
In einer fernen Zeit haben Kriege und Umweltkatastrophen die Erde verwüstet. Erid, einer der wenigen Überlebenden, lebt jahrelang einsam in einer Höhle. Da taucht in der Ferne ein Licht auf und eine Wölfin sucht sein Vertrauen. Er wagt sich aus dem Schutz seiner Höhle. Ein Weihnachten könnte es in jedweder Zukunft geben.
Der Kurzroman „Leuchtende Hoffnung“ ist als Adventskalender organisiert; zwischen jedem Tag ein Foto vor dem Lese- und Vorlesetext des Tages.
Was andere dazu sagen:
„Die Geschichte handelt irgendwann in ferner Zukunft und doch scheint es, als wäre man zurück in der Steinzeit. die Autorinnen malen ein hoffnungsloses Szenario: Winter - Kälte und Schnee, soweit das Auge reicht, Einsamkeit, in ihr lauernde Gefahren in Gestalt von Krankheit, Hunger, Tod und Wölfen. (...)Advent - die Ankunft - ganz klassisch geht hier der Protagonist einen Weg, der ihn am Ende ankommen lässt. Das Licht - Hoffnung und Vertrauen - traditionelle Weihnachtsbilder in einer ungewöhnlichen Weihnachtsgeschichte.“
Leuchtende Hoffnung
Science Fiction – Adventskalender
Smashwords Edition
Herausgeberin: Annemarie Nikolaus
Copyright 2011: Annemarie Nikolaus, Annette Paul, Elsa Rieger, Evelyn Sperber-Hummel, Renate Hupfeld, Tine Sprandel, Sigrid Wohlgemuth
Smashwords Edition, License Notes
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Inhalt
1.12.
Erid hockte in seiner Erdhöhle. Es tropfte von der Decke ins Feuer. Bei dem Gedanken, dass über ihm eine dicke Schneedecke lag und keine Aussicht auf Veränderung bestand, schüttelte er sich.
Sein Holzvorrat ging dem Ende zu; spätestens am Morgen musste er nach oben gehen. Fintenreich hungrigen Wölfen ausweichen auf der Suche nach Brennmaterial, das dann feucht war und ewig brauchte, bis er damit heizen konnte. Er stöhnte, als er daran dachte. Kratzte sich zwischen den dreckigen Zehen. Morgen würde er auch einen Eimer Schnee hereinholen, um eine Katzenwäsche zu veranstalten. Sein Erdbunker stank schon nach ihm. Er rümpfte die lange Nase.
Die Winter wurden immer länger. Jetzt musste ungefähr Anfang Dezember sein – mittlerweile konnte man mit acht Monaten Winter rechnen. Dabei war er ein absoluter Sonnenanbeter gewesen, der die Hitze liebte. Missmutig betrachtete er seine glanzlose braune Haut.
Von der Decke bröselte Erde auf seinen Kopf herunter. Da marschierten die Bisons wieder über ihm hinweg. Die Horde stampfte, alles vibrierte. Hoffentlich brach die Felsdecke nicht eines Tages ein. Sie würden ihn kurzerhand erdrücken.
Erid griff nach den Nussvorräten und klopfte ein paar Walnüsse mit einem Stein auf. Das Beben hörte auf und er seufzte erleichtert.
Dann bestieg er das Rad, das den Generator antrieb, um Musik zu hören. Während er gegen den Muskelschwund anradelte, lauschte er ergriffen Mozarts Requiem. Er hatte einige Schallplatten und den Plattenspieler hierher geschafft. Viele Nächte war er dafür unterwegs gewesen zwischen seiner Wohnung in der zerstörten Stadt und diesem Platz, der kilometerweit entfernt lag.
Die Höhle hatte Erid durch Zufall beim Wandern entdeckt. Damals lag der Eingang offen. Jetzt hatte er ihn mit Steinen getarnt. Aber immer, wenn er hinaus musste, überfiel ihn die Angst, sein Bau wäre anderweitig bewohnt, wenn er zurückkehrte. Bisher hatte er Glück gehabt.
