit der es vorgeht. Es wird häufig erkennen müssen, dass es in einem offenen Konflikt einfach keine Chance hat, dass möglicherweise niemand ihm hilft, seine unmittelbaren Bedürfnisse gegen die Ansprüche und Erwartungen der sozialen Außenwelt durchzusetzen. Das ist eine sehr wesentliche Erkenntnis. Es muss seine eigene Intelligenz entwickeln, um einen Weg zu finden, mit diesem Konflikt zu leben.
1.6.1.
„Ich“
Dieses sich allmählich entwickelnde „Ich“
übernimmt mehr und mehr die Aufgabe, unser Verhalten zu bestimmen.
Wenn ihm das gut gelingt, dann bekommt unser Körper im Großen und
Ganzen, was er braucht, um sich gut zu entwickeln und gesund zu
bleiben – selbst in einer relativ verständnislosen Außenwelt
können wir überleben oder sogar Anerkennung finden. Aus dem
Urkonflikt zwischen Innen und Außen entsteht also eine mächtige
Verwaltung, welche diese Aufgabe übernimmt. Für dieses „Ich“
hatten die alten Griechen das Wort „psyche“, dessen Symbolfigur
ein Mädchen mit Schmetterlingsflügeln war, ein sehr zartes Wesen
(wir erinnern uns, dass Schmetterlingsfügel keine Berührung
tolerieren!). Psyche wird im antiken Märchen von Amor (Sohn der
Liebesgöttin Venus) ent- und verführt. Die beiden kriegten übrigens
eine Tochter namens „Voluptas“, deutsch: Wollust (wenn jemand die
Symbolik weiterspinnen möchte).
Die
Römer nannten es „mens“, davon kommt: mental. Es kennzeichnet
die Ebene der mentalen Vorgänge. Ein römisches Sprichwort sagt:
„mens sana in corpore sano“ – ein gesunder Geist in einem
gesunden Körper. Dies bedeutet: Ein gesundes Ich ist in der Lage,
den Ansprüchen der Außenwelt standzuhalten und dabei noch die
Bedürfnisse des Körpers genügend zu berücksichtigen, und dieser
bedankt sich durch Gesundheit. In die andere Richtung, wie das
Sprichwort leider häufig oberflächlich missverstanden wird,
funktioniert es nicht so gut: Ertüchtigung und Pflege des Körpers
produzieren nicht unbedingt einen gesunden Geist! In Englisch heißt
dieser Teil von uns „mind“. Wir nennen dieses Phänomen in
deutsch meistens „Geist“.
1.6.2.
Gespenster
Geist ist ein merkwürdig unscharfes Wort, das vom
Nachtgespenst bis zum heiligen Geist sehr unterschiedliche Dinge
benennt. Bei genauerem Hinsehen finden sich allerdings
Gemeinsamkeiten von Gespenstern und dem „Geist“, der als
ursprünglich als Schnittstelle zwischen Seele und Außenwelt
entstand. Bei Geist sowie bei Gespenst besteht gleichermaßen
Unsicherheit hinsichtlich des Realitätsgehalts, der Teilhabe an der
Wirklichkeit, die im Licht erst erkennbar wird. Beiden kann man
schwer entfliehen. Auch wenn der Realitätsgehalt fraglich ist,
besitzen sie doch große Macht. Das Gespenst kann zwar durch
verschlossene Türen und sogar durch massive Wände gehen, kann einen
aber nicht erwürgen. Es hat keine Hände. Doch es kann einen z.B.
vor Angst zum Wahnsinn treiben oder in große Gefahr bringen, bis zum
Selbstmord. Es gibt allerdings auch wohlwollende Gespenster (ich
spreche hier von Literatur. Ich selbst habe keinen Grund, an
Gespenster zu glauben). Den Aktionen von Gespenstern haftet
typischerweise etwas Unstabiles an, alles war nur Illusion und
Gaukelei, die mit dem Ende der Geisterstunde (der dunkelsten Stunde
der Nacht) rückstandsfrei verfliegt – wenn der Held dann noch am
Leben und bei Verstand ist. Spätestens mit dem Tageslicht vergeht
der Spuk.
Romantische Gespenster verdanken ihre Entstehung meistens ungelösten Konflikten, z.B. ungesühnten Verbrechen, und stehen oft in Verbindung zu einer tragischen Schuldproblematik. Gespenster können erlöst werden! Das ist allerdings nicht leicht, sondern erfordert ein ungewöhnlich hohes Maß an Opferbereitschaft, Reinheit, Unschuld und Liebe. Keine Macht der Welt kann den Fluch besiegen. Deswegen können darüber locker einige Jahrhunderte oder Jahrtausende vergehen. Häufig haben auch Engel oder andere gute Geister die Hand im Spiel. Am Ende soll das Gespenst erlöst sein, und die Unschuld erhält Zugang zu einem Schatz. Die Wahrheit wird offenbar. Der Spuk ist endgültig vorbei.
Dieses Schema durchzieht die Märchen- und Mythenwelt aller Völker und stellt einen Archetyp dar, d.h. ein gestalthaftes Symbol für etwas, das dem kollektiven Unbewussten der gesamten Menschheit angehört, eine anders nicht fassbare existenzielle Grunderfahrung.