Der letzte Satz des Requiems war zu Ende. Erid stieg vom Rad, legte sich aufs Bett aus Fellen, blies die Kerze aus.
Am Morgen rüstete er sich, um auf Holzsuche zu gehen. Vielleicht lief ihm auch ein Schneehase über den Weg, den er fangen konnte. Die Nüsse hingen ihm schon zum Hals heraus. Er räumte den Steinhaufen beiseite, der das Loch tarnte, und kroch nach draußen. Das gleißende Weiß ließ Erids Augen tränen. Er schlüpfte in die Riemen, die seine Schneeschuhe unter den Stiefeln hielten und machte sich auf den Weg.
Die Sonne verwandelte das vor ihm liegende Feld in Millionen Glitzerkristalle. Bei dieser Helligkeit würden die Wölfe wohl kaum aus dem Wald herauskommen, um ihn zu jagen.
Vorsichtig näherte Erid sich dem Waldesrand. Keinesfalls hatte er vor, tief hineinzugehen, aber das Bruchholz hier war nur spärlich vorhanden.
Er wagte sich zwei Meter weit zwischen die Bäume, den Blick wachsam auf die entferntere Umgebung gerichtet.
Deswegen übersah er eine Fichtenwurzel und verfing sich mit dem Schneeschuh darin, knallte der Länge nach hin. Als er aufstehen wollte, knickte der Knöchel weg. Den Schmerzensschrei unterdrückte er, biss sich auf die Lippen. Ängstlich blickte er in die Tiefe des Waldes, aber es war alles still geblieben. Er hinkte aufs Feld hinaus – wahrscheinlich hatte er sich ein Band im Knöchel gezerrt. Plötzlich hielt er an. Am Horizont, wo sonst das Blau des Himmels mit dem Schnee eine gemeinsame Linie bildete, war ein merkwürdiges rötliches Leuchten zu sehen.
2.12.
Sollte das die Sonne sein? Kündigte sie das nahe Ende des Winters an? Erid vergaß den schmerzenden Knöchel und seine Brust weitete sich bei dem Gedanken an den Frühling. Vielleicht dauerte es nur noch kurze Zeit, bis die Wärme sich wieder für ein paar Monate über der Erde ausbreitete.
„Sonne, ich bete dich an“, flüsterte Erid, kniete nieder und hob die Hände.
So ein Blödsinn! Er rappelte sich wieder hoch.
„Wenn mich hier einer sehen könnte, der würde glauben, ich hätte einen an der Klatsche. Im Schnee knien und die Sonne anbeten. Der monatelange Winter hat meinen Verstand eingefroren.“ Frühling! Ebensolch ein Blödsinn. Es war doch erst Anfang Dezember. Woher sollte da der Frühling kommen?
Sicher, die Welt war verrückt, daran hatte man sich gewöhnt. Kriege, heilige, demokratische und machtgierige, gehörten zum Alltag. Millionen von Menschen waren gestorben, hinzu kamen Erdbeben, Flutkatastrophen und Seuchen. Die Medien hatten jeden Tag die Sterbeziffern gemeldet. Welche Namen standen hinter den Ziffern? Was waren es für Menschen gewesen, welche Wünsche, Hoffnungen, Ängste hatten sie gehabt? Viele von ihnen hatten gebetet. Weder Allah noch der christliche Gott hatten ihre Gebete erhört. Nun lagen sie unter der Erde und könnten sich damit trösten, dass sie nach allen Schrecken, die sie erlebt hatten, diese endlos langen Winter nicht ertragen mussten und nicht die Einsamkeit.
Und er ertrug sie schon seit Jahren. Drei Jahre Einsamkeit und monatelange Winter. Wie oft hatte er die Hoffnung verloren, wenn die Angst kam, dass der Winter nie aufhören würde. Wenn die Wölfe heulten und seine Essensvorräte fast aufgebraucht waren. Und dann wurde es doch wieder Frühling und mit ihm kam die Hoffnung zurück, dass es irgendwo jemanden geben könnte, der einsam war wie er und auf der Suche nach einer menschlichen Begegnung.
Und jetzt dieser Lichtstreifen am Horizont, der immer breiter und immer glühender wurde, als wollte er das Eis und den Schnee wegtauen. Ein Hoffnungsschimmer? Oder stand wieder ein Stück Welt in Flammen? Unwillkürlich schnupperte er, als könne er mit seiner langen Nase aus so weiter Entfernung Brandgeruch wahrnehmen.
Die Luft war klar und frostkalt. Sein Knöchel schmerzte.

3.12.
Erid beendete seinen Ausflug in die Gedankenwelt, stand auf und ging beladen mit dürren Ästen den Weg zurück zu seiner Höhle.
Plötzlich raschelte es nicht weit entfernt. Schnell duckte er sich hinter einen Felsvorsprung und legte die Zweige auf den Boden, ohne viel Geräusch zu verursachen. Ängstlich wagte er einen Blick hinüber zum Tannenwald.
Die Bäume waren längst nicht mehr grün. Vertrocknet, abgestorben, standen sie dicht aneinander gereiht und bildeten einen düsteren Kontrast zum Schnee. In der Ferne bewegte sich ein Schatten in dem rot leuchtenden Panorama.
Er kniff die Augen zusammen, um besser zu erkennen, was sich auf ihn zu bewegte. Ein Wolf! Angespannt drückte er sich dichter an den Stein; hoffentlich hatte der Wolf ihn noch nicht gewittert. Er fror, versuchte seine Hände zu reiben, die Zehen zu bewegen. Unendlich lange hockte er da.
Sollte er sich trauen, nochmals hinüber zu schauen? Er beugte sich vor. Erschrak und fiel rückwärts in den Schnee. Der Wolf stand unmittelbar vor ihm und taxierte ihn aus seinen gelbgrünen Augen.
Erid schluckte heftig; sein Herz raste. Minuten vergingen, bis er wagte, sich aufzurichten. Der Wolf ging einen Schritt zurück und legte sich in den Schnee. Neben ihm färbte sich die weiße Fläche langsam rot. Der Wolf war verletzt.
Hat er ihn aufgespürt, dass er ihm helfe? Er kramte in seinen Erinnerungen: Wurden verwundete Wölfe aus dem Rudel ausgestoßen? Er war sich nicht sicher; es war lange her, zu viel an Grausamkeiten in all den Jahren passiert; die Einsamkeit hatte ihn vergessen lassen.
Er stand auf, ging langsam auf den Wolf zu und kniete sich neben ihn.
Er legte sich auf die Seite und schnaufte heftig dabei. Am Bauch hatte er eine größere Wunde.
„Ganz ruhig, wir gehen zu meiner Höhle. Steh auf!“ Als er sich selbst erhob, spürte er einen dumpfen Schmerz in den Zehen und einen Stich im Knöchel. Der Wolf blieb mit geschlossenen Augen liegen.
Da bückte er sich, schob seine Hände unter das Tier und hob es hoch.
„Das Holz kann ich später holen.“ Er beobachtete den Wolf, als erwarte er eine Reaktion.
Auf den letzten Metern schien der Wolf an Gewicht zuzunehmen. In die Knie gedrückt gelang es Erid trotzdem, ihn in die Höhle zu tragen und legte ihn auf einen mit Stroh bedeckten Platz. Schnell zündete er mit dem verbliebenen Holz ein Feuer an, holte Schnee und ließ ihn in einem Topf schmelzen. Als das Wasser heiß genug war, zerriss er ein Laken, tauchte es hinein und wusch die Wunde aus. Der Wolf öffnete die Augen, stöhnte, versuchte sich zu bewegen, wurde aber gleich wieder bewusstlos. Erid legte ihm getrocknete Heilkräuter aufs Fell und wickelte dann den Rest des Laken fest um seinen Bauch.