Unsere Sprache und Kultur verändert sich andauernd. Die Archetypen sorgen z.B. dafür, dass bei aller Vielfalt eine gewisse Grundstruktur bleibt und die Sprachen ineinander übersetzbar bleiben, selbst über große Zeiträume und Distanzen. An diesen Stellen ist unser Bewusstsein sozusagen fest verdrahtet. Das habe wir von Mutter Natur mit auf den Weg bekommen. Wir würden sie sonst vielleicht völlig aus den Augen verlieren. Die Archetypen enthalten Botschaften, die bei jedem Kontakt gewisse Updates im Bewusstsein hervorrufen oder aktivieren. Durch ihre Analyse können wir besser verstehen, was sie von uns will. Es ist nicht verkehrt, ihre Vorgaben ernst zu nehmen. Diese Entdeckung verdanken wir C. G. Jung.
In jedem Fall stellt das Gespenst, auch wenn es ziemlich alt werden kann, einen letztlich unerwünschten und erlösungsbedürftigen Daseinszustand dar. Es ist häufig leidend und gequält – trägt Ketten, nicht heilende Wunden oder hat den Kopf unter dem Arm. Meistens ruhelos, besonders nachts, und kann es richtig böse werden. Es kann Gruppen bilden (z.B. einen „Team-Geist“, der wiederum ganz eigentümliche Eigenschaften entwickeln kann), ist aber oft einsam, rechnet eigentlich nicht mit seiner Erlösung und vertreibt sich die lange, sinnlose Zeit mit allerlei Schabernack. Es agiert eigentlich eher zwanghaft und humorlos, hat manchmal aber einen grimmigen Spaß daran, Ungerechtigkeiten, Ungereimtheiten und Schwächen im Leben der Menschen aufzudecken und der Strafe zuzuführen. Erlöst wird es, indem es endlich seinen Frieden findet, dann hört es auf zu existieren. Dies kann es nicht allein. Auch die sonst so mächtige Zeit vermag nicht die Wunden des Gespenstes heilen, es braucht die Begegnung mit der Liebe, wobei klar ist, dass es sich dabei nicht um eine oberflächliche erotische Spielart dieses Gefühls handeln darf. Diese wird eher bestraft, bevorzugt mit einem bösen Erwachen. Nur wahre, unschuldige und reine Liebe hat die Macht, das Gespenst zu erlösen.
Kann es sein, dass uns dieses Gespenst irgendwie bekannt vorkommt?
1.7. Geist
Wenn es heißt: Der Mensch besteht aus Körper,
Geist und Seele, dann kann dies so verstanden werden: Der Körper
besteht aus Wasser und Erde („Lehm“), aus zunächst unbelebten
Elementen, die durch die Aktivität der Pflanzen so aufbereitet
wurden, dass sie miteinander auf eine ganz besondere Weise
kommunizieren können.
Seele nennen wir das innerste Prinzip, das diesem „Lehm“ Leben
einhaucht (der „Odem“). Wir können über die Natur dieses
Phänomens nur begrenzte und beschreibende Aussagen machen. Wir
sehen, dass dieser Odem die Macht hat, eine Ansammlung von eigentlich
leblosen Elementen der Erdkruste über einen beachtlichen Zeitraum so
zu animieren, dass sie herumläuft, denkt, fühlt, spricht,
wahrnimmt, tanzen und singen kann. Ähnlich wie sogenannte
Staubteufel (Abb. 5) in der Wüste, wo manchmal der Wind Material vom
Boden erfasst und herumwirbelt, tanzen lässt in einer scheinbar
lebendig anmutenden Gestalt, bis der Staubteufel nach ein paar
Minuten wieder in sich zusammenfällt und auf den Boden zurückkehrt.
Der Staubteufel wirbelt Staubpartikel auf, die sich aneinander reiben
und sich dadurch elektrisch aufladen. Die kreisenden Ladungen
erzeugen sogar ein Magnetfeld und geben Energie ab. Der Staubteufel
macht Krach. Aber die eigentliche Antriebsenergie kommt vom Wind
Der
Staubteufel besteht aus Staub (es gibt auch Varianten mit Sand,
Schnee, Wasser, Nebel, Feuer) und Wind. Er ist ein faszinierendes
Wetterphänomen, aber Geist wird man ihm nicht zusprechen. Das kann
der Wind nicht. Wenn aber der „Odem“ in die Erde greift,
entstehen noch viel faszinierendere Gebilde! Solche, die z.B.
sprechen und hören können.
Staubteufel gibt es auch auf dem Mars! Der kleine automatische
Mars-Rover der NASA hat welche dabei fotografiert, wie sie seine
Reifenspuren verwischen. Aber die Frage, ob es LEBEN auf dem Mars
gibt, hängt vermutlich daran, ob es LEHM auf dem Mars gibt –
dieses interessante Gemisch aus Mineralien und flüssigem Wasser.