Erst jetzt betrachtete er das Tier in seiner gesamten Länge. Ein Weibchen. Das Fell war gräulich; ein schönes Tier! Er streichelte den Nacken der Wölfin. Auf einmal stieß er auf einen harten Gegenstand. Er beugte sich tiefer, schob das Fell leicht auseinander. Etwas Rotes schimmerte ihm entgegen. Es hing an einem Lederband.
Vorsichtig öffnete er den Knoten, zog es unter der Wölfin hervor und ging zum Höhleneingang, um es besser erkennen zu können. In seiner Hand lag ein sternförmiger roter Stein, er glitzerte wie der Himmel zuvor in der Ferne. Er hielt den Anhänger höher ins Licht und erschrak. In seinem Inneren schien sich etwas bewegen. Zudem waren Buchstaben darauf eingraviert. Er kniff die Augen zusammen, um sie zu erkennen. Langsam las er:
H o f f n u n g s s t e r n.
Was hatte das zu bedeuten? Ein roter Hoffnungsstern? Wurde früher nicht immer gesagt, die Hoffnung sei grün? Und wie lange war es her, dass dieses Wort einen Wert hatte? Hoffnung! Pah! Erid schob den Stein in die Hosentasche, ging zurück in die Höhle und sah nach dem Tier, das mit gleichmäßigen Atemzügen schlief. Dann machte er sich auf den Weg, um das Feuerholz zu holen.
4.12.
Immer noch glühte der Horizont. Rasch schritt Erid voran, sein Knöchel hatte sich beruhigt und eine seltsam frohe Stimmung erfüllte ihn. Endlich nicht mehr so allein! Ihm wurde warm. Er summte vor sich hin, während er am Waldesrand gefrorene Äste von den Bäumen brach.
Mit einem großen Bündel Holz kehrte er in die Höhle zurück. Die Wölfin blickte ihn mit funkelnden Augen an, fiepte und bewegte die Rute, als er eintrat.
Erid lächelte. „Hope!“ Er legte das Bündel neben die Feuerstelle, „Hope, du bist meine Hoffnung. So werde ich dich nennen.“
Mit langsamen Bewegungen näherte er sich dem Tier. Er hockte sich neben Hope und streckte ihr die Hand entgegen. Sein Herz platzte fast vor Glück, als sie mit ihrer rauen Zunge seine Handfläche leckte. „Hope“, flüsterte er ergriffen.
An sie gedrückt schlief Erid ein.
Am nächsten Morgen war Hope sichtlich erholt. Erid untersuchte die Wunde, die sich geschlossen hatte.
„Wollen wir das Glühen erforschen? Was meinst du?“
Hope lief unruhig auf und ab.
Als sie vor die Höhle traten und loswanderten, blieb Hope an seiner rechten Seite. Das Licht vor ihnen glühte nun weniger intensiv – ein schmaler rosaroter Streifen.
Nachdem Erid und Hope an die zwei Stunden über die sanfte Hügellandschaft gelaufen waren, hatte er den Eindruck, verfolgt zu werden.
5.12.
Erid ging weiter und lauschte. Er wagte nicht sich umzudrehen. Zu groß war seine in den Jahren antrainierte Furcht. Nur keine Angst zeigen, Feinde witterten die Angst. Gleichzeitig flammte in ihm aber die Gewissheit auf, dass hinter ihm keine Gefahr lauerte. Erstaunlich, dass er dieses Gefühl nach all den Jahren der Hoffnungslosigkeit erkannte.
Hope folgte ihm knurrend, widerwillig, und berührte sein Bein. Langsam drehte sich Erid um. In einer Linie folgten ihnen eine Hand voll Gestalten in aufrechtem Gang. Sie waren von Kopf bis Fuß in Felle gehüllt; es war nicht zu erkennen ob es sich um Steinzeitmenschen, Menschen aus Erids Jahrhundert oder Fabelwesen handelte, ob Mann oder Frau.
Als Erid seinen Schritt verlangsamte, wurden auch sie langsamer, beschleunigte er, beschleunigten auch sie.
Hope knurrte noch immer. Erid verharrte und versuchte sie zu beruhigen, strich ihr durch das warme Fell, das Tier zitterte aufgeregt unter seiner Hand. Hinter ihnen summten die Gestalten in tiefen Tönen, so tief, dass die Töne Erid bis in die Eingeweide drangen, aber sie näherten sich nicht.
Hope schnupperte und zerteilte mit ihrer Schnauze den Schnee vor sich. Dann grub sie mit den Vorderbeinen. Der Schnee flog in alle Richtungen, sie scharrte immer heftiger und versank bald ganz im Loch. Erid wartete, den Hoffnungsstern fest im Griff. Eine unterirdische Höhle? Eine Quelle, ein Durchgang ins Land der Sonne?
Er lächelte und drehte sich zu den summenden Gestalten um. Sie hatten sich auf Äste gestützt, ihre Gesichter waren fast vollständig von Haaren und Fellen geschützt, Erid blickte in dumpfe Augen. Augen ohne jede Hoffnung. Die Äste gaben den Gestalten den letzen Halt, damit sie nicht umsackten und im Schnee für immer einschliefen.
Erid befiel Panik. Seine Vorräte hatte er in der Höhle gelassen. Er würde zehn Wesen beim Sterben zu sehen müssen und Hope grub gerade das Grab. Das war schlimmer als die Jahre der Einsamkeit in der Höhle. Das war der Blick in die Hölle.
Aus den Tiefen der Schneegrube klang Hopes Fiepen zu ihm. Es steigerte sich zu einem Jaulen, bis Erid schließlich hinunterstieg. Darum also hatte die Wölfin genau an dieser Stelle zu graben begonnen.

6.12.
Hope stand auf einer Kiste und daneben befand sich eine zweite. Erid öffnete die Kisten. Da drin lagen gedörrte Früchte, Zwieback, getrocknetes Brot und Käse sowie Schokolade. Er füllte seine Taschen und kletterte nach oben. Er ging auf die summenden Gestalten zu, hielt ihnen das Brot und die Früchte hin. Und die Schokolade. Da war es, als zöge jemand den trüben Schleier von ihren Gesichtern und ihre Augen fingen an zu leuchten. Sie nahmen die Geschenke, aßen, und in ihre Körper kehrte das Leben zurück. Erid zeigte ihnen die beiden Kisten in der Schneegrube. Sie lachten und umarmten einander. Dankten Erid mit Worten, die er nicht kannte, doch ihre Freude und das Glück waren unmissverständlich. Sie hörten nicht auf zu summen. Aßen, tanzten und lachten.
Erid und Hope gingen weiter. Das Lachen hinter ihnen wurde leiser und bald waren sie wieder allein. Plötzlich blieb Hope stehen und knurrte.
So weit das Auge reichte, keine Menschenseele und kein Tier. Weit vor ihnen lag ein Tannenwald. Schneeflocken fielen. Eine scharfe Brise peitschte sie auseinander.
Hope stand da mit gesträubten Nackenhaaren. Ihre gelbgrünen Augen glühten. Sie witterte, knurrte jedoch nicht mehr und ging ein Stück vorwärts. Erid stand wie erstarrt. War ein Geist in der Nähe? Konnten Wölfe Geister riechen?
Hope blieb stehen. Leise fing sie an zu winseln, sie schien sich an etwas zu drängen, setzte sich in den Schnee und senkte den Kopf. Erid vergaß für Sekunden zu atmen. Hope legte sich auf die Erde und ihr Fell wurden niedergedrückt, als striche ihr jemand darüber. Was ging da vor sich? Warum hatte die Wölfin sich hingelegt? Jetzt schloss sie die Augen.
„Hope!“ Erid war mit wenigen Schritten bei ihr. Er kniete neben ihr nieder und streichelte sie. Da packte jemand seine Hand und eine dunkle Stimme sagte: „Ich habe dir die Hoffnung geschickt, damit sie dich ins Leben zurückbringt. In ein Leben, in dem die Wahrheit gilt und die Heuchelei keinen Platz hat.“
„Wer bist du?“ Erid stand auf und tastete nach einem, den er nicht sehen konnte.