Damit könnte vielleicht der Odem etwas anfangen! Inzwischen wird der
Mars, im Unterschied zum Mond, von seinen Staubteufeln schön
aufgeräumt. Man kann ein Video davon im Internet sehen, unter
http://en.wikipedia.org/wiki/File:Marsdustdevil2.gif
„All
we are is dust in the wind“
-Kansas, US-Rockgruppe, 1977.
1.7. Geist
Unter Geist verstehen wir unseren eigenen
Beitrag zum Menschsein. Unter dem Erleben der Unvereinbarkeit der
gefühlten eigenen Bedürfnisse mit den Ansprüchen der Außenwelt
beginnt unser begrenzter Verstand, sich einen Reim auf die Dinge zu
machen. Diesen Vorgang nennen wir Denken, und auch hierbei handelt es
sich um eine angeborene Fähigkeit. Wir tun es gerne. Besonders
lieben wir das Gefühl, etwas zu verstehen, wenn das Denken zu einer
Vereinfachung führt, indem es Beobachtungen, Annahmen und
Erfahrungen so miteinander verbindet, dass zutreffende Erwartungen
entstehen. Wir lernen gerne, auch wenn wir uns nicht unbedingt gerne
belehren lassen. Durch diese unablässige, mentale (von „mens“ =
Geist ) Arbeit entsteht in, sagen wir einmal: unserem Kopf, eine
zweite, gleichsam virtuelle Welt, die wir besser verstehen, als die
sich ständig verändernde durch die Sinne vermittelte Welt. Sie
stammt immerhin aus unserer eigenen Produktion, deswegen haben wir
eine Chance, sie zumindest teilweise zu verstehen. Wir besitzen
Vorstellungskraft. Es ähnelt einem Computermodell, welches durchaus
Vorhersagequalitäten hat. Es ist aber nie ganz real, sondern muss
durch Lernprozesse, Erkenntnisse und Vergessen immer wieder angepasst
werden, um bessere Vorhersagegenauigkeit zu erreichen. Durch
Wahrnehmung und Gefühle findet ab und zu ein Realitätsabgleich
statt, aber hauptsächlich leben wir in unserer Vorstellungswelt.
Diese neigt dazu, immer komplizierter zu werden, so wie Gesetzbücher
immer dicker werden. Wir wollen das eigentlich nicht, aber es
geschieht trotzdem. Wir versuchen, unser „Computermodell“ zu
einer möglichst genauen Übereinstimmung mit der Realität zu
bringen. Das Modell selbst fängt an, Forderungen zu stellen, um
dieses Ziel zu erreichen. Es wird immer mächtiger und beherrscht uns
schließlich ohne wesentliche Konkurrenz. Nur eines kann es nicht:
Fühlen. Es bleibt seiner Natur nach immer nur ein reduziertes Abbild
der wirklichen Welt, im günstigsten Falle ein Schatten der
grandiosen Wirklichkeit, die inzwischen auch nicht still hält,
sondern sich im Laufe der Zeit unablässig verändert, ohne sich
jemals wirklich zu wiederholen.
Unsere Vorstellungswelt dagegen kann lange stagnieren, vor allem, wenn ihr ein paar Vorhersagen scheinbar gelungen sind. Wir hassen es, wenn unsere Vorstellungen nicht mit der erlebten Realität übereinstimmen. Es macht uns hilflos. Wir lieben nicht unbedingt die Realität, wir lieben unsere Vorstellung davon, und wir verteidigen diese auch. Die echte Realität braucht man nicht zu verteidigen, aber unser so entstandener „Geist“ ist unruhig und wachsam, immer bestrebt, innere Widersprüche und Programmfehler auszugleichen, sich zu vervollkommnen in seiner Simulation von Wirklichkeit. Es ist jedoch ziemlich unausweichlich, dass sich nach langer Arbeit am mentalen Simulationsmodell die realen Gegebenheiten so sehr verändert haben, dass Vorhersagen immer weniger zutreffen. Wir befinden uns auf einmal im Irrtum, das heißt, wir irren in der Realität umher und finden auf unserer mentalen Landkarte (oder, moderner, unserem mentalen Navi) keine ausreichende Übereinstimmung mehr. Jeder Autofahrer kennt das: Je größer die Unsicherheit hinsichtlich der eigenen Position wird, desto mehr beschäftigt er sich mit der Karte - und desto schneller fährt er. Doch die Landschaft hat sich verändert, die Karte ist nutzlos geworden, und die erhöhte Geschwindigkeit führt nur zu vermehrtem Verbrauch und gesteigertem Unfallrisiko. Die auf der Karte eingetragene Raststätte ist nirgendwo zu sehen. Doch wir haben uns darauf verlassen, dass sie da sein würde, und wir haben Hunger! Ein echtes Bedürfnis, das in einem virtuellem Restaurant nicht gestillt werden kann. Vielleicht können wir für die Unstimmigkeit der Karte eine Erklärung finden, aber dem Hunger nützt eine Erklärung nicht. Spätestens jetzt beginnen wir zu leiden. Die Oase ist nicht da, und wir sind mitten in der Wüste! Und unser Geist mit seinen langweiligen Erklärungsversuchen fängt an, uns auf die Nerven zu gehen. Wir werden richtig schlecht gelaunt.