„Ich bin, der ich bin“, war die Antwort des unsichtbaren Wesen.
„Mein Gott.“ Erid rieb sich die Augen. War er verrückt geworden? Hörte er Gespenster?
„Ich habe deine Gedanken vernommen, habe gehört, wie du über die Religionen, die Kirchen geschimpft hast. Ja, oft haben die Kirchen falsche Botschaften in die Welt gesandt. Botschaften, die weder ich noch die Propheten verkündeten. Kriege sind geführt worden in meinem Namen. Sinnlose Kriege. Man hat meinen Namen missbraucht.“
„Wenn du Gott bist, von dem es heißt, er sei allmächtig, warum hast du die Kriege nicht verhindert? Warum hast du das Leid der Menschen und Tiere zugelassen? Warum hast du zugelassen, dass die Erde verwüstet wird? Warum?“
Der Unsichtbare schwieg.
„Warum?“ Erid boxte mit beiden Fäusten in die Luft, als wolle er den Unsichtbaren treffen.
„Ich habe den Menschen die Freiheit gegeben, sich für Gut oder Böse zu entscheiden“, sagte der Unsichtbare.
„Gott, du machst es dir zu leicht! - Du hast den Menschen die totale Freiheit gegeben, aber nicht die Besonnenheit, um mit dieser Freiheit verantwortungsbewusst umzugehen.“
„Ich habe dem Menschen die Vernunft gegeben, dadurch unterscheidet er sich von allen anderen Wesen auf der Erde.“
„Und warum sind die Menschen unvernünftig? Steckt der Teufel dahinter? Bist du gegen den Teufel machtlos?“ Der Zorn vieler Jahre schäumte in Erid hoch. „Gott, du hast die Menschen im Stich gelassen.“
Da wurde der Himmel schwarz. Dumpf grollte Donner.
Erid schaute nach oben. „Ist das die einzige Antwort, die dir einfällt?“
Ein eisiger Windhauch schnitt ihm ins Gesicht. Hope kam zu ihm, leckte seine Hand und nahm sie zwischen ihre Fänge. Sie zog ihn fort zum Tannenwald.
Hinter ihnen braute sich ein zorniges Unwetter zusammen. Blitze und Donner jagten sie. Erid rannte, sie mussten den schützenden Wald erreichen. Nur noch wenige Meter. Doch plötzlich prallte er gegen eine Wand. Eine undurchsichtige Wand, die so hart war, dass er sich den Kopf daran stieß. Der Schmerz trieb ihm Tränen in die Augen.
Aber das Unwetter war vorbei. Hope winselte und rieb ihren Kopf an Erids Bein. Erid drehte sich um.
Langsam trieb es auf ihn zu.
Am Horizont glühte der goldrote Streifen.
7.12.
Erids Gesicht brannte vom Aufprall an die Wand. Immer noch benommen starrte er auf das Ding. Abwehrend hob er die Arme.
Ein brennender Dornbusch rollte auf ihn zu, angetrieben vom Wind. Wie konnte so etwas angehen? Mitten im Schnee Feuer!
Ihm wurde heiß. Er zwang sich, die Kleidung anzubehalten. Voller Angst presste er sich an die unsichtbare Wand; langsam sank er in die Knie. Es roch angesengt. Hope wühlte sich winselnd eine Höhle. Das Feuer fraß zischend den Schnee; Dunst stieg auf.
„Erid, gib nicht auf. Du bist unsere Hoffnung.“ Er zuckte zusammen, als er Irins Stimme hörte. Wie lange war es her. „Folge Hope, folge deinem Gewissen“, sagte Irin.
Dann erlosch das Feuer. Erid griff in die Asche. Tränen tropften in den Schnee. Wie lange war es her? Irin, sein Mädchen, seine Liebe.